Kultur | 07.06.2010

“Meine Musik sollte man mit dem Herzen hören”

Mit der Trip-Hop Band Lamb erreichte sie Kultstatus, mit ihrem Soloprojekt geht sie noch einen Schritt weiter: Die Engländerin Lou Rhodes.
Zieht ihr eigenes Ding durch: Die 45-jährige Lou Rhodes.
Bild: PD Schätzt die Gesellschaft genau so wie die Einsamkeit: Reporter Martin Sigrist mit Lou Rhodes. Martin Sigrist.

Du warst eben in Zürich spazieren, wie war’s?

Lou Rhodes: Ich habe mir Essen und etwas Sonnenschein geholt. Der Reichtum hier ist so auffallend. Das ist wohl die Schweiz. Ich war ja schon öfters in der Schweiz, aber in diesem Viertel habe ich noch nie gewohnt. Das ist echt das Zentrum. Letztes Mal waren wir nahe eines Parks, wo die Drogensüchtigen waren. Das sind wohl die Extremen, die man in einer so reichen Stadt antrifft.

 

Diesmal spielst du im Kaufleuten, schicker als jene Orte, an denen du mit Lamb gespielt hast.

Das ist interessant, denn mit meinem Solo-Projekt spiele ich nun oft in Theatern oder Galerien, wo die Leute sitzen. Teilweise spiele ich auch an ziemlich runtergekommenen Orten.

 

War es eine grosse Umstellung, nach der Zeit mit Lamb solo zu touren?

Es ist ein fliessender Prozess. Als ich angefangen habe, solo zu schreiben, wusste ich noch nicht, wie das Line up sein sollte. Ich stehe jetzt eher unter Druck, da ich alles alleine entscheiden muss. Bei Lamb konnte ich die Verantwortung noch mit Andy teilen. Er hat sich eher um die Produktion gekümmert. Streit gab es natürlich auch, und der war dann immer sehr öffentlich. Jemanden zum Streiten zu haben, nimmt aber auch einiges an Stress weg. Gleichzeitig liebe ich die Freiheit, die ich nun habe, meine eigene, akustische Musik zu machen. Dabei bin ich nicht mehr an Geräte gebunden. Es gibt der Musik einen Fluss, wir können uns auf der Bühne viel mehr dem Moment und damit unseren Launen anpassen.

 

Du scheinst bei Lamb immer die ruhigere Hälfte gewesen zu sein.

Ja, ironischerweise. Denn ich war ja die Sängern und damit eigentlich die Frontperson. Es fühlte sich dann so an, als wäre Andy die frustrierte Person, die eigentlich im Mittelpunkt stehen wollte. Das war schon immer sehr lustig. Und er hat’s da dann immer geschafft, in den Vordergrund zu kommen.

 

Du hast dein aktuelles Album mit ihm produziert.

Ja, das war eine sehr interessante Erfahrung und ursprünglich nicht der Plan. Aber ich wusste, dass ich es selbst produzieren wollte. Bei den ersten beiden Alben habe ich den Produzenten zu sehr übernehmen lassen. Ich hatte eigentlich immer sehr klare Vorstellungen, wie ich’s machen wollte, und dass ich dabei die führende Kraft sein wollte. Die Idee, bei meinem eigenen Album überhaupt mit jemandem, dann noch mit Andy zu arbeiten, scheint also doch etwas lustig in diesem Kontext. Er hat es vorgeschlagen. Meine Hauptsorge war, dass ich wusste, wie ich’s machen wollte. Und ich wollte sicher sein, dass es für Andy in Ordnung geht, nicht alles übernehmen zu können. Er war super. Er hatte viele Ideen, liess mich aber entscheiden und hat sich sehr zurück gehalten. Das war wohl eine Herausforderung für ihn.

 

War auch geplant, dass er mit dir auftreten würde?

Nein, in diesem Projekt gibt’s keine Rolle für ihn. Es gibt kein Programmieren, kaum Schlagzeug. Das hätte nicht funktioniert, denn ich möchte nicht so eine halbe Lamb-Sache mit ihm machen. Das ist einzig ein Lou Rhodes-Projekt.

 

Du bist nun schon länger als Lou Rhodes unterwegs. Letztes Jahr habt ihr aber ein paar Konzerte als Lamb gespielt. Wie war dieses Hin und Her?

Das war interessant. Als der Vorschlag kam, nochmals als Lamb auf Tour zu gehen, war ich nicht sehr enthusiastisch. Aber ich habe mich mit der Idee angefreundet. Wir haben uns entschieden, mal zusammen zu kommen und ein paar Sachen zu spielen. Es hat viel Spass gemacht. Für mich war einfach entscheidend, dass es ohne ein weiteres Ziel passieren sollte, ohne einen Plan danach für Lamb. Ich wollte ja in der Folge mein aktuelles Solo-Album machen. Und Andy macht auch sein eigenes Ding.

 

Die Leute haben euch aber offensichtlich sehr vermisst.

Ja, die Leute tun das. Das ist ein zweischneidiges Schwert. Lamb war eine tolle Erfahrung. Vielleicht war Lamb in universellen Begriffen kein grosser Erfolg, aber dennoch Kult. Wir haben die Herzen der Leute berührt. Das ist zwar toll, aber es ist gleichzeitig ein Fehler, wenn sich die Leute so daran klammern. Die Essenz einer Band ist doch, dass es nicht immer gleich weiter geht. Es ist zwar möglich, dass wir wieder als Lamb etwas machen, doch das würde nur funktionieren, wenn wir etwas Neues tun, wenn wir einen Weg finden, uns zu verändern, uns weiter zu entwickeln. Darum ging’s bei Lamb schon immer. Es frustriert mich, wenn Leute sich an etwas klammern wollen, es zurück haben wollen, obwohl es nicht mehr da ist. Du musst das Leben fliessen lassen. Aus etwas Vergangenem entsteht etwas anderes. Ich mache im Moment gerade mein Solo-Ding, und die Leute sollten ihre sentimentalen Erinnerungen loslassen. Die Songs sind nicht gleich, aber sie sind immer noch von mir, auf eine andere Art geht also alles weiter.

 

Viele Leute sehen dich nicht als Lou Rhodes, sondern als die eine Hälfte von Lamb.

Das ist sehr unterschiedlich. An gewissen Orten bin ich sehr überrascht, wie das Publikum schon sehr mein Publikum ist, es gibt immer Fans von Lamb. Es ist aber überraschend, wie viele Leute Lamb nicht kennen. Ich bin dankbar für Lamb, dafür, was es war und vielleicht wird. Aber ich möchte dieses sentimentale Ding nicht ermutigen: Bring doch bitte Lamb zurück. Es ist einfach gerade nicht hier. Aber man weiss ja nie. Falls Lamb wieder kommt, dann auf jeden Fall auf eine andere Art, denn Lamb war schon immer ein Experiment.

 

Im Pressetext zu deinem neuen Album steht, du seist introvertiert und möchtest ein Leben ohne Grenzen. Wie sieht’s damit aus?

Das stimmt schon. Ich bin gerne meine eigene Begleitung. Gleichzeitig sagen Leute, dass ich Dinge zu intensiv empfinde. Diese beiden Dinge gehören wohl zusammen. Ich brauche Zeit, um alles zu verarbeiten.

 

Du bist also nicht einsam?

Nein, überhaupt nicht. Wenn ich auf Tour bin, vermisse ich meine Familie und mein Zuhause. Andererseits liebe ich meinen Job. Aber für das Eine muss ich jeweils das Andere verlassen. Andere Leute hassen ihr Zuhause und ihren Job, ich kann mich also nicht beklagen.

 

In einem deutschen Magazin wurde kritisiert, dass bei deinem aktuellen Album Kunst und Intimität zu nahe beieinander sind und  das Hören deiner Musik dadurch sehr erschöpfend wird.

Das ist eine interessante Beschreibung. Ich kann’s verstehen, wenn man wirklich mit der Musik kämpft, wenn man zu sehr darüber nachdenkt. Ich will nicht verallgemeinern, aber es passt, dass es in einem deutschen Magazin stand, denn bei deutschen Konzerten merke ich, dass die Leute viel über Musik nachdenken. In Osteuropa etwa war die Reaktion des Publikums anders. Da gab’s viel mehr geschlossene Augen, Tränen. Das ist mir besonders aufgefallen, als wir in Berlin, dann in Prag gespielt haben. Es kann also erschöpfend sein, wenn man meine Musik zu sehr mit dem Kopf statt mit dem Herzen hört.

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