Sport | 01.06.2010

Nächster Halt: Gesamteuropäischer Kampf

Text von Uwe Bieri
Ein Boxabend der Extraklasse fand letzten Samstag im Berner Kursaal statt. Es kämpften Amateure und Profis. Der Berner Yves Studer konnte seinen Titel im Mittelgewicht der europäischen Nicht-EU-Staaten trotz einem Unentschieden verteidigen.
"Der Bär" beisst zu, doch Yves Studers Deckung hält stand. Yves Studer und sein Trainer Bruno Arati kurz vor dem Kampf - voll konzentriert. Trainerlegende Kevin Rooney feuert seinen Schützling Nasi Hani energisch an. Fotos: Erwin Bieri

Wenn man den Kursaal betritt, an den beiden stilsicher gekleideten Türstehern vorbei, wähnt man sich zuerst nicht an einem Boxkampf. Interieur und Ambiente erinnern eher an einen klassischen Konzertsaal. Überall gedämpftes Licht, nur der Ring ist in gleissendes Scheinwerferlicht getaucht. Ein passender Hintergrund für Poesie, für eine “Poesie der Gewalt”. Das Vorprogramm besteht aus Kämpfen von Amateurboxern, einem Frauenboxkampf und einem Kampf der “Cruiser-Klasse” (Leichtschwergewicht), wobei letzterer zu einem der Höhepunkte des Abends zählt: Nasi Hani “The Demolition Man” aus Mazedonien kämpft und siegt gegen Zsold Bodi aus Ungarn. Nasi Hani hat für die Vorbereitung dieses Kampfes drei Monate lang in New York verbracht bei der Trainierlegende Kevin Rooney. Jenem Kevin Rooney, der Mike Tyson 1986 zum jüngsten Weltmeister aller Zeiten machte.

 

Der Titelkampf

21.30 Uhr: Yves Studer betritt mit seiner Crew den gut besuchten Kursaal zum Lied “Das Geheimnis meiner Kraft” von den Böhsen Onkelz. Der Ringrichter ermahnt die beiden Kontrahenten noch einmal zu einem fairen Kampf. Yves “Pitbull” Studer blickt dabei seinem Gegner Shalva Jomardashvili, dem georgischen Bären, tief in die Augen, als möchte er ihm sagen: “Das ist mein Revier, sieh dich vor”. Dann geht es los. Beide Boxer beanspruchen nach einer kurzen Abtastphase die Rolle des Attackierenden, was zeitweise zu Sequenzen von offenem Schlagabtausch führt. Der Kampf ist über die meisten Runden sehr ausgeglichen. Wenn Studer unter Druck gerät, feuert ihn das Publikum lautstark an und der “Pitbull”, getragen von der einheimischen Unterstützung, schöpft neue Kraft. Gegen Ende kann Studer mit der besseren Kondition noch einmal auftrumpfen. Nach zwölf Runden ist aber klar, dass es eine knappe Entscheidung werden würde.

 

Das Urteil

22.30 Uhr: Wie so oft, wenn Sieg oder Niederlage nicht vorzeitig durch die Kämpfer für klare Verhältnisse sorgen, führt die Urteilsverkündung des Ringsprechers auch jetzt bei den Akteuren zu unterschiedlichen Reaktionen. Der Georgier muss über die gesamte Kampfzeit nie Bekanntschaft mit dem Ringboden machen, tut dies aber nun freiwillig durch ein demonstratives “sich-zu-Boden-Werfen” bei der Urteilsverkündung (unentschieden) als Trotzreaktion. Shalva Jomardashvili wähnt sich wohl als Sieger. Sein Kontrahent Yves Studer, der den Titel behalten darf, äussert sich in einem ersten Statement über das Unentschieden positiv und findet die Bewertung der Punkrichter (117:111, 112:116, 114:114) gerecht (zum Punktesystem siehe unten). Studer zollt seinem Gegner Respekt und bezeichnet ihn als “hartschlagenden, guten Fighter”, der ihm über die zwölf Runden “alles abverlangt” habe. Dem Publikum gegenüber zeigt sich Studer enttäuscht, dass er sich nicht mit einem Sieg für die tolle Unterstützung bedanken kann.

 

Dies war Studers erster Ernstkampf nach einer überstandenen Handverletzung. Zweifelsohne war es ein starker Auftritt gegen einen starken Gegner. Studer wächst von Kampf zu Kampf und mit ihm seine Zukunftsperspektive. Wenn alles nach Plan läuft, kann es nur heissen: Nächster Halt: Gesamteuropäischer Titelkampf. Denn mit diesem Kampf hat Studer sich wohl definitiv das Recht erkämpft, den amtierenden Europameister Darren Baker herauszufordern.

 

 

So wird gezählt


Im Profiboxen werden die Punkte nach dem “Ten-Point-Must-System” gezählt. Dabei bekommt der Sieger der Runde zehn Punkte, der Verlierer in der Regel neun. Wenn der Verlierer einmal niedergeschlagen wird, bekommt er acht Punkte, beim zweiten Mal sieben. Endet eine Runde unentschieden, erhalten beide Boxer zehn Punkte. Verwarnungen werden erst nach Ende des Kampfes vom Punktekonto abgezogen. Gewinnt beispielsweise ein Boxer zehn von zehn Runden und gibt es keinen Niederschlag und keine Verwarnung, lautet das Urteil 100:90.