Kultur | 15.06.2010

Singen und Tanzen gegen die Globalisierung

Text von Martin Sturzenegger | Bilder von PD
Der Begriff Luminawa steht für "besseres Leben". Im gleichnamigen Film dokumentiert der Schweizer Regisseur Thomas Lüchinger den kulturellen Überlebenskampf eines philippinischen Urvolkes
Bild: PD

Eine Vereinigung von Eingeborenen lebt friedlich irgendwo in Afrika. Auf einem Streifzug durch die Savanne fällt einem der “Buschmänner” eine Coca Cola-Flasche vor die Füsse. Das vermeintliche Geschenk des Himmels entpuppt sich als grosser Unheilsbringer: Merkwürdige weisse Gestalten durchkreuzen seinen Weg und sorgen für Verwirrung, 5000 Jahre alte Traditionen werden plötzlich auf den Kopf gestellt und das idyllische Dorfleben droht im Chaos zu versinken. Die kleine Flasche muss entsorgt werden, damit alles wieder gut wird – am Ende der Welt.

 

Bekannte Narrationen

Die Story aus dem Spielfilm “Die Götter müssen verrückt sein” birgt mehr Realismus, als die naive Erzählweise zunächst vermuten lässt. Sie greift eine immer wiederkehrende Entwicklung auf: Völker, die über Jahrhunderte unter ihresgleichen Leben und ihre eigenen Bräuche entwickeln, werden plötzlich mit dem Eindringen fremder Kulturen konfrontiert. Die Folgen sind nicht vorhersehbar, enden aber oft im Zerfall der eigenen Identität. Der Westen – meist in Form des rücksichtslosen weissen Mannes – übernimmt dabei den Part des verdrängenden Bösewichts. Ironischerweise ist es der gleiche Westen, der diese Geschichten in der Folge weiterverarbeitet und zu Narrationen strickt, die der Filmindustrie Rekordgewinne beschert: Siehe Einstiegsbeispiel oder zuletzt das 3D-Spektakel Avatar. Die Filme unterscheiden sich in ihrer Machart, die Geschichte bleibt die gleiche. So auch in Luminawa, dem neuen Film des Schweizer Regisseurs Thomas Lüchinger. Ein Volk – in diesem Fall die philippinischen Kalingas – im Jahrzehnte andauernden Kampf zur Erhaltung der eigenen Werte und Identität.

 

Was diesen Dokumentarfilm speziell auszeichnet: Die Geschichte spielt weder in der Vergangenheit, noch wird sie aus einem künstlichem Hollywoodstudio erzählt. Lüchinger ging mit seiner Kamera vor Ort und begleitete die realen Kalingas auf der Reise zurück zu ihrer eigenen Identität. Entstanden ist ein Werk, das gemäss Peter Sutter, dem Schweizer Botschafter in Manila, “ein wegweisendes Beispiel für die behutsame Annäherung und den Umgang mit einer fremden Kultur darstellt.”

 

Rückbesinnung auf eigene Wurzeln

Tatsächlich ist das philippinische Urvolk bis heute nicht von der Landkarte verschwunden, obwohl deren Niedergang schon länger eingeläutet wurde: Ende des 19. Jahrhunderts als christliche Missionare mit ihren glitzernden Gaben, die Aufmerksamkeit der Kalingas erregten. Silberbesteck und Uhren wurden allmählich wichtiger als die Beziehung zum Schöpfergott Kabuniyan. Der einst so wichtige Bezug zur Natur schien endgültig verloren. In den letzten Jahren besinnt sich das einstige Kriegervolk wieder vermehrt auf die eigenen Wurzeln. Die gefürchteten Kopfäxte legten sie zwar schon 1950 zur Seite, aber die kämpferische Mentalität ist geblieben: Bevorzugterweise in Form von Musik und Tanz. Was die Missionare bis tief ins letzte Jahrhundert als “heidnischen” Brauch bezeichneten und dem Volk untersagte, erlebt zwischen den Reisfeldern der Insel Luzon ein Revival. Mit der Pflege von traditionellen Künsten gewinnen die Kalingas die ihnen geraubte Würde zurück.

 

Der Film Luminawa zeigt diese Entwicklung und rückt Manung Sapi Bawer – einen pensionierter Lehrer – ins Zentrum des Films. Nicht zuletzt durch sein Engagement gelingt es den Kalingas, ihre kulturellen Visionen “für ein besseres Leben” weiterzuverbreiten. Die Dokumentation schliesst mit einem überraschenden Festival-Auftritt in der Schweiz und einem damit verbundenen Kulturen-Mix der besonderen Art. Am 20. Juni wird der Film in einer Sonntagsmatinée im Kino Rio in Wetzikon ab 11 Uhr gezeigt. Im Anschluss an den Film gibt es eine öffentliche Apérofeier mit dem Regisseur Thomas Lüchinger, mit Kalingawebereien und Klängen aus den philippinischen und den Toggenburger Bergen (Gongs und Hackbrett).

 

 

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