Nada Surf: “Always Love” in der Schüür

Nada Surf schafft es, eine musikalische Landschaft zu erzeugen, auf der gute Laune und Hochgefühle über eine stille Melancholie im Hintergrund fliegen. Dabei verlangen sie vom Publikum, sich doch bitte endlich mal zu verlieben, ehe der Sommer um ist. Ich trank gemütlich mein Bier und lauschte eineinhalb Stunden den Klängen, die Nada Surf ihren Instrumenten entlockten. Sie verzichteten grösstenteils auf Kommentare zwischen den einzelnen Songs, sodass es sehr wenige und nur kurze Unterbrüche zwischen den 21 Stücken gab, die sie spielten. Von Beginn weg kreierten sie eine träumerische Atmosphäre und hielten sie bis zum Schluss aufrecht. Mit dem letzten Song „Blankest Year“ wurde sie aufgelöst, als das Publikum fröhlich die Hookline “Ooooh fuck it!” mitsang.

Für alle, die Nada Surf schon länger kannten, liess die Setlist fast keine Hoffnungen unerfüllt. Sie spielten alle ihre bekannten Songs wie “Weightless”, “Whose Authority”, “See these Bones”, “Popular”, “Blankest Year” und “Inside of Love”. Letzterer fand auch Verwendung in der amerikanischen TV-Serie “How I Met Your Mother”. Als Zugabe stimmten sie ihre grosse Hymne “Always Love” an, auf welche sich viele das ganze Konzert über gefreut hatten.

Als ich mich nach dem Konzert auf den Nachhauseweg machte, regnete es zwar immer noch, aber die eineinhalb Stunden Nada Surf legten sich wie ein Schutzfilm über die Haut und das gute Gefühl hielt an, bis ich zufrieden und glücklich einschlief.

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Die fliessende Bühne

Täglich Konzerte auf dem Rhein

Am Dienstag 27. Juli ist es soweit: Das Openair-Festival „im Fluss“ (auch bekannt als „Floss“ oder „Kulturfloss“) beginnt seine Konzertreihe in Basel am Rhein. Mit dem Konzert von „Firewater“ wird die schwimmende Bühne am Kleinbasler Rheinufer zum elften Mal eröffnet. Bis am 14. August wird das Floss täglich zwischen 21:00 und 22:00 Uhr von diversen Live-Acts bespielt. (Ausnahme: am 31. Juli 2010 werden zwei Konzerte zwischen 19:50 und 22:30 Uhr gespielt.)

 

Für jeden Geschmack etwas

Das Line-Up beinhaltet regionale, nationale und internationale Bands und präsentiert sich äusserst vielfältig: 18 verschieden Bands aus den Bereichen Pop, Rock, Punk, HipHop, Crossover, Blues und Worldmusic werden an den 17 Spieltagen für Stimmung sorgen. Der Eintritt für die Konzerte ist frei.

 

Finanzierung gesichert

Unter dem Motto „Ökostrom rockt!“ hat sich das Festival einen neuen Partner und Sponsor an Bord gezogen. Die IWB versorgt das Festival mit Strom aus 100% erneuerbaren Energiequellen.

 

Tink.ch wird bei ausgewählten Konzerten dabei sein und darüber berichten.

 

Nächste Veranstaltung


Firewater (USA), Di. 27. Juli 2010, 21:00 – 22:00 Uhr

 

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Drei Tage Hebron: verrückter Alltag

Samstag: “Occupation no more!”

Gewalt ist in der palästinensischen Stadt im Westjordanland an der Tagesordnung. Am Morgen früh haben jüdische Siedler den jungen Mohammed vor dem Laden seines Vaters brutal zusammengeschlagen und gedroht, ihn mit ihren M-16 zu erschiessen. Israelische Soldaten standen bei einem Kontrollpunkt nur wenige Meter vom Geschehen entfernt und taten nichts, um die Attacke auf den Jungen zu stoppen.

Die Demonstration verläuft anders als gewöhnlich. Bereits nach wenigen Minuten wird ein israelischer Aktivist grundlos festgenommen, anscheinend eine Verwechslung. Palästinenser und internationale Aktivisten versuchen, die Verhaftung zu verhindern, indem sie sich zwischen die Soldaten drängen. Ein Gerangel, und schliesslich der Sieg der Uniformen, der Sieg der Waffen, einmal mehr. Gefordert wird eine Öffnung der Shuhada Street, die nur Juden zugänglich ist. Gefordert wird Gerechtigkeit und ein Ende der Besatzung. “One two three four, occupation no more!”, hallt es durch die schmalen Gassen von il-khalils Altstadt. Die Demonstration endet ohne weitere Zwischenfälle und ich mache mich auf zum Office des Christian Peacemaker Team (CPT), das ich die folgenden Tage begleiten werde.

 

“Die Waffe ablegen und an die Uni gehen”

Mit ihnen mache ich mich wenig später auf den Weg zur wöchentlichen Siedlertour: Bewohner verschiedener Siedlungen in den palästinensischen Gebieten kommen nach Hebron, wo sie von einem Führer aus Kiryat Arba herumgeführt werden. Sie wissen nicht, dass die Gitter über der Altstadt die Palästinenser vor Steinen, Flaschen und anderen Dingen schützen, welche die Siedler herunterwerfen. Sie hören nur, wie die Juden 1929 gewaltsam aus Hebron vertrieben wurden, und wie Hebron 1967 “befreit” wurde. Von unzähligen Soldaten begleitet, spazieren sie durch die Gassen, während Palästinenser in ihren Häusern bleiben oder, aufgehalten von Soldaten, warten müssen. Manche wollen nur nach Hause, müssen nur eine Gasse weiter, müssen nur kurz an den Siedlern vorbei, aber die Soldaten bleiben hart. Jeder Versuch, mit ihnen zu sprechen, scheitert.

Stunden später, bei der Abendpatrouille mit dem CPT, schläft die Altstadt bereits, und nur einige wenige Geschäfte sind noch geöffnet. Das Geräusch des Drehtors an einem der Checkpoints durchdringt die abendliche Stille. Bei einem der Containercheckpoints nähert sich uns ein Soldat und murmelt “I know you”, was mich nervös macht. Woher sollte er mich denn kennen? Es stellt sich aber heraus, dass ich ihn tatsächlich bei meinem letzten Besuch in Hebron gesehen und mich sogar mit ihm unterhalten habe. Er sagt, er bewundere CPT, es sei eine wirklich nötige Sache hier. Und weiter: Wenn er könnte, würde er seine Uniform und seine Waffe ablegen und an die Uni gehen. Es sind Worte, die bewegen, vor allem, wenn man die Soldaten nur von Checkpoints und Demos kennt, ihre undurchdringlichen Gesichter, das Schubsen und Schlagen, die Verhaftungen, das Tränengas, die Blendgranaten. Er ist weit genug entfernt von seinem Posten, um solche Dinge sagen zu können. Auf weitere Fragen antwortet er: “Komm wieder, in eineinhalb Jahren, und ich werde dir alles erzählen.”

Auf dem Heimweg stoppen wir bei Mohammeds Vater. Mohammed ist aus dem Spital zurückgekehrt. Ausser einem stark geschwollenen blauen Auge, das er vorerst nicht mehr öffnen kann, geht es ihm gut.

 

Sonntag: 30 Minuten Umweg

Ein neuer Tag ist angebrochen. Von Mohammeds Vater erfahren wir, dass Mohammed am Abend auf die Polizeistation gebracht wurde, um zwei der Siedler zu identifizieren. Beide hatten zur Gruppe gehört, die ihn am Morgen angegriffen hatten. Der Vorfall wurde zwar aufgenommen, beide Siedler waren allerdings kurz danach wieder auf freiem Fuss, obwohl ihre Register voll von ähnlichen Geschehnissen sind. Einer der Soldaten, die zu jener Zeit Dienst hatten, wurde ebenfalls auf die Polizeistation bestellt. Immerhin etwas. Nach kurzer Zeit durfte aber auch er wieder gehen.

Am Mittag begleiten wir eine Horde Kinder, die von einem Sommerlager nach Hause gehen und dabei ein Stück auf Shuhada Street gehen müssen. Leider passiert es oft, dass die Kinder von Siedlern angegriffen werden. Heute ist es ziemlich ruhig und wir kommen mit einem Soldaten ins Gespräch, der sich danach erkundigt, was wir hier machen. Hebron ist “crazy”, sagt er. Zu viele Fanatiker, vor allem auf der Seite der Siedler. Zu viel Gewalt, zu viel Irrsinn.

Auf dem Rückweg werden wir von Soldaten gestoppt, die behaupten, wir könnten diesen Zugang zu Shuhada Street nicht benutzen. Wir widersprechen, sie antworten, wir dürften uns zwar auf Shuhada Street aufhalten, aber nicht diesen Zugang benutzen. Der Umweg dauert etwa eine halbe Stunde und führt bergauf und bergab durch die steilen Strassen von Hebron. Dabei ist unser Ziel nur zwei Gehminuten vom Zugang entfernt. Das ist Alltag für die Palästinenser, die Shuhada Street gar nicht mehr betreten dürfen.

 

Kinder sollen Streit provozieren

Mit dem Taxi geht es weiter nach Al Bweire, einer Ansammlung von Häusern gleich neben der Siedlung Kiryat Arba. Der Zugang ist für Autos blockiert, wir müssen den Weg zu Fuss zurücklegen. Früchte, Gemüse und andere Einkäufe vom Markt müssen getragen werden. Zudem werfen Siedlerkinder fast täglich mit Steinen nach den Leuten. Die palästinensischen Schulkinder suchen Schutz bei den Häusern, im offenen Feld haben sie allerdings keine Chance.

Schon von weitem ist ein neuer, auch unter israelischem Recht illegaler Aussenposten zu erkennen. Es ist ein Containerhaus, das von Siedlern auf palästinensisches Land gestellt wird. Wehren sich die Bauern, denen das Land gehört, kommen Soldaten und bringen sie weg. Die Siedler bleiben. Gott habe ihnen dieses Land gegeben, proklamieren sie mit einem breiten amerikanischen Akzent.

Wir besuchen eine palästinensische Familie, die erzählt, wie Siedler heute Morgen Teile der Felder abgebrannt hätten. Es ist unglaublich, und die Ungerechtigkeit tut weh, vor allem wenn man sich bewusst wird, wie wenig man dagegen ausrichten kann. Am Samstag sei ein Siedlerkind aufgetaucht, habe Trauben abgerissen und versucht, einen Streit mit Kindern der Familie zu provozieren. Die allerdings hatten von ihren Eltern das Verbot, das Siedlerkind auch nur anzufassen. Denn dann würden sofort erwachsene Siedler eingreifen und der Vorfall wäre Grund genug für einen Wachtposten oder eine weitere Landenteignung.

 

“Macht, was ihr wollt. Aber verschwindet von hier!”

Das Oberhaupt der Familie ist ein über hundertjähriger Mann, der sich noch an die alten Zeiten erinnert. An die Zeiten, als Juden, Christen und Moslems hier friedlich zusammen lebten. Es sei nur immer schlimmer gekommen, sagt er. Und wenn man denke, es könne nicht mehr schlimmer kommen, liege man falsch. In den letzten Tagen haben Siedler die beiden Autos der Familie übel zugerichtet, sie sind nicht mehr zu gebrauchen. Die Polizei oder das Militär greift nicht ein, lässt die meist schwer bewaffneten Siedler tun, was sie wollen.

Wir fahren zurück und denken, dass der Tag nicht noch mehr Unheil bringen könne. In Hebron erfahren wir, dass Abdullah, Mohammeds Cousin, von einem Siedler auf einem Motorrad überfahren wurde und nun im Spital liege. Über den Zustand des Jungen ist nichts bekannt. In der folgenden Nacht werden bei den Nachbarn von Mohammeds Familie die Scheiben eingeschlagen. Einige Meter weiter wird in einen palästinensischen Laden eingebrochen. Die Siedler scheinen es speziell auf Mohammeds Familie abgesehen zu haben. Sie glauben, die ganze Nachbarschaft zu kontrollieren zu können, sobald sie das Haus von Mohammeds Familie besitzen. Sie haben schon verschiedenste Angebote gemacht, bis hin zu einem offenen Check: “Ihr könnt gehen, wohin ihr wollt, wir werden euch Pässe besorgen. Und Geld, so viel ihr wollt. Aber verschwindet von hier!” Dies ist kein Einzelfall. Da die Familie alles abgelehnt hat, bezahlt sie jetzt den Preis: das ewige Gefühl von Unsicherheit.

 

Montag: Blendgranaten für Wasserschläuche

Beim Frühstück erhalten wir die Nachricht, dass Siedler im Ba’qa Tal Wasserzisternen in palästinensischen Feldern zerstört hätten. Wir fahren sofort hin. Als wir ankommen, werden wir Zeuge, wie Soldaten die Bewässerungsanlage aus den Kohl- und Zucchettifeldern entfernen. Die schwarzen schlangenähnlichen Schläuche werden auf einem Lastwagen abtransportiert, die Familie schaut hilflos zu. Zuvor hatten die Soldaten Blendgranaten geworfen, eine ältere Frau und ein einjähriges Kind hatten von den lauten Explosionen Schocks erlitten. Auf die Frage, weshalb sie Blendgranaten einsetzten, obwohl sie keinen Widerstand vorgefunden hatten, antworten sie: “Einfach so. Haltet Abstand!”. Die Familie muss zusehen, wie ihr Leben zerstört wird, langsam aber sicher. 60 Donums, auf denen nun die Siedlung Kiryat Arba steht, hatten zum Land der Familie gehört. Was übrig blieb: sechs Donums, durch die die Hauptstrasse Road 60 führt. Sie hatten Kredite aufgenommen, um die Wasserschläuche zu bezahlen, um Wasser zu bezahlen, und da sitzen sie nun ohne Schläuche, ohne Wasser, ohne Geld und wahrscheinlich ohne Ernte.

 

“Alle Palästinenser sind Terroristen!”

Ich komme mit einem siebzehnjährigen Israeli ins Gespräch, dessen Mutter für Machsom Watch arbeitet. Ob er ins Militär gehen werde, frage ich ihn. “Natürlich!” Ich erwidere, dass es Leute gebe, die nicht gingen. “Die sind alle Kriminelle!” Ich schweige einen Moment, bin immer noch aufgewühlt vom Geschehen und dann plötzlich dieser Junge, der so felsenfest von der Moral der Israeli Defence Forces überzeugt ist. Unter anderem versucht er mir zu erklären, dass dieser Konflikt ein Krieg zwischen Soldaten und Terroristen sei. “Ein Krieg zwischen Soldaten und Zivilisten”, sage ich. “Schau dich doch um. Alle Palästinenser sind Terroristen!”, sagt er. “Hör auf zu generalisieren”, antworte ich. “Alle Palästinenser sind potentielle Terroristen.” – “Alle Israeli sind potentielle Terroristen.” Er scheint geschockt: “Wir sind keine Terroristen!” Ich verweise ihn auf das Massaker 1994 in der Ibrahimi-Moschee in Hebron, bei dem der amerikanisch-israelische Siedler Baruch Goldstein 29 betende Moslems erschoss und 150 weitere verletzte. Davon scheint der Junge noch nie etwas gehört zu haben, scheint verwirrt. Allerdings endet unsere Unterhaltung hier, er geht wieder, zurück durch die Mauer, zurück nach Israel. Und ich gehe zurück nach Hebron. Abdullah ist bei Bewusstsein und kann wahrscheinlich bald nach Hause. Das freut uns alle.

Solche Geschehnisse sind zum Alltag in Hebron geworden. Und es ist kein Ende abzusehen. Der H1 genannte Kern von Hebron, der die Altstadt einschliesst und in dem etwa 40’000 Palästinenser leben, wird von 450 jüdischen Siedlern kontrolliert, die unter dem Schutz des Militärs stehen. Die Situation ist unglaublich. In Hebron schläft die Ungerechtigkeit nie. Und der wachsende Fanatismus und Rassismus der Siedler lässt die Chancen auf eine Besserung tagtäglich schwinden.

 

 

Spiel mit dem Feuer

Hellorange-rote und bläulich kühle Flammen züngeln um die Wette, umspielen voller Leichtigkeit die von einer gräulichen Russschicht bedeckten Holzscheite. Ihre Zungen erzählen leise knisternd Geschichten, bis sie schließlich als Rauchgeister aufsteigen oder als gleissende Funken zischend und knallend in den Nachthimmel stieben und sich letztendlich in der Dunkelheit verlieren.

Die Gesichter der Menschen, die am Lagerfeuer sitzen, werden in ein warmes, sanftes Licht getaucht und einzig und allein ihr Lachen und ihre Gespräche übertönen die Geräusche des Feuers.

 

“He has just one dream, he wanna be a musician one day …”

 

Und natürlich der Song. Dieser eine Song, den Stephan mit fester, klarer Stimme, jedoch vollkommen unaufdringlich zu den Klängen seiner Gitarre vorträgt. Als wolle er ihn vielmehr für sich allein und nicht für die Zuhörenden singen.

Was wäre ein Lagerfeuer ohne Melodien, die einem im Ohr bleiben, die leise im Hintergrund summen und von Mädchenstimmen begleitet werden, bis schliesslich immer mehr Zuhörer einstimmen.

Stephan singt über Jonathan, einen jungen Mann, der den grossen Traum hat, Musiker zu werden, wohlwissend, dass es bis dahin ein weiter Weg ist mit vielen Hürden, die es zu überwinden gilt.

 

“And so he plays every day …”

 

Seinen Traum zu leben und gleichzeitig für den eigenen Lebensunterhalt aufzukommen, ist wohl eine Gratwanderung, die jeder passionierte Hobbymusiker und so auch Stephan nur zu gut kennt.

Er selbst ist 20 Jahre alt, kommt aus Radolfzell und ist mit seiner Freundin zum Camp angereist. Bereits als Junge war er von der Musik fasziniert, sang im Schulchor und spielte später in verschiedenen Bands am Bass. Mehrere Gigs in Deutschland folgten. Beinahe hätten sie es ins Radio geschafft. Dann bekam der Gitarrist der damaligen Band einen Höhenflug und die Gruppe löste sich auf. Alles schon dagewesen, alles altbekannt.

 

Doch Stephan gibt seinen Traum nicht auf, spielt und schreibt nicht für den Erfolg, sondern für die Musik, weil sie ihn glücklich macht. Den perfekten Künstlernamen hätte er auch schon: Stephan Samir el Himer. Seine Vorbilder sind Keith Jarrett, Marcus Miller und Stanley Clarke.

 

“He is just an ordinary guy like everybody else, and so he plays every day …”

 

Wenn Stephan seine eigenen Songs schreibt, versucht er, sich dennoch nicht beeinflussen zu lassen, nicht abzukupfern von den Stars. Als Inspirationsquelle dienen ihm, wie er sagt, das Lagerfeuer und seine Freunde, die ihm immer neue Energie und Antriebskraft geben. Sie bilden die Basis seines Schaffens.

 

Stephan vermag mit wenigen Worten, durch seine Musik Freundschaft und Zusammenhalt zwischen Menschen entstehen zu lassen, die von verschiedenen Orten kommen, sogar verschiedene Sprachen sprechen.

Noch ist nicht klar, ob diese Gefühle länger währen, als das Feuer brennt. Vielleicht hat man ja Glück.

 

Funken sprühen und Stephans Melodien begleiten jene, die nachts um drei Uhr zurück zum Zelt gehen. Am nächsten Morgen riecht die Haut nach Feuer. Und Stephan? Stephan lebt weiter Jonathans Traum.

 

“Everybody has a dream, just hold on to it – keep it real …”

 

 

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Dieser Text entstand am Bodenseecamp 2010 im Reportage-Workshop unter Anleitung von Tink.ch-Verlagsleiter Janosch Szabo und erscheint auf Tink.ch in leicht veränderter Form.

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Balancieren zwischen Bäumen

“Ich mach das zwar schon länger, aber das Gleichgewicht auf der Slackline zu halten, kann manchmal tückisch sein”, sagt Christian, einer der vielen, die sich mit mehr oder weniger Erfolg an dem zwischen zwei Bäumen gespannten Band täglich versuchen.

Die Slackline haben wir gelangweilten Bauarbeitern und erfinderischen Bergsteigern aus dem Yosemite-Nationalpark in den USA zu verdanken. Sie spannten bereits in den 60er-Jahren Absperrleinen und -ketten auf Parkplätzen, um sich die Zeit in den Pausen zu vertreiben.

 

Balanceversuche

“Hier in Deutschland ist dieser Freizeitsport erst vor drei bis vier Jahren populär geworden, betrieben wird er jedoch schon mindestens doppelt so lange”, sagt Christian und versucht erneut auf die Leine zu steigen. Bestenfalls, um oben zu bleiben. Diesmal gelingt es ihm schon etwas länger als beim ersten Versuch.

 

Langsam nähern sich andere Neugierige. Sie stehen auf beiden Seiten der Slackline und machen staunende, neugierige und teilweise auch argwöhnische Gesichter. Wann er wohl fallen wird?

 

Nach ein paar Minuten finden bereits die ersten zaghaften Balanceversuche statt. Manche werden auf dem Band von Freunden geführt, andere blicken mit aller Macht geradeaus und konzentrieren sich auf einen bestimmten Punkt. Wieder andere versuchen sich seitlich auf die Slackline zu stellen, den Kopf nach vorn gebeugt, die Beine angewinkelt, wie ein Surfer auf seinem Brett.

 

Zwei Sekunden zu viel

Arme rudern durch die Luft, Knie zittern, Füsse rutschen ab, ob mit oder ohne Schuhe. Von fern sieht es aus wie ein Drahtseilakt ohne Sicherung, Luftakrobatik knapp über dem Boden. Je später der Abend, umso waghalsiger werden die Balance-Versuche, getreu dem Motto: Wer wagt, gewinnt. Auf der Slackline wird gesprungen, rückwärts gelaufen und geschaukelt. Einige setzen zu einem Spurt an, der jedoch meist nach kurzer Zeit auf dem Boden endet. Wer schon länger da ist, hilft denjenigen, die gerade erst dazugekommen sind. Man gibt sich gegenseitig Tipps. Neue Tricks werden vorgeführt. Immer besser beherrschen die nun etwas Geübteren die Slackline. Das Band scheint für ein, zwei Stunden der Mittelpunkt des Camps zu sein.

 

Bald haben sich so viele Probierfreudige versammelt, dass eine zweite Slackline gespannt wird. Etwas höher, etwas schmaler. Die Herausforderung wächst. Schon hat sich der Nächste auf das neue Band begeben. Er hält sich kurz am Baum, setzt zaghaft einen Fuss nach vorn. Es folgt der Arm zum Ausbalancieren. Das Seil unter ihm beginnt zu zittern und zu schwingen. Seine Fingerspitzen verlassen den sicheren Halt. Er geht einige Meter nach vorn, stellt sich seitlich und begiebt sich in die Surferstellung. Dann der Versuch, sich zu drehen. Zwei Sekunden auf einem Bein sind zu viel. “Runter geht es immer schneller als rauf” sagt er und verschwindet in Richtung Lagerfeuer.

 

Nun wird es langsam dunkel, der Tag geht seinem Ende zu. Ein paar besonders angefresse Slackliner hält das nicht davon ab, im Licht der Scheinwerfer weiter an ihrer Koordination und Balance zu feilen. Spätestens beim ersten Gelächter, das vom Lagerfeuer herüberschallt, löst sich die Gruppe der Slacklinebegeisterten dann aber doch auf. Die Aufgabe des Bandes hat sich nun geändert: hinsetzen, miteinander reden und sich nach all dem Nervenkitzel entspannen.

 

 

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Dieser Text entstand am Bodenseecamp 2010 im Reportage-Workshop unter Anleitung von Tink.ch-Verlagsleiter Janosch Szabo und erscheint auf Tink.ch in leicht veränderter Form.

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Medien machen am See

Felix Unholz, Reporter von Tink.ch St. Gallen, war im Organisationsteam der Mann für Ansagen und Unterhaltung:

 

“Das war ein richtig cooles Camp. Es hat mir riesig Spass gemacht, wieder einmal in einem grossen Team mitzuarbeiten und Leute glücklich zu machen. Auf der Bühne zu moderieren, war dabei eine völlig neue Erfahrung für mich. Ich habe viel gelernt. Zum Beispiel, dass die Witze, die ich erzähle, offenbar nicht gut sind. Fürs nächste Jahr sollte ich mir wohl einen Gag-Schreiber zulegen (grinst). Mein Highlight aus einer Teamsitzung: Fragt ein Deutscher: ‘Hey, hammas?’. Antwortet ein anderer: ‘Al Kaida’.”

 

 

David Naef, stellvertretender Verlagsleiter von Tink.ch, wirkte als Teilnehmer an einem Hörspiel mit:

 

“Was ich mitnehme? Müdigkeit, der kurzen Nächte wegen, und dann vor allem viele neue Erfahrungen. Schöne Begegnungen mit tollen Leuten. Das Bodenseecamp ist, kurz gesagt, eine Gesellschaft junger motivierter Leute, die es gerne lustig haben und zusammen neue Erfahrungen im Medienbereich sammeln wollen.”

 

 

Michael Dolensek, Fotograf von Tink.ch Basel, avancierte kaum angekommen zum Camp-Zeitung-Fotografen:

 

“Anfangs war ich noch Teilnehmer im Workshop Digitalfotografie. Aber dann fehlte dem Camp-Zeitung-Team ein Fotograf und ich übernahm kurzerhand diesen Job. Höhepunkt dabei waren die Aufnahmen für eine Illustration des störenden Zuglärms. Ich baute dafür extra neben den Bahngeleisen ein Bett auf und setzte eine Person hinein, die sich bei der Durchfahrt des Zuges mit schmerzverzerrtem Gesicht die Ohren zuhalten sollte. Das Foto ist super geworden.”

 

 

Luzia Tschirky, Reporterin von Tink.ch Zürich, leitete gleich bei ihrer ersten Teilnahme den Radio-Workshop:

 

“Ich habe in den letzten Tagen so viel Hochdeutsch gesprochen, dass ich jetzt fast kein Schweizerdeutsch mehr kann. Es war echt toll. Herausgekommen ist in Teamarbeit eine halbe Stunde Bodenseecamp-Radio. Wir haben dabei versucht, die Atmosphäre des Camps so gut wie möglich zu vertonen, um auch den Leuten, die zu Hause geblieben sind, einen Eindruck vermitteln zu können. An Erinnerungen nehme ich jede Menge neue Inputs für meine Arbeit bei Junge Medien Schweiz, bei Tink.ch und bei Radio Stadtfilter mit. Es ist einfach total spannend, zu sehen, wie aktiv die Jugendpresse in Deutschland und Österreich ist.”

 

 

Jonas Vollmer, Ressortleiter Finanzen von Tink.ch, bildete sich im Bereich Marketing weiter:

 

“Es war mein erstes Mal hier und es hat mir sehr gefallen. Auf den Punkt gebracht: Ein paar Zelte, viele coole Leute und ein super Programm. Das ist das Bodenseecamp, wie es mir in Erinnerung bleiben wird. Aus dem Workshop Marketing, den ich besuchte, nehme ich einige Modelle und Ansätze mit, die ich sicher noch gut gebrauchen kann.”

 

 

Ausserdem waren dabei:

 

– Julian Stiefel, Fotograf von Tink.ch St. Gallen, der mal einen Einblick in ein anderes Gebiet gewinnen wollte und deshalb den Workshop Projektmanagement wählte.

 

– Janosch Szabo, Verlagsleiter von Tink.ch, der schon zum fünften Mal nach Markelfingen reiste und dieses Jahr den Reportage-Kurs leitete.

 

– Raphael Hünerfauth, Ur-Gestein von Tink.ch, der mit viel Überblick die Workshopleiter betreute, selbst aber seiner Frisur wegen nicht ungeschoren davon kam.

 

– Anina Peter, Ex-Redaktionsleiterin von Tink.ch Zürich, die heute im Vorstand von Junge Medien Schweiz sitzt und am Bodenseecamp stets für jeden Scherz zu haben ist.

 

– Oliver Sebel, Ex-Webmaster von Tink.ch, der wie jedes Jahr das technische Material koordinierte.

 

Und wer weiss: Vielleicht werden ja bald von den vielen anderen einige neue Reporterinnen und Reporter.

Wie man ein Publikum verzaubert

Ist es überhaupt noch nötig, diese junge Künstlerin vorzustellen, die schon seit drei Jahren die Mengen mit Hits, einer genialer als der andere, überschwemmt? Erinnern wir uns der Freude halber kurz an ihren Aufstieg. Die seit ihrem 15. Lebensjahr ihre selbst geschriebenen und komponierten Lieder bescheiden für sich behaltende Künstlerin findet sich 2007 auf den Schienen der Berühmtheit wieder mit der Herausgabe der Single “This is the life”, die ein genau so Aufsehen erregender wie unerwarteter Erfolg wird. Was genau die Zutaten für diesen Erfolg sind, kann man nicht einfach bestimmen. Ohne Zweifel ist es sicher ihre volle und erschauernde Stimme, so ungewöhnlich, dass man sie unfehlbar im Ohr behält. Doch die Musik von Amy MacDonald ist allem zuvor eine Atmosphäre. Nach dem sie im ersten Album dem Umschwung ihres jungen Geistes gefolgt war (so gibt sie auf der Bühne zu, “This is the life” in einer durchwachten Nacht mit Freunden und ein bisschen angeheitert – wenn auch klar inspirativ – geschrieben zu haben), erkennt man im zweiten Album eine junge, sensible und vollkommene Frau, die desillusioniert, aber aussagekräftig und gegenwartsnah erscheint.

 

Unter Kumpeln

Es ist also jene junge Frau, bescheiden und lächelnd, die am Sonntagabend den Abschluss des Gurtenfestivals bildet. Vor 20’000 Personen, die ihre Lieder auswendig mitsingen, geht das Festival dem Ende zu. Ein episches Erlebnis! Überraschend, als elf Musiker mit Kilt und Dudelsack eine sehr schottische Einführung liefern. Spektakulär, als beim Lied “Mr Rock’n’Roll” riesige Luftballone in die Menge geworfen werden, während die Festivalbesucher singen, tanzen und springen. Bewegend, als Amy die Worte von “What happiness means to me” summt, vor einem Publikum ebenso still wie überwältigt. Und sie singt nicht nur, sie spricht auch. Viel sogar. Zwischen den Liedern bedankt sie sich, applaudiert, erzählt Anekdoten und offenbart sich, so dass man sich schlussendlich wie zu Hause unter Kumpeln fühlt. Dort, wo jeder andere sich zurückziehen würde, feuert die Schottin das Publikum nur noch mehr an, es kommt zu einer Explosion der Freude. Zuerst persönlich und intim, erfüllt sie das Publikum mit einer eigenen Version des “Born to run” von Bruce Springsteen. Ihre einzigen Instrumente dabei ihre Gitarre und ihre Stimme. Dann heizen Amy und ihre Musiker der Menge zum Schluss noch einmal so richtig ein mit einer fantastischen Show und dem mitreissenden Lied “Let’s start a band”. Doch leider haben alle guten Dinge ein Ende; die junge Frau verschwindet, der Zauber ist gebrochen. Allerdings nur bis zum nächsten Konzert.

 

Spiegel ihres Talents

Der Auftritt der jungen Künstlerin war an diesem Tag ganz klar ein Spiegel ihres Talents. Das Publikum auf dem Gurten konnte ein Konzert voller Lächeln, mit grosser Energie und einer Intimität mit der Menge geniessen, so paradox das auch erscheinen mag. Um zusammenzufassen: Amy MacDonald wird geliebt, weil sie die Autorin, Komponistin und Interpretin ihrer Lieder ist, weil sie lächelt und berührt, weil man ihre Lieder nicht aus dem Kopf bekommt und weil man, wenn sie singt, genau spürt, dass sie mit ihrer ganzen Seele dabei ist. Genügend Gründe um zu hoffen, dass sie auch noch in zehn Jahren unsere Ohren – und unsere Herzen – bezaubern wird.

Once upon a time there was a kook … or four

Nach einem ziemlich grauen Tag hat der Regen die gute Laune der Festivalgänger noch nicht getrübt. Es ist 21 Uhr 30 und in wenigen Minuten werden die vier Jungs aus Brighton auf die Bühne steigen. Die Fans können ihre Präsenz kaum mehr erwarten. Die Menge vibriert und trampelt. Um diesen Enthusiasmus zu verstehen, müssen wir uns in der Erfolgsgeschichte dieser Band ein wenig zurückversetzen.

 

Britische Talente

Es war 2006, als “The Kooks” nach ihrem Dasein als einfache Band beginnen, mit dem ersten Album “Inside in/inside out” seriös von sich zu reden machen. Ihr Ticket zum Ruhm erlangen sie durch die Single “Ooh la”, einem kleinen Schmuckstück der Melancholie, das ihnen erlaubt, an der Spitze der britischen Charts zu kratzen. Ihr erstes Album ist ein Erfolg, mehr als eine Million Exemplare werden in England verkauft. Zwei Jahre später mit dem Erscheinen von “Konk” sind sie offensichtlich am Wendepunkt angelangt und enttäuschen ihr Publikum nicht, im Gegenteil: Die neuen Melodien sind ebenso wirkungsvoll, aber reifer. In ihrer musikalischen Identität bestärkt haben sie das Erfolgsrezept gefunden. Der Rahmen ist abgesteckt, mit einem dritten Album in Vorbereitung finden wir uns jetzt kurz vor dem Auftritt unserer jungen Briten auf dem Gurten.

 

Das Konzert, eine Entäuschung

Die Frage ist einfach: Wird ihr Auftritt überzeugen? Nicht wirklich, muss man sagen. Natürlich sind ihre Lieder hervorragend und ihre Melodien mitreissend, aber ein gut gelungenes Konzert ist die Frucht einer komplizierten Alchemie und hier haben offensichtlich die Zutaten nicht zusammen gepasst. Trotz eines warmherzigen und motivierten Publikums bleibt die Band eher distanziert und erfüllt selbst die Erwartungen der grössten Verehrer nicht. So spielt beispielsweise der Bassist die meiste Zeit des Konzertes – warum auch immer – mit dem Rücken zum Publikum. Natürlich ist nicht alles so schwarz wie es scheint, und diese Engländer haben Talent zum weiterverkaufen. Die Festivalbesucher geniessen die grössten Hits trotzdem und die Stimmung lässt auf dem Höhepunkt mit “Naive”, “Always where I need to be” und “Do you wanna” das Publikum tanzen. Ein Moment der Begnadigung für die Band gibt es, als Luke Pritchard, der Sänger, mit ungeheuchelter Emotion das sehr schöne Stück “Sway” anstimmt. Die Lieder verketten sich, manchmal mit Zögern, vielleicht haben “The Kooks” Mühe, ihre Höhe zu finden angesichts eines Publikums mit so hohen Erwartungen? Die letzten Noten erhallen, während die Band bereits hinter den Kulissen verschwindet, die Menge knapp verabschiedend, die jedoch noch mehr will. Die Zugabe kommt allerdings nicht und das Publikum bleibt ein bisschen verbittert zurück. Zwischen verdutztem Raunen und verstörten Gesichtern muss man sich eingestehen, dass das Konzert nun tatsächlich schon vorbei ist.

 

“The Kooks” sind noch nicht ganz am Punkt angelangt, wo sie ihre Magie in ein triumphales Konzert umwandeln können, doch sie sind noch so jung, so gut und so vielversprechend, dass man es ihnen von Herzen gerne verzeiht.

Weekend auf dem Gurten

So könnte die Einleitung einer wunderlichen und fantastischen Erzählung sein, genannt “Die Reise auf den magischen Hügel”. Aber bleiben wir auf dem Boden und begnügen uns mit dem nüchterneren Titel “Weekend am Gurtenfestival”. Auf diesem Hügel gibt es nämlich scheinbar nichts Magisches, wenn man das Aufstellen des Zeltes in der gemütlichen Sleeping-Zone und das sofortige Sich-zu-Hause-fühlen nicht dazu zählen würde. Fügen wir zahlreiche Konzerte, Essstände aus allen Ecken der Welt, einige Biere hinzu, und schon befindet man sich bereits mitten in einem verrückten Wochenende, wo sich die Natur mit der Euphorie gekonnt vermischt. So läuft das nämlich auf dem Gurten. Einfachheit, Natürlichkeit und Spass.

 

Kein Geschubse

Neben einer tadellosen Organisation ganz dem Wohlbefinden der Besucher gewidmet, ist einer der starken Punkte des Gurtenfestivals auf jeden Fall sein Publikum. Vielseitig und enthusiastisch wie es ist, ist es gleichzeitig auch dynamisch und respektvoll. Kein Drängeln, keine Herumschubserei. Man steht seinem Nachbarn nicht auf den Fuss, selbst nicht, um Amy Macdonald von so nahe wie möglich zu sehen. Und dennoch, wenn Florence Welsh und Co. auf der Bühne springen, tanzen und wild gestikulieren, macht auch das ganze Publikum mit, sogar unter der drückenden Hitze eines sonnigen Sonntagnachmittages. Das ist die Magie des Gurtens. Am helllichten Tag, selbst wenn es heiss ist und zur Siesta-Zeit: die Leute sind da und feiern.

 

Nicht nur Musik

Lustig übrigens, dass man auch viele andere Dinge tun kann, als Musik zu hören. Das Festivalgelände bietet verschiedenste Aktivitäten an und ermöglicht einem, einen ganz speziellen Tag zu erleben, weit weg vom gewöhnlichen Alltag. Slackline zum Beispiel. Darunter versteht man eine lange, solide und elastisches Leine, die in einer gewissen Höhe über dem Boden fixiert wird und auf welcher es darüber zu gehen gilt, immer schön die Balance haltend. Es ist amüsant, so zu tun, als wäre man ein Möchtegern-Seiltänzer. Auch wenn man nicht mehr als ein blutiger Anfänger ist und schon Mühe hat, nur darauf zu stehen, ohne vorwärts zu gehen. Aber niemand macht sich darüber lustig und so probiert man es, bis man es schliesslich geschafft hat, voller Stolz ein paar Schritte auf der wackligen Leine zu gehen. Das ist eine andere Seite des Gurtenfestivals; man kann sein, wer man möchte, und tun, was man möchte. Man kann etwas versuchen, das man sich normalerweise nicht getrauen würde, man kann Bands hören, denen man normalerweise keine Aufmerksamkeit schenken würde, mit der Aussicht auf herzliche musikalische Begegnungen.

 

Einzig das Eintrittsticket ist ein bisschen teuer und eine Studentenvergünstigung gibt es nicht. Doch in diesem ungewöhnlichen Umfeld, den qualitativ guten Konzerten und einer mehr als festlichen Stimmung auf dem Berner Hügel, hat das Wochenende auf dem Gurten keinen Preis und wird am besten mit guten Freunden und ohne Zurückhaltung genossen.

Einstein auf dem Berner Hausberg

Nach der Eröffnung des Einstein Museum im Historischen Museum Bern geht das Genie in die nächste Runde: Letzten Samstag fand die Uraufführung vom Theaterstück “Einstein” auf dem Berner Gurten statt. Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist der 7. Dezember 1932. Der Tag, an dem Albert Einstein in Antwerpen an Bord eines Schiffes geht und Europa verlässt, um nach New York zu emigrieren.

 

Bühnenbild mit Fernweh

Livia Anne Richards Freilichttheater zeigt in einer relativ gross angelegten Inszenierung den Menschen Albert hinter dem Mythos. Markus Keller hat hierfür das perfekte Ambiente geschaffen: Schlicht, aber doch überzeugend ist das Bühnenbild des belgischen Quais, wo sich die eigentliche Rahmenhandlung abspielt. Rückblenden in Einsteins Studienzeit rufen bei so manchem Zuschauer ein Fernweh hervor. Den letzten Schliff verleihen dem Erscheinungsbild jedoch die rund 60 Darstellerinnen und Darsteller in altmodischer Reisekleidung, die gekonnt in Szene gesetzt werden.

 

Serbischer Akzent

Besonders geglänzt in ihrer Rolle hat Andrea Hofmann, die den Part der hinkenden ersten Ehefrau Einsteins übernommen und die Verzweiflung über das zunehmende Desinteresse ihres Mannes gegenüber den gemeinsamen Kindern gekonnt veranschaulicht hat. Aufgelockert wurde diese Düsterheit durch den gespielten serbischen Akzent, der für einiges Schmunzeln gesorgt hat (“Nicht Kopf ist schwanger, Bauch ist schwanger!”). Besonders brilliert hat auch André Ilg, der die Rolle des erwachsenen Eduard Einsteins übernommen hat. Dieser macht in seinem schizophrenen Wahn seinem Vater Albert Vorwürfe, ihn nicht geliebt zu haben, weil Eduard sich lieber mit Gedichten als mit den “wesentlichen Dingen des Lebens” auseinandergesetzt hat. Ilg hat mit seinem kurzen, aber doch beeindruckendem Auftritt das Publikum für einige Minuten in eine Art betretenes, fassungsloses Schweigen versetzt.

 

Plumpe Dialoge

Regisseurin Richard ist es gelungen, den Menschen hinter dem Genie fassbarer zu machen. Jedoch lassen einige Dinge zu wünschen übrig. Die Dialoge im Stück sind nur mittelmässig, teilweise sogar plump. Umso schlimmer dann noch, wenn wild mit Klischees um sich geworfen wird. Das Publikum weiss, dass der Antisemitismus zu dieser Zeit schon verbreitet war; ein übertriebenes “Heil Hitler!” wirkt völlig deplatziert und hinterlässt so manchen argwöhnischen Blick auf dem Zuschauergesicht. Völlig in die Hose ging dann leider auch das Ende: Der alte Einstein tritt gemeinsam mit dem Jungen vors Publikum und führt einen “inneren Monolog”: Der Alte wirft seinem vergangenen Ich vor, sich zu sehr der Wissenschaft und den Affären und zu wenig der Familie gewidmet zu haben. Das Stück endet mit der Einsicht der beiden Einsteins, als Ehemann und Vater versagt zu haben.

 

Realitätstheorie einfach erklärt

Die erste Hälfte der Aufführung ist teilweise noch unterhaltsam, die zweite dann eher mühsam. Nach Richards “Dällenbach Kari”, der im Sommer 2006 und 2007 rund 30’000 Menschen angezogen hat, waren die Erwartungen deutlich höher gesetzt. Und doch: Eine Szene rettet das ganze Stück. Höhepunkt des Stücks bildet eine Erklärung Einsteins gegenüber anderen Schiffspassagieren, was genau die Relativitätstheorie ist. Er beschreibt diese wie folgt: “Stellen Sie sich vor, sie dürften eine Stunde mit einem hübschen Mädchen verbringen. Diese ginge sehr schnell vorbei, nicht wahr? Nun stellen Sie sich aber vor, Sie müssten eine Minute auf einem heissen Ofen sitzen. Das würde Ihnen bestimmt sehr lange vorkommen. Dies ist, sehr vereinfacht gesagt, die Relativitätstheorie.”

 

 


Aufgeführt wird “Einstein” noch bis am 11. September 2010. Hier findest du weitere Informationen zum Freilichttheater Gurten.