Gesellschaft | 21.06.2010

Schmücket euch!

Text von Seraina Manser | Bilder von Seraina Manser
Kaum hat die WM begonnen, versucht sich die doch eher verschlossene Schweiz in Ausnahmezustand zu versetzten. Velos, Hunde, Superpunkte: Nichts ist vor König Fussball sicher. Das Verhältnis von Fanschmuck und Mannschaftserfolg muss aber erst noch geklärt werden.
Herr Schweizer, sein Auto und seine Nati. Es gibt keine leichten Entscheidungen!
Bild: Seraina Manser

Der Fussballgott hat gesprochen: „Es kann nur jene Mannschaft gewinnen, deren Fans die meistgeschmückten Autos haben.“ So stülpen alle Anhänger ihren armen Autos sockenartige Hüllen über die Rückspiegel, natürlich in den Farben des jeweilig bevorzugten Fussballteams. Aber damit nicht genug, auch Fähnchen, die lustig im Winde wehen, werden zwischen Fenster und Autoblech geklemmt. Jetzt steht dem Turniersieg nichts mehr im Wege, hofft man.

 

Entzweiter Fan

Aber was soll man nun von einem Auto halten, das auf der Backbordseite rotweis geschmückt ist, aber auf der Steuerbordseite für unser nördliches Nachbarland Farbe bekennt? Der Besitzer des Autos wohnt zwar in der Schweiz, ist aber in Deutschland geboren und kann sich drum nicht entscheiden? Wenn die Schweiz rausfliegt, kann er ganz einfach die rot-weisse Seite abmontieren. Oder aber, die roten Dekoartikel sind in den Läden ausgegangen und der schlaue Fan hat sich für das Land entschieden, das aufgrund der Sprache und Kultur unserer Eidgenossenschaft am nächsten kommt? Hin oder her, toll siehts also nicht gerade aus. Am Mittwoch haben die Schweizer aber dennoch die bestgeschmückten Autos gehabt.

 

Aber nicht nur die Autos werden dekoriert, nein, auch vor den Velos macht manch einer keinen Halt, denn die Fähnchen halten ja auch am Körbchen. Alles wird geschmückt, ganz nach dem Motto: Pimp my car, pimp my house and pimp my dog. Wenn aber ein Hund wie am Mittwoch in St.Gallen in rotweissem Mäntelchen rumläuft, fragt man sich schon, wo die Grenze des guten Geschmacks beziehungsweise des Respektes gegenüber Tieren liegt.

 

Sieg!

Haben unsere Schweizer aber erst einmal gewonnen, hälts Familie Schweizer nicht mehr zu Hause aus, sondern sie schwingt sich ins natürlich beflaggte Auto, um hupend der ganzen Welt mitzuteilen: „Wir sind stolz auf uns Schweizer!“ Wunderbar, wie im sonst gesitteten Schweizer Strassenverkehr Zustände wie in Neapel herrschen. Ständiges Gehupe, keine Fahrbahnen geschweige denn Regeln, überall wird gejohlt.

 

Die Grossverteiler, namentlich Migros und Coop, möchten natürlich die WM nicht unbeachtet lassen. Im Coop gibt’s an Spieltagen der Schweizer Nati extra Superpunkte und die Migros gewährte am Tag nach dem Sieg der Eidgenossen gegen Spanien 10 Prozent aufs gesamte Sortiment. Damit, dass diese 10 Prozent wirklich ausbezahlt werden müssen, hatte wohl anfangs weder die Migros selbst noch der Kunde gerechnet. Ein Augenschein am Tag danach in der Migros ergibt aber Folgendes: es hat nicht mehr Käufer als sonst auch, bei manchen liegt wohl ein wenig mehr im Korb oder dieser ist mit Markenartikeln statt M-Budget-Ware gefüllt. Vielleicht sind aber noch alle satt vom McDonalds, an Spieltagen kostet dort nämlich ein Hamburger nur einen Franken, allerdings gibt’s höchstens drei pro Person. Schön, wenn dank der WM die Schweiz ein wenig lauter, farbiger und billiger wird.

 

Fragen, die mir aber weder ein hupender Autofahrer noch eine Migroskassierin beantworten konnten:

 

– Warum haben Fussballer ein Faible für Tattoos?

– Wer zupft Benaglios Augenbrauen?

– In welcher Sprache sprechen und fluchen die Spieler mit dem Schiri?