Politik | 28.06.2010

Unverkrampfter Umgangston der Jungen

Wie steht es um das politische Interesse der heutigen Jugend? Warum gehen viele Jugendliche nicht an die Urne? Jan Gnägi, 18 Jahre alt und jüngster Berner Grossrat der Bürgerlich-Demokratischen Partei (BDP) sucht im Gespräch Antworten zum viel diskutierten Thema "Jugend und Politik".
Jan Gnägi ist mit 18 Jahren der jüngste Berner Grossrat und doch schon ein alter Polithase. Bider: Jan Gnägi

Jan, geht die Politik mit künftigen Generationen unter? Sind die Parlamente überaltert?

Ich habe nicht das Gefühl, dass Jugendpolitik untergehen wird. Es ist zwar heute schon so, dass viele Junge nicht zur Urne gehen oder politisch aktiv sind. Dennoch blicke ich optimistisch in die Zukunft. Was das Alter auf der politischen Bühne angeht, bin ich grundsätzlich der Meinung, jede und jeder sollte selber merken, wann es Zeit ist, das Amt für Jüngere “freizugeben”. Ein Maximalalter lehne ich deshalb ab, vielmehr müsste man über eine Amtszeitbeschränkung für Parlamentarier nachdenken.

 

Während deiner Kandidatur für den Grossrat musstest du aber viele Wählerinnen und Wähler zum Urnengang überzeugen – sicher auch Kolleginnen und Kollegen. Wie beurteilst du das politische Interesse Jungendlicher?

Naja, das ist schwierig zu sagen. Klar ist, dass die Jungen, welche in der Stadt oder grossen Ortschaften wohnen, eher an die Urne gehen. Doch gerade bei Wahlen ist die Stimmbeteiligung im Allgemeinen sehr tief – nicht nur bei den Jungen. Wahrscheinlich weil es einerseits komplizierter ist, den Wahlzettel auszufüllen und andererseits Sachabstimmungen interessanter sind.

Auch die Mentalität unserer Gesellschaft ist sicherlich ein Grund, warum viele Jugendliche nicht abstimmen gehen. 18-jährige interessieren sich für andere Dinge als Politik: Sport, Kollegen, Konsum, Ausgang und Beruf. Sie vergessen dabei aber oft, dass diese Bereiche alle etwas mit Politik zu tun haben.

 

Als einer der jüngsten Grossratskandidaten hast du im Wahlkampf wohl auch potenzielle Wähler in deinem Alter angesprochen: Meinst du, dass in deinem Freundeskreis zukünftig mehr Leute abstimmen werden?

Ich denke, dass sicher einige gemerkt haben, was sie mit abstimmen und wählen erreichen können. Doch im Grossen und Ganzen habe ich nicht das Gefühl, dass sich viel ändern wird.

Zudem glaube ich zu wissen, dass mich auch viele ältere Menschen gewählt haben.

 

Ob die Jungen wählen und abstimmen, hängt wohl stark von ihrer politischen Bildung ab. Wie sind deine eigenen Erfahrungen mit dem Staatskundeunterricht?

Der Staatskundeunterricht ist etwas sehr Wichtiges. Das Problem ist, dass am Ende der obligatorischen Schulzeit viele noch nicht abstimmen dürfen. Deswegen interessiert es sie auch nicht. Im Allgemeinen ist es aber schwierig, politische Bildung in der Schule zu fördern – darf doch der Staatskundeunterricht das Individuum nicht beeinflussen im Bezug auf die politische Meinung.

 

Zum Stichwort Parteien und Jugend: Die BDP hat als einzige “grosse” Partei keine Jungpartei. Was hältst du von Jungparteien?

Oft ist es natürlich schon so, dass der Einstieg in die Parteipolitik durch eine Jungpartei hilft. So kann man in einer Jungpartei viel lernen, um dann auf der «grossen Bühne« schon erfahrener zu sein. Dennoch ist meiner Meinung nach das System der BDP besser. In einer Jungpartei trägt man eine kleinere Verantwortung, da auch das öffentliche Interesse viel kleiner ist. Dies führt nicht selten dazu, dass zu stark provoziert wird. Es ist schon klar, dass Jungpolitikerinnen und Jungpolitiker frecher auftreten sollen und dürfen. Trotzdem war ich froh, von Anfang an mit erfahrenen PolitikerInnen zusammen arbeiten zu können – so lernte ich schon von Anfang an, welchen Ton man zum Beispiel im Grossen Rat anschlagen muss.

 

Wird die BDP also auch in Zukunft keine Jungpartei haben?

Nein, wohl nicht. Was aber bereits existiert, sind verschiedene Untergruppen, wo es unter anderem auch eine für junge PolitikerInnen gibt.

 

Du bist jetzt Grossrat, also schon ziemlich mittendrin im “Politik-Business”. Wann hast du gemerkt, dass du dich politisch engagieren willst?

Etwa Anfang 2008 begann ich aktiv zu politisieren und bin auch einer Partei, der FDP, beigetreten. Doch schon nach einem halben Jahr wechselte ich zur frisch gegründeten BDP. Seit dem 6. Mai 2009 bin ich Gründungspräsident der Sektion Jäissberg. Ein prägendes Ereignis gab es eigentlich nicht, welches mich dazu veranlasst hätte, einer Partei beizutreten. Wo wir gerade beim Parteibeitritt sind: Für Jugendliche unter 18 Jahren, denke ich, macht es am meisten Sinn in einer Partei politisch aktiv zu werden. In einer Partei ist auch das Themenspektrum viel breiter, als zum Beispiel in einer Organisation wie dem WWF. Zudem kann man in einer Partei, in verschieden Gremien mitwirken und sich so ebenfalls zu verschiedenen Themenbereichen äussern.

 

Du hast vorhin die Provokationen und somit den Umgangston der Jungparteien angesprochen. Zum Schluss möchte ich dich darum fragen: Ist die Diskussionskultur bei Jungen besser?

Es stimmt, dass der Umgangston bei Jungpolitikerinnen und -politiker unverkrampfter ist. Auch ich diskutiere gerne mit ihnen. Doch man darf nicht zu viel am Umgangston der “Alten” kritisieren, denn schauen wir in die Parlamente von Nachbarländern, so erscheint unsere Umgangs- und Diskussionskultur vergleichsweise freundlich. Im Grossen Rat zum Beispiel herrscht ein sehr höflicher Umgangston, obwohl klare Voten zum Ausdruck gegeben werden.

 

 

Zur Person


Jan Gnägi ist 18 Jahre alt und wurde am 28. März 2010 in den Grossen Rat des Kanton Berns gewählt. Er gehört der Bürgerlich-Demokratischen Partei (BDP) an und ist Gründungspräsident der Sektion Jäissberg. Diesen Sommer wird er seine Ausbildung als Kaufmann E-Profil bei der Atlas Copco in Studen abschliessen.