Gesellschaft | 20.07.2010

Busfahren in Salvador de Bahia – der ganz normale Wahnsinn

Text von Matthias Kempf | Bilder von Matthias Kempf
Busfahren funktioniert überall gleich. Es sind dieselben zwei Fragen, die man sich in jeder fremden Stadt stellt: Welchen Bus muss ich nehmen, und wo muss ich aussteigen, um an mein Ziel zu gelangen? In der Schweiz findet jeder dank Fahrplänen und Busrouten im Internet seine Wunschdestination. Schwieriger gestaltet sich dieses Unterfangen auf der anderen Seite der Erde. Genauer in Salvador, der Hauptstadt des Bundesstaates Bahia in Brasilien.
Eine gewöhnliche Busstation an der Küste Salvadors. Mit hoher Geschwindigkeit trifft der Bus ein. Ein typischer Omnibus in Salvador, mit dem Eingang und dem Schaffner im hinteren Bereich.
Bild: Matthias Kempf

Acht Uhr morgens, die Sonne scheint. Ich stehe an der Busstation und kenne meine Zielhaltestelle– ein grosser Vorteil. Doch welchen Bus ich nehmen muss, das weiss ich nicht. Und so etwas wie Liniennetze oder Fahrpläne gibt es keine. Nicht einmal offizielle Stationsnamen: Die Busse sind konkurrierende Privatunternehmer.

Ein Bus nach dem anderen rauscht an mir vorbei. Ohne ein energisches Winken hält keiner an. Von Weitem kann ich knapp den Zielort erkennen. Wo der Bus dazwischen hält, ist bei der Geschwindigkeit nicht auszumachen.

 

Rasende Sardinenbüchsen

Ich stoppe einen Bus, den ich für eine mögliche Option halte. Die Busse in Brasilien haben zwei Türen: eine hinten und eine vorne. Die vordere ist nur zum Aussteigen, ausser für Senioren ab 60. Für Rentner ist das Busfahren gratis. Das breite Fussvolk aber drängt sich durch die hintere Tür. Da warten nach drei Stufen ein Drehkreuz und der Cobrador auf einen. Der Cobrador ist der Schaffner – mit dem einzigen Unterschied, dass dieser Cobrador halb schlafend in seinem Sessel sitzt und Musik hört. Ich muss also laut schreien: «Passa Porto da Barra!!?« «Passa«, lautet die gelangweilte Antwort. Der Bus fährt an meine Station. Ich springe in den schon wieder anfahrenden Bus, lege dem Cobrador die 2.30 Reais Fahrtgebühren auf sein Tischchen und passiere das Drehkreuz.

Busse in Brasilien kann man als rasende Sardinenbüchsen beschreiben, denn Busfahrer ist nicht einfach ein Beruf, es ist eine Passion. Es kommt nicht selten vor, dass sich Busfahrer Rennen liefern. Zum Leidwesen der Passanten, die an der Haltestelle energisch winken. Denn wegen seiner hohen Geschwindigkeit muss der Fahrer weiterfahren.

 

Ungebetene Gäste

Nach drei Minuten schüttelnder Fahrt steigt ein Süssigkeitenverkäufer ein und preist seine Ware an. An der nächsten Station steigt ein betrunkener Rentner zu, der jeden einzelnen Passagier um Geld anbettelt. Geld sammeln im Bus ist keine Seltenheit. Egal für was. Studiengebühren, Arztbesuch, Überleben, für alles wird im Bus um Geld gebettlet. Meist mit grösserem Erfolg als auf der Strasse.

An der nächsten Ampel reichen junge Frauen Flugblätter, so genannte Folhetos, durch die Fenster. Und während der Bus bei Grün losrast, um seinen Konkurrenten abzuhängen, singt Ivete Sangalo, einer der grössten Popstars Brasiliens, im businternen Fernsehen ihre Hits.

 

An der Leine ziehen

Nach halbstündiger Fahrt komme ich meiner Station näher. Ich stehe auf und ziehe an der Leine, die durch den Bus gespannt ist, um meinen Ausstieg erkenntlich zu machen. Da der Fahrer ein wenig zu eilig unterwegs war, hält er einige Meter nach der Station. Der Herr vor mir sagt dem Busfahrer beim Aussteigen «Obrigado«, wie das alle Brasilianer tun. Ich sehe davon ab, mich beim Busfahrer für diese Fahrt zu bedanken. Stattdessen bedanke ich mich nach Verlassen des Busses ganz still beim Herrn dafür, diese Fahrt überlebt zu haben. Insgeheim freue ich mich aber schon auf die nächste.