Kultur | 15.06.2010

Zwischen Entsetzen und Unterhaltung

Text von Katharina Good | Bilder von Katharina Good
0100101110101101.ORG nennt sich das italienische Künstlerpaar Eva und Franco Mattes, das sich mit ihren Werken mit dem Internet und dessen gesellschaftlichen Folgen auseinandersetzt. Die Arbeiten sind noch bis September im Basler Museum für Medienkunst ausgestellt.
Auf Matratzen können es sich die Besucher bequem machen... ... um die Arbeiten von Eva und Franco Mattes zu betrachten. Beim Apéro konnten sich die Besucher der Vernissage auch direkt mit den Künstlern unterhalten.
Bild: Katharina Good

Einander fremde User werden nach dem Zufallsprinzip via Webcam miteinander verbunden: Chatroulette nennt sich das, und ist eine populäre Plattform im Internet. Eines Tages erleben dort Tausende von Usern jedoch nicht einen langweilligen Small Talk, sondern sehen zu, wie sich ein Mann erhängt. Die User kennen den Erhängten natürlich nicht, wissen nicht einmal, aus welchem Teil der Erde er kommt. Die Reaktionen sind unterschiedlich: Die meisten Zuschauer zeigen sich amüsiert oder machen Fotos mit dem Handy, doch sie unternehmen nichts für den Chatuser auf der anderen Seite – wie auch? Beim Anblick dieser Szenen weiss man nicht, ob man lachen oder weinen soll. Doch glücklicherweise hat sich der Mann nicht wirklich erhängt, wird er doch nur vom Künstler Franco Mattes gespielt. Mit dieser Videoperformance mit dem Titel “No Fun” kritisieren Eva und Franco Mattes die Beziehungen in der virtuellen Welt.

 

Künstler standen Red und Antwort

Die Werke des Ehepaares Mattes sind noch bis Sonntag im [plug.in], dem Museum für Medienkunst, zu sehen. Eva und Franco Mattes gehören zu den Pionieren der “net.art”-Bewegung, die sich schon seit den 80er-Jahren kreativ mit dem Internet und dessen gesellschaftlichen Folgen auseinandersetzen. In den ersten Jahren ihres Schaffens traten sie noch geheimnisvoll auf und versteckten sich hinter den einzigen Informationen 0 und 1. An der Vernissage am vergangenen Donnerstag zeigten sie sich jedoch sehr unkompliziert. Auf Anfrage erklärten sie den interessierten Besuchern die ausgestellten Werke und diskutierten am Apéro über die Kunstszene im virtuellen Raum.

 

Kaum echte Bilder im Netz

Im kleinen Museum ist die neueste zusammenhängende Werkgruppe des Künstlerpaares namens “AD/HD” zu sehen. Die Besucher können es sich im Museum auf aufgeblasenen Matratzen bequem machen und dabei auf Bildschirmen oder Projektionen die Werke betrachten. “AD/HD” zeigt Darbietungen, die Eva und Franco Mattes im virtuellen Raum des Internets durchgeführt haben. Einige davon sind Nachahmungen von Arbeiten anderer Künstler, wie zum Beispiel von Marina Abramovic. Damit überführen sie auch deren Themen von Körperlichkeit und soziale Interaktion in die neue Welt von Second Life, wo es nur imaginäre und nicht physische Körper gibt. Andererseits verweisen die Künstler auch darauf, dass es im Internet kaum “echte” Bilder zu sehen gibt. Alles ist fiktiv – entweder als Kopie oder sogar komplett in der Virtualität entstanden. Das sei allerdings keineswegs abwertend gemeint, wie das Paar selbst sagt. Im Cyberspace verändere sich einfach das Konzept von Identität und Individualität.

 

Auch gesellschaftskritisch

Andere ausgestellte Werke kritisieren jedoch sehr wohl die Beziehungen zwischen Usern von Online-Games und Chats, wie das anfangs genannte Werk “No Fun”. Die Arbeiten des Künstlerpaares sind oft provokativ – aber dennoch amüsant. Die Ausstellung ist für all jene ein Muss, die nicht nur im Internet “herumsurfen” wollen, sondern sich auch Gedanken machen, wie die Welt im Cyberspace wirklich funktioniert.

 

 

Info


Die Werke sind noch bis 19. September 2010 ausgestellt im [plug.in], St. Alban- Rheinweg 64 in Basel. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag, 13.00 bis 17.00 Uhr. Der Eintritt ist frei.

 

Das [plug.in] ist ausserdem an der LISTE 15 vertreten, einer Nebenmesse, die parallel zur “Art Basel” (vom 14. bis 20. Juni 2010) stattfindet. Dort wird eine ortsspezifische Performance von Eva und Franco Mattes gezeigt, die bestimmt auch provokativ ausfallen wird.

 

Viele der Arbeiten sind auch auf der Homepage der Künstler zu sehen, die – wie könnte es anders sein – wie folgt heisst: www.0100101110101101.org

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