28.07.2010

Balancieren zwischen Bäumen

Hin und her. Her und hin. Das Band schwingt und schwingt, und doch scheint er das Gleichgewicht scheinbar Minuten lang halten zu können. Plötzlich fängt er mit den Armen an zu rudern, der Rücken biegt sich nach hinten, die Füsse verlieren ihren Halt. Dann landet er katzengleich auf dem Boden.
Nervenkitzel auf dem Slackline
Bild: Michael Dolensek / BodenseeCamp 2010

“Ich mach das zwar schon länger, aber das Gleichgewicht auf der Slackline zu halten, kann manchmal tückisch sein”, sagt Christian, einer der vielen, die sich mit mehr oder weniger Erfolg an dem zwischen zwei Bäumen gespannten Band täglich versuchen.

Die Slackline haben wir gelangweilten Bauarbeitern und erfinderischen Bergsteigern aus dem Yosemite-Nationalpark in den USA zu verdanken. Sie spannten bereits in den 60er-Jahren Absperrleinen und -ketten auf Parkplätzen, um sich die Zeit in den Pausen zu vertreiben.

 

Balanceversuche

“Hier in Deutschland ist dieser Freizeitsport erst vor drei bis vier Jahren populär geworden, betrieben wird er jedoch schon mindestens doppelt so lange”, sagt Christian und versucht erneut auf die Leine zu steigen. Bestenfalls, um oben zu bleiben. Diesmal gelingt es ihm schon etwas länger als beim ersten Versuch.

 

Langsam nähern sich andere Neugierige. Sie stehen auf beiden Seiten der Slackline und machen staunende, neugierige und teilweise auch argwöhnische Gesichter. Wann er wohl fallen wird?

 

Nach ein paar Minuten finden bereits die ersten zaghaften Balanceversuche statt. Manche werden auf dem Band von Freunden geführt, andere blicken mit aller Macht geradeaus und konzentrieren sich auf einen bestimmten Punkt. Wieder andere versuchen sich seitlich auf die Slackline zu stellen, den Kopf nach vorn gebeugt, die Beine angewinkelt, wie ein Surfer auf seinem Brett.

 

Zwei Sekunden zu viel

Arme rudern durch die Luft, Knie zittern, Füsse rutschen ab, ob mit oder ohne Schuhe. Von fern sieht es aus wie ein Drahtseilakt ohne Sicherung, Luftakrobatik knapp über dem Boden. Je später der Abend, umso waghalsiger werden die Balance-Versuche, getreu dem Motto: Wer wagt, gewinnt. Auf der Slackline wird gesprungen, rückwärts gelaufen und geschaukelt. Einige setzen zu einem Spurt an, der jedoch meist nach kurzer Zeit auf dem Boden endet. Wer schon länger da ist, hilft denjenigen, die gerade erst dazugekommen sind. Man gibt sich gegenseitig Tipps. Neue Tricks werden vorgeführt. Immer besser beherrschen die nun etwas Geübteren die Slackline. Das Band scheint für ein, zwei Stunden der Mittelpunkt des Camps zu sein.

 

Bald haben sich so viele Probierfreudige versammelt, dass eine zweite Slackline gespannt wird. Etwas höher, etwas schmaler. Die Herausforderung wächst. Schon hat sich der Nächste auf das neue Band begeben. Er hält sich kurz am Baum, setzt zaghaft einen Fuss nach vorn. Es folgt der Arm zum Ausbalancieren. Das Seil unter ihm beginnt zu zittern und zu schwingen. Seine Fingerspitzen verlassen den sicheren Halt. Er geht einige Meter nach vorn, stellt sich seitlich und begiebt sich in die Surferstellung. Dann der Versuch, sich zu drehen. Zwei Sekunden auf einem Bein sind zu viel. “Runter geht es immer schneller als rauf” sagt er und verschwindet in Richtung Lagerfeuer.

 

Nun wird es langsam dunkel, der Tag geht seinem Ende zu. Ein paar besonders angefresse Slackliner hält das nicht davon ab, im Licht der Scheinwerfer weiter an ihrer Koordination und Balance zu feilen. Spätestens beim ersten Gelächter, das vom Lagerfeuer herüberschallt, löst sich die Gruppe der Slacklinebegeisterten dann aber doch auf. Die Aufgabe des Bandes hat sich nun geändert: hinsetzen, miteinander reden und sich nach all dem Nervenkitzel entspannen.

 

 

Info zum Text


Dieser Text entstand am Bodenseecamp 2010 im Reportage-Workshop unter Anleitung von Tink.ch-Verlagsleiter Janosch Szabo und erscheint auf Tink.ch in leicht veränderter Form.

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