Politik | 20.06.2010

Und wir leben doch gut damit

Wir mochten sie. Wir predigten sie. Wir profitierten lange von ihr. Unsere soziale Marktwirtschaft. Doch nun, da die Banker unser Vertrauen missbraucht haben, wollen wir auch vom System nichts mehr wissen, das auch uns reich gemacht hat. Zu Unrecht.
In der Krise vergisst man sehr leicht, wie unser Wohlstand überhaupt zustande gekommen ist.
Bild: Wikimedia Commons/MadGeographer.

Viel Kritik muss sich der Westen und auch das System der sozialen Marktwirtschaft in letzter Zeit gefallen lassen. Von Casino- und Raubtierkapitalismus ist die Rede, von elender Dekadenz und Hedonismus. Es scheint, als lebten wir in einer entmoralisierten Welt, in der es normal zu sein scheint, Millionensaläre zu kassieren, während die Schere zwischen Arm und Reich immer grösser wird. Trotz all dieser Kritik, die wie Dampf aus einem auf der Herdplatte vergessenen Kochtopf in die Luft schiesst, sollte man aber auch einen Blick in die Vergangenheit werfen.

 

Klar, es herrscht Krise. Wieder einmal. Und wieder einmal darf man sich so richtig entrüsten und aufregen. Über unfähige Politiker, über unfähige Experten, die ja doch nichts ahnten und am allermeisten über unfähige Witschaftskapitäne, die ihre Schiffe samt Besatzung auf einen riesigen Wasserfall zusteuerten und nun an ihren goldenen Fallschirmen schweben. Bei aller berechtigten Kritik und dem grossen Volkszorn stellen sich allerdings auch ein paar unangenehme Fragen gegenüber der Gesellschaft: Wo waren die Kritiker überrissener Saläre in den Boomjahren? Wer kannte schon vor ein paar Jahren die “too-big-to-fail”-Problematik? Weshalb pries man das eigene System voller Stolz und wollte es in fremde Staaten exportieren, was teilweise schon fast missionarische Züge annahm? Die Antwort auf diese Fragen ist simpel: Man hat selbst profitiert.

 

Was bisher geschah…

Als nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges das Modell der sozialen Marktwirtschaft Schule machte, gelang ihm Erstaunliches: auf den ersten Blick unvereinbare Ziele wie die freie Marktwirtschaft und soziale Gerechtigkeit relativ gut zu vereinen. Dies gelang natürlich nur, weil sich die beteiligten Parteien – Unternehmen und Gewerkschaften – konsensorientiert gaben. Und genau hier liegt ein Punkt, der bei Systemkritik gerne übersehen wird. Schnell ist man zur Stelle, um Strukturen zu verteufeln und zu behaupten, sie verleiten den guten Menschen durch schlechte Anreize zu falschen Handlungen.

 

It’s human nature, stupid!

In Wahrheit stellen Strukturen und Systeme – wie jenes der sozialen Marktwirtschaft – aber nur einen Rahmen bereit. Sie sind die Bühne, auf welcher die Menschen die Tragödie ihres Lebens in Endlosschleife uraufführen. Natürlich setzen sie Anreize, natürlich können diese Anreize schlecht sein, natürlich kann das System Schwächen aufweisen, aber: Es handelt der Mensch, nicht das System. Es liegt deshalb auch am Menschen, das System sinnvoll anzupassen. Klarerweise ist es schwerer, das eigene Verhalten zu kritisieren als ein System. Und ob das System der sozialen Marktwirtschaft nun so schlecht ist, wage ich angesichts der langen Existenz zu bezweifeln.

 

Die Aussage, dass die Marktwirtschaft den Staat beherrsche, trifft nach Ian Bremmer, Autor und amerikanischer Politikwissenschaftler, höchstens für die USA zu und selbst in diesem Fall ist “beherrschen” wohl ein zu starkes Wort. Dass Interessensgruppen Einfluss auf den Staat ausüben, ist weder neu, noch ein spezielles Charakteristikum unseres Systems. Wo die Grenzen einer solchen Einflussnahme allerdings zu ziehen sind, scheint mir einer ausführlichen öffentlichen Diskussion mehr als würdig.

 

Wie geht’s weiter?

Klar ist: Perfektion ist Illusion. Deshalb sollten Systeme und Strukturen selbstverständlich auch an wechselnde Umstände angepasst werden. Im Fall der sozialen Marktwirtschaft muss endlich eine adäquate Lösung für den Umgang mit Globalisierungsproblemen gefunden werden. Nun aber, um publikums- und auch wählerwirksam Dampf abzulassen, ohne schlaue Reformpläne auf ein System einzudreschen, dass sehr vielen Menschen über sehr lange Zeit viel gebracht hat, scheint mir kein sinnvoller Ansatz.