Gesellschaft | 28.07.2010

Drei Tage Hebron: verrückter Alltag

Ich erreiche Hebron am Samstagnachmittag während der wöchentlichen Demonstration. Der Tag ist schon alt und abgenutzt, aber die Ungerechtigkeit schläft noch nicht, sondern streckt nur weiter ihre scharfen Krallen aus.
Siedlertour durch die Altstadt von Hebron Überdachter Markt zum Schutz der Palästinenser. Siedler werfen regelmässig Steine, Flaschen, Eier... Der Zugang zu Shuhada Street, bei dem wir gestoppt werden Links die Siedlung Kiryat Arba, rechts palästinensische Häuser der Al-Bweire-Nachbarschaft Der gesperrte Zugang nach Al Bweire. Links: Kiryat Arba Das Ba'qa-Tal. Soldaten entfernen Bewässerungsanlagen aus palästinensischen Feldern

Samstag: „Occupation no more!“

Gewalt ist in der palästinensischen Stadt im Westjordanland an der Tagesordnung. Am Morgen früh haben jüdische Siedler den jungen Mohammed vor dem Laden seines Vaters brutal zusammengeschlagen und gedroht, ihn mit ihren M-16 zu erschiessen. Israelische Soldaten standen bei einem Kontrollpunkt nur wenige Meter vom Geschehen entfernt und taten nichts, um die Attacke auf den Jungen zu stoppen.

Die Demonstration verläuft anders als gewöhnlich. Bereits nach wenigen Minuten wird ein israelischer Aktivist grundlos festgenommen, anscheinend eine Verwechslung. Palästinenser und internationale Aktivisten versuchen, die Verhaftung zu verhindern, indem sie sich zwischen die Soldaten drängen. Ein Gerangel, und schliesslich der Sieg der Uniformen, der Sieg der Waffen, einmal mehr. Gefordert wird eine Öffnung der Shuhada Street, die nur Juden zugänglich ist. Gefordert wird Gerechtigkeit und ein Ende der Besatzung. „One two three four, occupation no more!“, hallt es durch die schmalen Gassen von il-khalils Altstadt. Die Demonstration endet ohne weitere Zwischenfälle und ich mache mich auf zum Office des Christian Peacemaker Team (CPT), das ich die folgenden Tage begleiten werde.

 

„Die Waffe ablegen und an die Uni gehen“

Mit ihnen mache ich mich wenig später auf den Weg zur wöchentlichen Siedlertour: Bewohner verschiedener Siedlungen in den palästinensischen Gebieten kommen nach Hebron, wo sie von einem Führer aus Kiryat Arba herumgeführt werden. Sie wissen nicht, dass die Gitter über der Altstadt die Palästinenser vor Steinen, Flaschen und anderen Dingen schützen, welche die Siedler herunterwerfen. Sie hören nur, wie die Juden 1929 gewaltsam aus Hebron vertrieben wurden, und wie Hebron 1967 „befreit“ wurde. Von unzähligen Soldaten begleitet, spazieren sie durch die Gassen, während Palästinenser in ihren Häusern bleiben oder, aufgehalten von Soldaten, warten müssen. Manche wollen nur nach Hause, müssen nur eine Gasse weiter, müssen nur kurz an den Siedlern vorbei, aber die Soldaten bleiben hart. Jeder Versuch, mit ihnen zu sprechen, scheitert.

Stunden später, bei der Abendpatrouille mit dem CPT, schläft die Altstadt bereits, und nur einige wenige Geschäfte sind noch geöffnet. Das Geräusch des Drehtors an einem der Checkpoints durchdringt die abendliche Stille. Bei einem der Containercheckpoints nähert sich uns ein Soldat und murmelt „I know you“, was mich nervös macht. Woher sollte er mich denn kennen? Es stellt sich aber heraus, dass ich ihn tatsächlich bei meinem letzten Besuch in Hebron gesehen und mich sogar mit ihm unterhalten habe. Er sagt, er bewundere CPT, es sei eine wirklich nötige Sache hier. Und weiter: Wenn er könnte, würde er seine Uniform und seine Waffe ablegen und an die Uni gehen. Es sind Worte, die bewegen, vor allem, wenn man die Soldaten nur von Checkpoints und Demos kennt, ihre undurchdringlichen Gesichter, das Schubsen und Schlagen, die Verhaftungen, das Tränengas, die Blendgranaten. Er ist weit genug entfernt von seinem Posten, um solche Dinge sagen zu können. Auf weitere Fragen antwortet er: „Komm wieder, in eineinhalb Jahren, und ich werde dir alles erzählen.“

Auf dem Heimweg stoppen wir bei Mohammeds Vater. Mohammed ist aus dem Spital zurückgekehrt. Ausser einem stark geschwollenen blauen Auge, das er vorerst nicht mehr öffnen kann, geht es ihm gut.

 

Sonntag: 30 Minuten Umweg

Ein neuer Tag ist angebrochen. Von Mohammeds Vater erfahren wir, dass Mohammed am Abend auf die Polizeistation gebracht wurde, um zwei der Siedler zu identifizieren. Beide hatten zur Gruppe gehört, die ihn am Morgen angegriffen hatten. Der Vorfall wurde zwar aufgenommen, beide Siedler waren allerdings kurz danach wieder auf freiem Fuss, obwohl ihre Register voll von ähnlichen Geschehnissen sind. Einer der Soldaten, die zu jener Zeit Dienst hatten, wurde ebenfalls auf die Polizeistation bestellt. Immerhin etwas. Nach kurzer Zeit durfte aber auch er wieder gehen.

Am Mittag begleiten wir eine Horde Kinder, die von einem Sommerlager nach Hause gehen und dabei ein Stück auf Shuhada Street gehen müssen. Leider passiert es oft, dass die Kinder von Siedlern angegriffen werden. Heute ist es ziemlich ruhig und wir kommen mit einem Soldaten ins Gespräch, der sich danach erkundigt, was wir hier machen. Hebron ist „crazy“, sagt er. Zu viele Fanatiker, vor allem auf der Seite der Siedler. Zu viel Gewalt, zu viel Irrsinn.

Auf dem Rückweg werden wir von Soldaten gestoppt, die behaupten, wir könnten diesen Zugang zu Shuhada Street nicht benutzen. Wir widersprechen, sie antworten, wir dürften uns zwar auf Shuhada Street aufhalten, aber nicht diesen Zugang benutzen. Der Umweg dauert etwa eine halbe Stunde und führt bergauf und bergab durch die steilen Strassen von Hebron. Dabei ist unser Ziel nur zwei Gehminuten vom Zugang entfernt. Das ist Alltag für die Palästinenser, die Shuhada Street gar nicht mehr betreten dürfen.

 

Kinder sollen Streit provozieren

Mit dem Taxi geht es weiter nach Al Bweire, einer Ansammlung von Häusern gleich neben der Siedlung Kiryat Arba. Der Zugang ist für Autos blockiert, wir müssen den Weg zu Fuss zurücklegen. Früchte, Gemüse und andere Einkäufe vom Markt müssen getragen werden. Zudem werfen Siedlerkinder fast täglich mit Steinen nach den Leuten. Die palästinensischen Schulkinder suchen Schutz bei den Häusern, im offenen Feld haben sie allerdings keine Chance.

Schon von weitem ist ein neuer, auch unter israelischem Recht illegaler Aussenposten zu erkennen. Es ist ein Containerhaus, das von Siedlern auf palästinensisches Land gestellt wird. Wehren sich die Bauern, denen das Land gehört, kommen Soldaten und bringen sie weg. Die Siedler bleiben. Gott habe ihnen dieses Land gegeben, proklamieren sie mit einem breiten amerikanischen Akzent.

Wir besuchen eine palästinensische Familie, die erzählt, wie Siedler heute Morgen Teile der Felder abgebrannt hätten. Es ist unglaublich, und die Ungerechtigkeit tut weh, vor allem wenn man sich bewusst wird, wie wenig man dagegen ausrichten kann. Am Samstag sei ein Siedlerkind aufgetaucht, habe Trauben abgerissen und versucht, einen Streit mit Kindern der Familie zu provozieren. Die allerdings hatten von ihren Eltern das Verbot, das Siedlerkind auch nur anzufassen. Denn dann würden sofort erwachsene Siedler eingreifen und der Vorfall wäre Grund genug für einen Wachtposten oder eine weitere Landenteignung.

 

„Macht, was ihr wollt. Aber verschwindet von hier!“

Das Oberhaupt der Familie ist ein über hundertjähriger Mann, der sich noch an die alten Zeiten erinnert. An die Zeiten, als Juden, Christen und Moslems hier friedlich zusammen lebten. Es sei nur immer schlimmer gekommen, sagt er. Und wenn man denke, es könne nicht mehr schlimmer kommen, liege man falsch. In den letzten Tagen haben Siedler die beiden Autos der Familie übel zugerichtet, sie sind nicht mehr zu gebrauchen. Die Polizei oder das Militär greift nicht ein, lässt die meist schwer bewaffneten Siedler tun, was sie wollen.

Wir fahren zurück und denken, dass der Tag nicht noch mehr Unheil bringen könne. In Hebron erfahren wir, dass Abdullah, Mohammeds Cousin, von einem Siedler auf einem Motorrad überfahren wurde und nun im Spital liege. Über den Zustand des Jungen ist nichts bekannt. In der folgenden Nacht werden bei den Nachbarn von Mohammeds Familie die Scheiben eingeschlagen. Einige Meter weiter wird in einen palästinensischen Laden eingebrochen. Die Siedler scheinen es speziell auf Mohammeds Familie abgesehen zu haben. Sie glauben, die ganze Nachbarschaft zu kontrollieren zu können, sobald sie das Haus von Mohammeds Familie besitzen. Sie haben schon verschiedenste Angebote gemacht, bis hin zu einem offenen Check: „Ihr könnt gehen, wohin ihr wollt, wir werden euch Pässe besorgen. Und Geld, so viel ihr wollt. Aber verschwindet von hier!“ Dies ist kein Einzelfall. Da die Familie alles abgelehnt hat, bezahlt sie jetzt den Preis: das ewige Gefühl von Unsicherheit.

 

Montag: Blendgranaten für Wasserschläuche

Beim Frühstück erhalten wir die Nachricht, dass Siedler im Ba’qa Tal Wasserzisternen in palästinensischen Feldern zerstört hätten. Wir fahren sofort hin. Als wir ankommen, werden wir Zeuge, wie Soldaten die Bewässerungsanlage aus den Kohl- und Zucchettifeldern entfernen. Die schwarzen schlangenähnlichen Schläuche werden auf einem Lastwagen abtransportiert, die Familie schaut hilflos zu. Zuvor hatten die Soldaten Blendgranaten geworfen, eine ältere Frau und ein einjähriges Kind hatten von den lauten Explosionen Schocks erlitten. Auf die Frage, weshalb sie Blendgranaten einsetzten, obwohl sie keinen Widerstand vorgefunden hatten, antworten sie: „Einfach so. Haltet Abstand!“. Die Familie muss zusehen, wie ihr Leben zerstört wird, langsam aber sicher. 60 Donums, auf denen nun die Siedlung Kiryat Arba steht, hatten zum Land der Familie gehört. Was übrig blieb: sechs Donums, durch die die Hauptstrasse Road 60 führt. Sie hatten Kredite aufgenommen, um die Wasserschläuche zu bezahlen, um Wasser zu bezahlen, und da sitzen sie nun ohne Schläuche, ohne Wasser, ohne Geld und wahrscheinlich ohne Ernte.

 

„Alle Palästinenser sind Terroristen!“

Ich komme mit einem siebzehnjährigen Israeli ins Gespräch, dessen Mutter für Machsom Watch arbeitet. Ob er ins Militär gehen werde, frage ich ihn. „Natürlich!“ Ich erwidere, dass es Leute gebe, die nicht gingen. „Die sind alle Kriminelle!“ Ich schweige einen Moment, bin immer noch aufgewühlt vom Geschehen und dann plötzlich dieser Junge, der so felsenfest von der Moral der Israeli Defence Forces überzeugt ist. Unter anderem versucht er mir zu erklären, dass dieser Konflikt ein Krieg zwischen Soldaten und Terroristen sei. „Ein Krieg zwischen Soldaten und Zivilisten“, sage ich. „Schau dich doch um. Alle Palästinenser sind Terroristen!“, sagt er. „Hör auf zu generalisieren“, antworte ich. „Alle Palästinenser sind potentielle Terroristen.“ – „Alle Israeli sind potentielle Terroristen.“ Er scheint geschockt: „Wir sind keine Terroristen!“ Ich verweise ihn auf das Massaker 1994 in der Ibrahimi-Moschee in Hebron, bei dem der amerikanisch-israelische Siedler Baruch Goldstein 29 betende Moslems erschoss und 150 weitere verletzte. Davon scheint der Junge noch nie etwas gehört zu haben, scheint verwirrt. Allerdings endet unsere Unterhaltung hier, er geht wieder, zurück durch die Mauer, zurück nach Israel. Und ich gehe zurück nach Hebron. Abdullah ist bei Bewusstsein und kann wahrscheinlich bald nach Hause. Das freut uns alle.

Solche Geschehnisse sind zum Alltag in Hebron geworden. Und es ist kein Ende abzusehen. Der H1 genannte Kern von Hebron, der die Altstadt einschliesst und in dem etwa 40’000 Palästinenser leben, wird von 450 jüdischen Siedlern kontrolliert, die unter dem Schutz des Militärs stehen. Die Situation ist unglaublich. In Hebron schläft die Ungerechtigkeit nie. Und der wachsende Fanatismus und Rassismus der Siedler lässt die Chancen auf eine Besserung tagtäglich schwinden.