Sport | 13.07.2010

Die Fussball-WM – miterlebt in Brasilien

Text von Matthias Kempf
Der Himmel ist bedeckt, es zeichnet sich Regen ab. Doch das tut der Stimmung keinen Abbruch: Es ist Fussballweltmeisterschaft und Brasilien steht in den Achtelfinals. Der Gegner heisst Chile.
Torjubel nach dem ersten Tor von Luis Fabiano Gute Laune nach dem 2:0 Nach dem Spiel wird getanzt, getrunken und gefeiert (Fotos: Matthias Kempf)

Die Bar “Carangejo do Sergipe” in Salvador da Bahia füllt sich schnell. Während den WM-Spielen muss niemand arbeiten, das ist Gesetz. Ausser den unverzichtbaren Instanzen, die nie schlafen.

 

Böller, Tröten und Jubel

Das Spiel beginnt, die Tröten werden geblasen und die Fähnlein geschwungen. Aus den Favelas donnern die Böller und von überall hört man ein lautes “Aaaaeeeeeeeeeee!”. Das erste Tor fällt, Luis Fabiano, o Fabuloso (der Fabelhafte), bringt Brasilien 1:0 in Führung. Aufschrei in der ersten Hauptstadt Brasiliens. Böller, Tröten und Jubel vereinen sich. Autogehupe hört man keines, denn die sonst überfüllten Strassen sind menschenleer. Es folgt ein zweites und ein drittes Tor und die Brasilianer sind sich sicher, dass sie nur noch drei Spiele von ihrem ersehnten “Hexa”, dem sechsten Titel, entfernt sind. Der Schlusspfiff verwandelt die Bar in ein Tollhaus. Jung und alt springen auf und umarmen sich, eine Band beginnt zu spielen und alle tanzen vor ihren Tischen. Es wird fleissig weitergetrunken. Morgen muss man zwar wieder arbeiten, aber Brasilien hat wieder einmal gewonnen, das hat Vorrang und muss ordentlich gefeiert werden. So geht das noch Stunden weiter. Vom nächsten Gegner weiss man knapp, dass es sich um Holland handelt. Dass dieses Holland die Hoffnungen eines jeden Brasilianers zunichtemachen wird, daran denkt niemand. Zu gross ist der Glaube an die eigene Überlegenheit.

 

Die böse Überraschung

Ein paar Tage später passiert es: Brasilien scheidet in den Viertelfinals aus. Die Tränen fliessen, man liegt sich in den Armen, perplex und völlig überrascht von dem unerwarteten Resultat. Brasilien lebt für die Fussballweltmeisterschaft, das durfte ich hautnah miterleben. Es gibt wohl kein zweites Volk, das sich so mit seinem Team identifiziert, wie die Brasilianer. Mit dem Ausscheiden der Seleção ist für die Brasilianer auch die WM zu Ende gegangen. Dass Spanien zum ersten Mal den goldenen Pokal stemmen durfte, wurde, wenn überhaupt, emotionslos zur Kenntnis genommen. Hier hat man Wichtigeres im Kopf: die Fussballweltmeisterschaft 2014 im eigenen Land. «Dann wird es klappen mit dem “Hexa”, versichert mir ein Strassenverkäufer, “ganz sicher”.