Gesellschaft | 22.07.2010

Beruf Auslandkorrespondent in Brasilien

Text von Matthias Kempf
Ein Gespräch über das Leben als Journalist in Brasilien, den brasilianischen Journalismus und die kleinen aber feinen Unterschiede im grössten Land Südamerikas.
Alexander Busch, deutscher Journalist in Brasilien "Wirtschaftsmacht Brasilien", das Buch zum neuen Brasilien, erschienen beim Hanser Verlag

Ich treffe Alexander Busch in einem japanischen Restaurant mitten im Zentrum von Sao Paulo. Er ist deutscher Korrespondent der “Wirtschaftswoche”, des “Handelsblatt” und der Schweizer “Finanz und Wirtschaft”. Vor 16 Jahren ist der 47-jährige über die Zeitung nach Brasilien gekommen, nachdem er 1989 schon ein Jahr im Bundesstaat Bahia gelebt und über die Region ein Buch verfasst hatte. Heute lebt und arbeitet Alexander Busch in Sao Paulo und Salvador de Bahia. 2009 ist sein Buch “Wirtschaftsmacht Brasilien” beim Hanser Verlag erschienen.

 

Herr Busch, was waren die grössten Anfangsschwierigkeiten, als Sie nach Brasilien kamen?

Ganz klar das Geld. Ich wusste nicht genau, was von mir aus Europa verlangt wurde, wusste nicht, was interessant sein könnte und hatte auch noch kein Netzwerk, dessen ich mich bedienen konnte.

 

Inwiefern unterscheidet sich Ihre Arbeit in Brasilien von der in Europa?

Hier habe ich viel mehr Freiheiten. Ich kann die Themen grösstenteils selbst auswählen und entscheiden, was Wichtigkeit hat.

 

Was unterscheidet den brasilianischen Journalismus vom europäischen?

Im Bereich Wirtschaft arbeitet der brasilianische Journalismus ziemlich ähnlich. In den anderen Bereichen ist er weniger fundiert. Das hängt aber mit der Arbeitsintensität der brasilianischen Journalisten zusammen, die für die gleiche Arbeit eines Schweizer Journalisten viel weniger Geld bekommen und so gezwungen sind, bis zu drei Themen am Tag zu bearbeiten. Dabei geht natürlich die Qualität verloren.

 

Was für ein Ansehen hat der Journalismus in Brasilien?

Der Journalismus ist die dritte Macht im Land. Die Politiker brauchen und hassen die Journalisten zugleich. Der Journalismus bietet aber auch mehr Unterhaltung und hat Platz für kleine Scherze zwischendurch, vor allem im Fernsehen. Der Journalismus und der Journalist haben daher in Brasilien ein gutes Ansehen.

 

Ist beim Redigieren und Recherchieren mehr Vorsicht geboten als bei uns?

Im Bereich Wirtschaft nicht. In den restlichen Bereichen muss man eher aufpassen. Lokaljournalisten leben gefährlich, wenn sie ihre Nase zu tief in die Angelegenheiten gewisser Mächte stecken. Als Ausländer ist man da ein wenig geschützter.

 

Was ist die grösste Herausforderung für einen Journalisten in Brasilien?

Die grösste Herausforderung ist es, das neue Brasilien, die Realität, zu zeigen. Das ist sehr schwierig, da man in Europa Brasilien kaum als Wirtschaftsmacht, oder wirtschaftliche Bedrohung wahrnimmt. In den Köpfen der meisten Leute ist Brasilien ein Schwellenland, mit dem sie Strand, Carnaval, Samba, Sonne, Caipirinha und eine hohe Kriminalitätsrate verbinden. Die Entwicklungen der letzten 10, 15 Jahre wurden kaum wahrgenommen. Deshalb habe ich auch das Buch “Wirtschaftsmacht Brasilien” verfasst.

 

Kommen Sie als ausländischer Journalist näher an gewisse Themen ran, als inländische?

Nein, die inländischen Journalisten haben Vorrang. Und im Bereich Politik schon gar nicht. “Was kümmert einen Gringo unsere Politik, und warum soll ich ihm unser Tun erklären?”, ist hier die Haltung vieler Politiker.

 

Darf man in Brasilien kritische Fragen stellen?

Ja, aber mit Taktgefühl. Die Direktheit deutscher oder amerikanischer Journalisten gibt es hier nicht. Man ist respektvoller und lässt sein Gegenüber auch ausreden. Politiker unterbricht man nicht.

 

Ist es für Ausländer einfacher, an gut bezahlte Jobs heranzukommen?

Nein, im Gegenteil. In Brasilien wird man vermittelt. Ausgeschriebene Jobs gibt es praktisch keine. Man muss immer jemanden kennen, um einen Job zu bekommen. Das wird sich jedoch mit der wachsenden Wirtschaft in den nächsten zwei bis drei Jahren ändern, denn diese Vetternwirtschaft führt zu einem Qualitätsverlust. Ändern wird es sich aber wohl nur in den Wirtschaftszentren, wie Rio de Janeiro und Sao Paulo.

 

Könnten Sie es sich vorstellen, wieder in Europa zu arbeiten?

Nein, das kommt für mich nicht in Frage. Eher würde ich in einen ganz anderen Teil der Erde gehen. Das Leben als Auslandjournalist ist zwar anstrengender und zeitweise schwierig, dafür aber auch intensiver, abwechslungsreicher und sehr aufregend. Darauf möchte ich nicht mehr verzichten.