Gesellschaft | 12.07.2010

Eine lang gehegte Vision wird Realität

Wie kommt man auf die Idee, mit wildfremden Leuten durch die ganze Schweiz zu wandern? Get-Together-Initiantin Ramona Schneider erklärt den Ursprung des Wanderprojekts.
Welche Sprache sprichst Du?: Am Get-Together sind alle willkommen. Fotos: PD Hauptprobe geglückt: Der Pilotversuch im letzten Herbst endete mit einem Fest in einer Villa über dem Lac de Neuchâtel. Die Projektgruppen tauschten sich über Sprachgrenzen aus.

Es ist eine lang gehegte Vision, die seit gestern Realität ist: Wandern ohne Grenzen. In diesem konkrekten Fall, das Wandern über die Sprachgrenzen innerhalb der Schweiz. Das Projekt “Get-Together”, das am Montag seinen Auftakt in Müstair (GR) und Chancy (GE) hatte, möchte auf die Sprachen- und Kulturenvielfalt in der Schweiz aufmerksam zu machen. “Durch nichts geht dies besser, als durchs Reisen”, sagt Initiantin Ramona Schneider.

 

Idee in Tunesien

Es ist bezeichnend, dass die 25-jährige Zürcherin die Idee für diesen kulturellen Austausch in einem fremden Land hatte. Vor sechs Jahren war sie als Animatorin in einem Hotel in Tunesien angestellt. Durch den Kontakt mit Touristen und Einheimischen, kam sie in Berührung mit ihr bis anhin fremden Kulturen. “Ich merkte, wie spannend aber auch hemmungsabbauend und befreiend solche Begegnungen sind”, sagt Schneider. In einer ruhigen Minute kam ihr die Idee einer gemeinsamen Reise, der sich alle Leute anschliessen können. Zugleich war ihr klar, dass Wandern die geeignete Fortbewegungsart ist. “Es kommt einer Entschleunigung des hektischen Alltags gleich, bei der die Umwelt umso bewusster wahrgenommen wird”, sagt Schneider.

 

Die Ambitionen der damals 19-Jährigen waren gross. Als Ausgangspunkte wählte sie den nördlichsten und den südlichsten Punkt Europas: Eine Gruppe sollte vom finnischen Nordkap, die andere vom spanischen Gibraltar losmarschieren. Ein Mammutprojekt, mit dem Schneider zunächst wenig Verständnis erntete. Schlimmer noch: Als sie ihre Idee möglichen Unterstützungspartnern präsentierte, wurde sie nicht ernst genommen. “Man sagte mir, ich sei zu jung oder ich hätte die falsche Ausbildung, um ein solches Grossprojekt durchzuziehen”, erinnert sich Schneider. Das wollte die gelernte Schriftenmalerin nicht auf sich sitzen lassen und ging in die Offensive.

 

Wille und Ausdauer

Nicht zuletzt mit der Motivation, die sie aus einer möglichen Realisierung des Projekts zog, bildete sich die ehemalige Realschülerin im Selbsttudium bis zur Maturandin fort. Die Aufnahme des Studiums für soziokulturelle Animation an der Hochschule in Luzern war der nächste Schritt ihres Masterplans. Entscheidend war jedoch der Beginn eines Praktikums bei Infoklick.ch (Kinder- und Jugendförderung Schweiz) in Bern vor zwei Jahren. Dort habe sie das erste Mal das Vertrauen von offizieller Seite gespürt. Man stellte Schneider wertvolles Know-How und ein Netzwerk zur Verfügung und übertrug ihr die volle Verantwortung. Innerhalb von zwei Jahren wurden Sponsoren gefunden und Projektgruppen zum Thema Wandern und Viersprachigkeit gegründet. Ein Pilotversuch im letzten Herbst und über zehn Etappen verlief erfolgreich.

Dass das Projekt im Vergleich zur Ursprungsidee redimensioniert wurde, stört Ramona Schneider nicht: “Ich war sofort begeistert vom Leitmotiv der Viersprachigkeit. Die Schweiz bietet eine kulturelle Vielfalt, die vielen gar nicht bewusst ist.” Die Mehrsprachigkeit sei eben auch Teil dieser Vielfalt. “Sprache und Kultur beeinflussen einander gegenseitig”, meint Schneider. Und ist das Projekt ein Erfolg, liesse es sich später auf ganz Europa übertragen. Die Vision lebt weiter und die ganze Schweiz kann sich daran beteiligen.

 


Get-Together 12. Juli – bis 15. August:

Get-Together – das sind zwei Menschengruppen, die quer durch die Schweiz wandern, um sich am Ende auf dem Berner Bundesplatz für ein grosses Fest zu treffen. Ihre Mission: Sie wollen aufmerksam machen auf die Sprachenvielfalt in unserem Land. In je 25 Etappen werden die Sprachgrenzen auf dem “Kulturweg Alpen” sprichwörtlich überschritten. Verschiedene Projekttage versprechen eine Sensibilisierung mit der Thematik. Die Organisatoren wollen ein gemeinsames Bewusstsein für die sprachliche und kulturelle Vielfalt unseres Landes schaffen, indem sie die Begegnung und den Dialog zwischen den Sprachgemeinschaften fördern.

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