Gesellschaft | 15.06.2010

Pflanzen und beackern im Strafvollzug

Text von Martin Sturzenegger | Bilder von ZOL
Das Vollzugszentrum Bachtel ist nicht nur ein vorübergehendes Zuhause für delinquente Männer. Es ist auch ein kleines Arsenal von öffentlich zugänglichen Handwerksbetrieben. Aktuell locken vor allem die Blumen und Pflanzen der Gärtnerei.
Ein Insasse berädt eine Kundin.
Bild: ZOL

Wann würdest du ins Gefängnis gehen? Wer reinen Gewissens ist, wird antworten: Nur um Angehörige zu Besuchen, falls sich jemand aus dem näheren Umfeld der Freiheit entziehen müsste. Das wärs. Wie es in solchen Insititutionen aussieht, kann man sich auch getrost in Fernsehsendungen wie “Tatort” anschauen – aus sicherer Distanz. Niemand käme aber auf die absurde Idee, für den nächsten Blumenkauf ins Gefängnis zu gehen. Das Vollzugszentrum Bachtel bietet aber genau das und noch vieles mehr: Blumen in allen Farben, Gemüsesetzlinge, Beet- und Balkonpflanzen, ein breites Graniumsortiment oder diverse Kräuter für den Kochgebrauch – ein umfassendes Sortiment, das für Kunden zu normalen Ladenzeiten jederzeit zugänglich ist. Der einzige Unterschied zur Gärtnerei des Vertrauens: Die Pflanzen und Blumen werden nicht von gelernten Profis kultiviert, sondern von Gefängnisinsassen unter der Leitung von Fachpersonen.

 

Strukturierter Tagesablauf

15 Gefangene kümmern sich von Montag bis Freitag um den Betrieb der Gärtnerei. Idyllisch eingebettet in den Hügeln von Ringwil, hegen und pflegen Männer jeglicher Couleur und Herkunft die zarten Pflänzchen. Es geht zu und her wie in einem normalen Gärtnereibetrieb. Morgens um halb acht ist Arbeitsbeginn und dann wird gehackt, gesetzt, gepflückt und verkauft. Um 16:45 Uhr ist Feierabend und die Gärtner werden wieder zu Gefängnisinsassen. “Ziel ist, dass die Männer einem geordneten Tagesablauf nachgehen”, sagt Bruno Flammer, Betreuer und Chef der Gärtnerei. “Es ist wichtig, sie sinnvoll zu beschäftigen.” Unter den rund 65 Insassen des Vollzugszentrums in Ringwil gibt es zwei verschiedene Gefangenengruppen: Insassen mit Ersatzfreiheitsstrafen, bei denen eine Geldstrafe in Haft umgewandelt wird und diejenigen, die sich im offenen Vollzug befinden. Letzteres sind Männer, die die verschiedensten Verbrechen begangen haben – von Dealereien bis zum Gewaltverbrechen. Was allen gemein ist: sie befinden sich kurz vor der Entlassung in die Freiheit oder Halbfreiheit. Teilweise haben sie schon mehrere Gefängnisjahre hinter sich und müssen nun langsam wieder an den normalen Alltag herangeführt werden. “Für diese Männer ist besonders wichtig, dass man sie auf das spätere Leben vorbereitet”, sagt Zentrumsleiter Werner Burkhard. Nebst der Gärtnerei unterhält die Vollzugsanstalt zu diesem Zweck auch noch einen Landwirtschafts- und verschiedene Handwerksbetriebe.

 

Besser als Tischfussballspielen

Einer, der die Wichtigkeit der Insassenbeschäftigung aus eigener Erfahrung kennt, ist V. H.*. Der 33-jährige Schweiz-Kosovare arbeitet seit sieben Monaten in der Gärtnerei. Für einen Verstoss gegen das Betäubungsmittelgesetz wurde der zweifache Familienvater zu 15 Monaten Haft verurteilt. Aufgrund guter Führung wird er in fünf Wochen frühzeitig und auf Bewährung entlassen: “Dann darf Betreuer Flammer den Traktor selber fahren”, sagt er und lacht. H. ist zuständig für alle Aufgaben, die mit grossen Maschinen zu tun haben. Er beackert die Gemüsefelder und übernimmt die Bewässerung der grossen Gewächshäuser. Ohne die Arbeit in der Gärtnerei wäre es ihm in Ringwil langweilig geworden, sagt er. Den Fitnessraum habe man irgendwann gesehen und den ganzen Tag nur Tischfussballspielen wäre eintönig. Durch die Arbeit sei die Zeit rückblickend ziemlich schnell vorbeigegangen. Zudem bewahre sie einen davor, faul zu werden. H. hat bereits jetzt Kontakt zu Temporärbüros aufgenommen, damit er im richtigen Alltag schnell wieder Fuss fassen kann. “Ich werde sicher schnell eine Arbeit finden”, gibt er sich zuversichtlich. Den Beschäftigten in der Gärtnerei wird ein Tageslohn zwischen 15 und 30 Franken ausbezahlt – je nachdem, wie gut und wie lange sie ihre Arbeit schon verrichten. H. verdient in den letzten Tagen seiner Haft 28 Franken pro Arbeitstag. Mit dem Geld kauft er meist eine Kleinigkeit für seine Kinder – eine Schokolade beispielsweise, die er ihnen überreicht, wenn sie ihn am Sonntag besuchen.

 

H. gehört zu den kooperativen Insassen. Mit den Gefangenen im Ersatzstrafvollzug sei die Arbeit erfahrungsgemäss etwas schwerer, sagt Flammer. Durch die meist sehr kurze Aufenthaltsdauer sei es schwierig, einen persönlichen Bezug zu ihnen zu finden. Zudem fühlen sich viele nicht verpflichtet, einer regelmässigen Tätigkeit nachzukommen. Viele Insassen mit Ersatzfreiheitsstrafe hätten schon Mühe, ihre Verpflichtungen im richtigen Alltag wahrzunehmen. Dennoch laufen die Geschäfte der Gärtnerei ansprechend, aber nicht kostendeckend. Im längjährigen Bestehen der Gärtnerei habe sich mittlerweile eine Stammkundschaft gebildet. Vor allem die Bio-Gemüsesetzlinge seien bei den Kunden sehr beliebt. Ein Besuch lohnt sich, nicht nur wegen der schönen Aussicht auf den Pfäffikersee.

 

 

Öffnungszeiten

 

 


 

Gärtnerei: Montag bis Freitag 8:30 bis 11.45 Uhr und 13:30 bis 17:00 Uhr

Blumen- und Geschenkboutique Ko-lo-ri: Ganztags: Di, Do, Fr und Samstagmorgen

 

* richtiger Name der Redaktion bekannt