Kultur | 20.06.2010

Zwischen Grosszügigkeit und Naivität

Text von Laura Mäder | Bilder von Toni Küng
Wie lange darf man seinem Gegenüber glauben? Ab wann "hätte man es wissen müssen"? Max Frisch brachte die Frage einst in seinem "Biedermann" auf, das Theater St. Gallen hält sie nun dem Publikum vor. Ein unterhaltsamer Theaterabend voll von Rauch und Fragen.
v.l.n.r.: Hans Rudolf Spühler, Marcus Schäfer, Nikolaus Benda, David Steck, Diana Dengler, Hannes Perkmann. Frau Biedermann (Diana Dengler) hat ernsthafte Zweifel an der Grosszügigkeit ihres Mannes.
Bild: Toni Küng

Eine Gruppe von Menschen betritt die Bühne des Theaters St.Gallen, alle im gleichen Stil gekleidet mit weissem Hemd und Krawatte. Sie erzählen uns, was uns in den nächsten Minuten erwarten wird: Eine Geschichte von einem Mann, dessen Naivität ihn in grosse Schwierigkeiten bringen wird. Von einer Katastrophe ist die Rede, von Unschuld und Grosszügigkeit – und doch auch von indirekter Schuldzuweisung, ohne dabei das Publikum beeinflussen zu wollen. Dann verschwindet die Gruppe langsam in einer Rauchwolke.

 

Man mag sich fragen, ob die dichte Rauchwolke sich gegen Ende des Theaterstücks noch lichten wird, doch nach ein paar Minuten und einige Huster später, erweisen sich die Sorgen als unbegründet und der Protagonist kann auf die Bühne gerufen werden: Herr Biedermann!

 

Brennende Zweifel

Max Frischs “Herr Biedermann und die Brandstifter” erzählt die Geschichte von einem Mann, dessen Naivität ihm zum Verhängnis wird. Die gegenwärtige Zeit ist von Schreckensmeldungen geprägt – Brandstifter treiben im ganzen Land ihr Unwesen. Mitten in Herrn Biedermanns (Marcus Schäfer) Wohnzimmer platzt Schmitz (Hannes Perkmann). Joseph Schmitz. Auch Sepp genannt. Trotz dem flauen Gefühl im Magen nimmt Herr Biedermann ihn auf.

 

Von da an hat er keine ruhige Minute mehr. Die Situation spitzt sich immer mehr zu und bald darauf tritt auch noch Eisenring (Nikolaus Benda) in sein Leben – ein Freund von Schmitz, der ebenfalls Obdach sucht und es bei Biedermann findet. Holzwolle muss besorgt werden, Benzinkanister werden im Dachgeschoss deponiert – schliesslich liege Herr Biedermanns Haus sehr günstig, das müsse er einsehen, meint Eisenring: “Fünf solche Brandherde rings um die Gasometer, […], und dazu ein richtiger Föhn.”

 

Ein Stück Biedermann in jedem von uns

Wenn man sich als Zuschauer diese Inszenierung (Martin Schulze) anschaut, fällt es einem oft schwer, ruhig auf seinem Platz sitzen zu bleiben. Herr Biedermann, das ist doch logisch, dass diese Männer Brandstifter sind! Wie können Sie nur so naiv sein?

Und doch muss man sich unweigerlich fragen: Was hätte ich an dieser Stelle gemacht? Fühlt man sich in die Person Biedermann hinein, so wird klar: Die Grenze zwischen Grosszügigkeit und Naivität ist sehr verschwommen. Wo hört eigentlich die Grosszügigkeit auf und wo beginnt die Naivität? Und muss man, wenn man grosszügig ist, gezwungenermassen auch naiv sein?

 

Martin Schulze spielt sehr gekonnt mit diesen Fragen und als Zuschauer macht man sich automatisch Gedanken über die eigene Naivität. Ein eindrucksvolles Bühnenbild (Ulrich Leitner), passende Musik (Dirk Raulf) und eine hervorragende Leistung seitens der Schauspieler runden die Inszenierung ab und garantieren einen unterhaltsamen und doch auch lehrreichen Theaterabend, den ich nur jedem weiterempfehlen kann.