Kultur | 25.06.2010

„Radiohead sollte für viele Bands ein Vorbild sein!“

Die schottische Band Biffy Clyro erfuhr im Jahr 2007 mit der Veröffentlichung ihrer Platte "Puzzles", was Ruhm eigentlich bedeutet. Seither haben sie ein weiteres Album veröffentlicht und zu einem Major-Label gewechselt. Der Drummer Ben Johnston erzählt.
Biffy Clyro - zu erfolgreich, um indie zu sein?
Bild: Madelien Waegemans und Jens Baert

Vor drei Jahren haben die drei Schotten von Biffy Clyro mit dem Album „Puzzle“, welches im Vereinten Königreich sogar mit dem Goldstatus ausgezeichnet wurde, die Rockszene im Sturm erobert. Danach wurde es für zwei Jahre still um die Band, doch das Anschlussalbum „Only Revolutions“ schlug ein wie eine Bombe und vermochte sogar den Erfolg des Vorläufers „Puzzle“ zu toppen. „Only Revolutions“ erhielt innerhalb weniger Tage Goldstatus, und die ausgekoppelten Singles „Mountains“ und „That Golden Rule“ erreichten sogar die Top Ten der Englischen Single-Charts. Auch hierzulande hat sich die schottische Band einen Namen in den Rockerkreisen gemacht und kann sich sogar damit rühmen, am diesjährigen Openair St.Gallen als einer der grossen Bands aufzutreten. Schlagzeuger Ben Johnston sprach mit Tink.ch über Ruhm, Indiebands und böse Major-Labels.

 

 

Hallo Ben, schön dich zu sehen. Die heissen Temperaturen hier in St.Gallen sind wohl auch etwas zu hoch für einen Schotten, nicht wahr?

Ach, wir hatten in den vergangenen Tagen in Schottland traumhaftes Wetter. Bei uns war es sogar heisser als im Moment in Australien. Obwohl, das mag wohl daran liegen, dass die Australier jetzt gerade Winter haben. Aber es ist einfach so cool, behaupten zu können, bei uns sei es heisser als in Australien (lacht).

 

Das ist aber nicht euer erstes Konzert in der Schweiz, oder?

Nein, wir waren jetzt auch schon einige Male in der Schweiz. Es war unglaublich toll, zurück zu kommen und all diese Begeisterung zu spüren, die man uns entgegenbringt. Wir hatten einige ganz schöne Erlebnisse hierzulande.

 

Ihr habt ja einen wahnsinnig dicht gedrängten Terminkalender, ihr seid die ganze Zeit unterwegs auf Festivals.

Ja, da hast du recht. Morgen spielen wir zum Beispiel auf dem Glastonbury. Wir haben echt viel vor in den nächsten Monaten, wir spielen noch auf ganz vielen Festivals, davon einige ganz grosse im UK. Am Wochenende gehen wir ab und zu nach Hause, um zu proben oder um am neuen Album zu feilen.

 

Ist dieser Stress mühsam oder seht ihr das Ganze eher als Spass?

Nun, wohl als einen Mix aus beidem. Ich bin zum Beispiel im Moment extrem müde, aber das Touren macht natürlich auch viel Spass.

 

Mit eurem Album „Puzzle“ habt ihr Bekanntheit in der Rockszene erlangt, mit „Only Revolutions“ werdet ihr nun als Stars gefeiert. Ist „Only Revolutions“ nach euer eigenen Revolution, eurem Durchbruch, benannt? Ihr bezeichnet dieses Album zudem auch als eine typische Biffy Platte.

Mit „Our Revolutions“ sind wir sicherlich zu unseren ursprünglichen Wurzeln zurückgekehrt, allerdings ist auf dieser Platte sicherlich auch ein Fortschritt zu hören gegenüber unserer älteren Sachen. Das Album wurde auch sehr positiv von der breiten Masse aufgenommen, wir sind also sehr zufrieden.

 

Was plant ihr für euer nächstes Album? Wollt ihr etwas völlig anderes machen?

Wir planen solche Dinge nicht, wir lassen uns einfach leiten von unserer Intuition. Ich denke, das ist auch das Geheimrezept für unseren Erfolg: Wir wollen uns zu nichts drängen lassen, sondern machen einfach das, was wir wollen und für richtig halten. Eine gute Portion Egoismus gehört da auch dazu, das ist wichtig.

 

Nach eurem Auftritt heute spielen The Strokes. Sie galten als diejenigen, die den Indierock zurückbrachten. Bedeutet denn Indie dir etwas, und wenn ja: was genau?

Indiemusik bedeutete mir früher insofern viel, weil ich Fan von Oasis und Blur war. Heute sind das natürlich grosse Namen, man kann solche Bands nicht mehr als Independent Bands bezeichnen. Das Gleiche gilt für The Strokes, die haben sich längst ausserhalb der Indieszene einen Namen gemacht. Ich denke, heute würde niemand mehr eine solch bekannte Band als independent bezeichnen. Ich denke, der Begriff „indie“ verkörpert vor allem die einfache Produktionsweise eines Albums, ohne viel Geld und Schnickschnack.

 

Seid ihr dann auch eine „Indieband“?

Ich denke, wir haben als Indie-Band gestartet, da wir unser Album selbst produziert haben. (überlegt) Wir waren eigentlich für die ersten drei Alben eine Indie-Band, doch nachher wechselten wir ja zu einem Major-Label, daher würde ich sagen, wir sind mittlerweile wohl auch zu einer Mainstream-Band geworden.

 

Dann würdest du sagen, es kommt also auf die Produktion eines Albums an, um zu entscheiden, ob eine Platte „indie“ ist? Sobald man zum Beispiel das Album in einer Küche aufnimmt, ist es indie, egal wie gut oder schlecht die Platte ist.

Doch, ich denke das könnte man so sagen. Das Problem ist jedoch, dass es heutzutage sehr viel schwieriger geworden ist, indie zu sein. Labels nehmen nur noch Bands unter Vertrag, die ganz gross rauskommen könnten, für alles andere ist leider zu wenig Geld da. Heute verdienen die Labels fast nichts mehr an den Plattenverkäufen, da man alles gratis downloaden kann. Daher kommt auch die Gier der grossen Labels: Sie wollen so viel Profit wie möglich aus den Künstlern schlagen. Das frustriert mich sehr, denn die grossen Musiklabels kontrollieren die ganze Industrie. Ich denke es wäre wichtig, dass die Majors wieder Macht an die Musiker zurückgeben. Ich denke, wir zum Beispiel sind zu einer Band geworden, die von der breiten Masse gehört wird, doch wir machen noch immer unser eigenes Ding. Wir machen nur, was uns gefällt und lassen uns nicht verbieten. Doch für Bands, die am Anfang ihrer Musikkarriere stehen, kann dies schwierig werden. Die Labels haben das Sagen, und bestimmen, was du machen sollst.

 

Vielleicht kommt da das Internet den Musikern zu Gute, da Bands ihre Platten selber über das Internet vermarkten können und somit Labels umgehen können?

Ganz klar: ja. Ich sehe das Internet als eine Chance für kleine Bands, die gross werden wollen, denen aber das Mittel dafür fehlt oder für Musiker, welche sich nicht den Bedürfnisse der Plattenfirmen anpassen und somit ihr eigenes Ding machen wollen. Das Internet ist eine vielversprechende Alternative zu den grossen Labels.

 

Da könnte man natürlich auch die Frage stellen, wieso ihr bei einem grossen Label unter Vertrag seid.

Natürlich, das mag jetzt kontrovers erscheinen. Aber das Problem ist nun mal, dass man ohne eine einflussreiche Plattenfirma nicht weit kommt. Wir wären heute nie da, wo wir sind, ohne ein Major-Label. Wir wären immer eine kleine Band geblieben, denn wir könnten uns ja offensichtlich niemals derartige Promotionsaktionen und ähnliches leisten, wie wir es mit einem Major-Label können.

 

Und wenn es alle wie Radiohead mit ihrem Album „In Rainbows“ machen würden? Wenn ein Album über das Internet vertrieben wird, fällt die Funktion eines Labels aus.

Das wäre tatsächlich toll, wenn dies so funktionieren würde. Leider tut es einfach bis jetzt einfach niemand. Ich denke, Radiohead dachten, viele Bands würden folgen und ihre Alben auch so veröffentlichen. Was ja am Ende  ins Wasser fiel. Wir haben es bis jetzt auch noch nicht geschafft. Aber ich hoffe wirklich, dass sich in Zukunft etwas in der Plattenindustrie ändern wird.