Politik | 14.06.2010

Quo vadis, Schweizer Armee?

Armee - wie weiter? Diese Frage war Anlass der Podiumsdiskussion von letzter Woche im Gymnasium Hofwil. Es diskutierten EVP-Grossrat Daniel Steiner-Brütsch, SVP-Grossrat Thomas Fuchs und Berufsoffizier Martin Buchwalder mit dem Leiter des Zivildienstes, Samuel Werenfels sowie mit Aline Trede, Stadträtin der jungen Grünen und GSoA-Sektretär Adi Feller.
Beim Zivildienst mit Leiter Samuel Werenfels war man überrascht: Über ein Drittel der neu Zivildienstleistenden sind aus der RS.
Bild: PD Martin Buchwalder und Thomas Fuchs sehen das Nachwuchsproblem der RS unter anderem in der "zu faulen Jugend". Adi Feller von der Gruppe "Schweiz ohne Armee" (GSoA) plädiert für die Abschaffung der Wehrplicht.

Rekrutenschule, Zivilschutz oder Zivildienst. Einen dieser Wege muss in der Schweiz jeder junge Mann wählen, nachdem er die Schule oder eine Lehre abgeschlossen hat. Seit der Abschaffung der Gewissensprüfung 2009 absolvieren viel mehr Junge den Zivildienst als die RS. Der Schweizer Armee fehlt es an Zuwachs. Militärdienst ist ein Thema, das vor allem bei vielen Schülern für Gesprächsstoff, Kopfschütteln oder Bedenken sorgt.

 

Legitimation der Armee 21

Die Legitimation der sogenannten Armee 21, wie sie sich heute zusammensetzt und agiert, sei stark fragwürdig; darum habe er sich nach der Rekrutenschule und zwei WKs für den Zivildienst entschieden, meinte GSoA-Sektretär Adi Feller an der Podiumsdiskussion. Es verwundere ihn nicht, wenn die Jungen keinen Militärdienst mehr leisten wollen; so sehen die meisten schlicht keinen Sinn im Tätigkeitsbereich der Armee.

 

Doch seine Kritik bezüglich sinnloser Übungen und zahlreicher Logistikfehler vor allem in der RS wurde von Berufsoffizier Martin Buchwalder abgeschwächt. Es sei wahr, dass nicht alles perfekt sei in der Armee, das sehe auch er ein, sagte er. Doch trotzdem sei es seiner Meinung nach wichtig, Gehorsam zu lernen, zuweilen auch ohne den Sinn des Befehls zu hinterfragen. Auch Aline Trede kritisierte die Notwendigkeit einer bewaffneten Armee und hielt es für wichtiger, vor allem in Bereichen wie Katastrophenhilfe die Armee einzusetzen. Zugleich lobte sie aber den Zivildienst und dessen Tätigkeitsbereiche.

 

Militärdienst vs. Zivildienst

Es wurde relativ schnell klar, dass die meisten jungen Männer im Publikum keinen Militärdienst absolviert haben oder absolvieren möchten. Was auch mit aktuellen Zahlen des Militärdepartements übereinstimmt. So sind von den jährlich rekrutierten Jugendlichen fast die Hälfte untauglich. Überdurchschnittlich viele davon sind Gymnasiasten. Den wenigen, die trotzdem schon einen Marschbefehl erhalten haben, versicherte Thomas Fuchs, dass sie schliesslich doch „etwas fürs Leben“ lernen würden. Im selben Atemzug wies der Oberstleutnant darauf hin, dass die Jungen heutzutage „einfach zu faul“ wären, Militärdienst zu absolvieren. Auf diese provokante Aussage reagierte das bis dahin zurückhaltende Publikum. Zahlreiche Hände schossen in die Luft.

 

Plötzlich meldeten sich die jungen Männer zu Wort. Er leiste sicher keinen Militärdienst, sagte der 17-jährige Lukas. „Wenn schon, dann Zivildienst. Da sehe ich wenigstens, dass mein Dienst der Gesellschaft etwas bringt, was ich beim Militär nicht erkennen kann“, sagte er. Er fände es aber schade, dass der Zivildienst viel länger dauert als der Militärdienst. Da werde doch bestraft, wer sich sinnvoll betätigen möchte. Zudem, fügte er an, habe er von Kollegen gehört, dass man ziemlich einfach „doppelt untauglich“ werden kann, weswegen er sich noch überlege, was er in einem Jahr an der Rekrutierung tun werde.

 

Über den Zivildienst, die Alternative zum Militär, wurde aber überraschend wenig gesprochen. Zivildienstleiter Samuel Werenfels betonte zwar mehrmals, man sei völlig überrascht gewesen von der rasanten Zunahme an Zivildienstleistenden nach der Abschaffung der Gewissensprüfung im April 2009. Mehr als jeder Dritte der Zivildienstgesuchsteller haben ihr Gesuch nach zwei, drei Wochen RS eingereicht. Aus diesen Gründen musste das Parlament die erleichterten Bedingungen für den Zivildienst Anfang Jahr anpassen: Reicht man heute während einer Militärdienstleistung ein Zivildienstgesuch ein, muss man mindestens vier Wochen warten, bis dieses bewilligt wird und man den Militärdienst abbrechen darf.

 

GsoA will Abschaffung der Wehrpflicht

Im Publikum wurde es erneut unruhig, als die Runde bald einmal auf die Abschaffung der Armee zu sprechen kam. „Wenn die kürzlich lancierte Initiative der GSoA mit dem Ziel die Wehrpflicht abzuschaffen durchkommt, wird es wohl auch den Zivildienst in der Form, wie er heute existiert, nicht mehr geben“, sinnierte eine Schülerin aus dem Publikum. Das sei leider so, pflichtete der GSoA-Sektretär ihr bei, doch die Wehrpflicht gehöre als erstes abgeschafft und er sehe gute Chancen, die Initiative vor dem Volk durchzubringen, fügte er an. Ein Zivildienst werde es aber weiterhin geben, zugänglich für Männer und Frauen.

 

Es wäre erst die 18. Volksinitiative seit 1893, die vom Schweizer Stimmvolk angenommen würde. Es ist jedoch nicht die erste Initiative, die die Schweizer Armee betrifft. Ein grosses Ereignis war zum Beispiel die Abstimmung vom 26. November 1989 als das Schweizer Stimmvolk über die Initiative „Für eine Schweiz ohne Armee und für eine umfassende Friedenspolitik“ abstimmte. Bei einer rekordmässigen Stimmbeteiligung von knapp 70 Prozent wurde die Initiative mit 64,4 Prozent Nein-Stimmen klar abgelehnt. Man darf also bei gespannt sein, welches Resultat die Initiative „Ja zur Aufhebung der Wehrpflicht!“ erzielt, ist dieses polarisierende Thema doch mit vielen Emotionen verbunden.