Gesellschaft | 21.06.2010

Von Fahnen und Menschen

Text von Luzia Tschirky | Bilder von Wikimedia Commons
Nicht zum ersten Mal scheint der Mensch vom Wahnsinn befallen zu sein. In den grossen Schweizer Städten greift das Fussballfieber unaufhaltsam um sich. Eine Reporterin erlebt das Ganze in Zürich mit. Die Flucht vor Fussball scheint noch möglich.
Was passiert, wenn die ganze Menge rot sieht?
Bild: Wikimedia Commons

Eine Durchsage ertönt im Bus. “Ab Bahnhof ist eine Weiterfahrt nicht mehr möglich. Fussballfans blockieren die Strassen.” Ich bin auf dem Nachhauseweg und möchte nur noch nach Hause. Es war kein guter Tag. Ganz egal wohin das Leder in Südafrika fliegt. Beim Notausstieg zum Bus versinke ich im Rotweissen Fahnenmeer. Es riecht nach Bier und Männerschweiss. Der Lärm der hupenden Autos ist schlimmer als dieses afrikanische Horn. Ich bin Optimistin, weswegen ich an der Bushaltestelle beginne, auf den nächsten Bus zu warten. Vor mir, hinter mir, links und rechts, überall wird gerufen. – Die Fahne schwenkt an mir vorbei. Weisses Kreuz auf rotem Grund – vor meinem Aug wird es schwarz und beginnt sich zu drehen. – Bilder aus deutschen Städten vor 70 Jahren steigen in mir auf. Die johlende Masse, die einfache Parole und immer diese Fahnen, Fahnen, Fahnen.

 

Die Menschen

Eine Familie mit Kindern bahnt sich einen Weg durch die Leute. Auch die kleinsten tragen Trikot und das Kreuz an der Wange. Die Hitlerjugend soll laut Berichten von amerikanischen Soldaten am erbittertsten gekämpft haben. Bin ich ein Griesgram, kann ich die Freude einfach nicht teilen, oder bin ich paranoid? Auch wenn ich die einzige runzelnde Stirn zu diesem Zeitpunkt am Zürcher Bahnhof bin, die Situation ist unheimlich.

 

Die Massen werden heute zwar kaum noch mobilisiert. Auch wenn es gute Gründe gäbe auf die Strasse zu gehen, ausser Fussball scheint die Leute nichts so sehr in Bewegung zu versetzen. Wenn die Massen mobilisiert sind, ist die Strömung der Niagarafälle nichts gegen die Kraft der Massen.

 

Die Bilder

Zu viele Bilder im Kopf und die Ohren voller Lärm, mache ich mich zu Fuss auf den Weg nach Hause. Es strömt aus den Seitengassen, Menschen, Menschen, Menschen mit Fahnen, Fahnen, Fahnen. Wo auch immer diese ausgegraben wurden. Diese Menschen mit ihren Fahnen. Was rufen Sie? Viel ist nur Geräusch und gar keine richtige Sprache. Beim Versuch hinzuhören, wird die Oberflächlichkeit greifbar. Es kommt nichts aus diesen Kehlen. Nur Geschrei. Ich möchte dem Geschrei entfliehen und beginne immer schneller und schneller zu laufen. Autos verlangsamen ihr Tempo, wenn sie an mir vorbei kommen. Ich höre nicht hin, was gerufen wird. Zumindest bilde ich mir ein, ich könne es ignorieren. Kein Fluch, kein böser Blick scheint diese Männer vertreiben zu können. Ich fluche in grinsende Gesichter. Soldaten im Krieg waren einsam, fern von zu Hause und hatten zu viel Alkohol. Diese Männer scheinen auch einsam zu sein und zu viel Alkohol grinst aus ihren Augen mit.

 

Die Flucht

Ohne es zu merken, beginne ich zu laufen. Der Boden fliegt unter meinen Füssen. Die Fahnen ziehen an mir vorbei wie im Film, die Strasse runter immer weiter. Die Türe fliegt hinter mir ins Schloss und die Treppe scheint weniger Stufen zu haben als gestern. Ich rette mich vor den Fahnen in meine Wohnung. Unter der Bettdecke balle ich die Fäuste und – werde ruhig. Denn ich weiss, was ich zuvor nicht wusste. Ich kann mich retten. Mich retten vor den Menschen mit ihren Fahnen. Zu einer anderen Zeit, da gab es keine Rettung mehr.