Kultur | 07.06.2010

Lebhafter Todestanz

Im Theaterzelt kehren Leichen aus dem Kühlraum zurück und vollführen ein morbides Tanztheater. "Der Mitmacher" von Friedrich Dürrenmatt feiert in Theater St. Gallen seine Premiere. Die Aufführung ist zwar weit vom Original entfernt, fängt aber einiges von dessen Zynismus ein.
Eine Geschichte von Liebe, Schuld und Gewalt, erzählt vor dem Leichenkühlhaus. Das muss Dürrenmattscher Humor sein. Kaum zurück von den Toten, verwandeln die Tänzer die Bühne in ein Chaos.
Bild: T+T Fotografie, Tanja Dorendorf.

Die lebhafte Musik wird vom metallischen Ton einer Messerklinge unterbrochen. Die schwarz und gelb kostümierten, mit Blut bespritzten Tänzer (Tanzkompagnie St.Gallen) schlitzen einander gegenseitig die Kehle auf und fallen elegant auf den Boden. Doch als die Musik (Wiebe Gotink) wieder anfängt, werden sie plötzlich wieder lebendig und fahren mit dem ausdrucksvollen Todestanz fort. Mord, Gewalt, Dies- und Jenseits, Liebe und Schuld werden von den tanzenden Leichen auf der Bühne des Theaterzelts St.Gallen einzigartig dargestellt.

 

Dürrenmatts Zynismus als Vorlage

Die unnatürlichen, aber gleichzeitig faszinierenden Bewegungen der zu Tode gekommenen Figuren verleihen Dürrenmatts Theaterstück „Der Mitmacher“ ein ganz neues Gesicht. Die Morbidität wird hervorragend realisiert, als der Kühlraum aufklappt und die Leichen einzeln die Geschichte ihres Todes erzählen. Die beunruhigenden Ereignisse, die zum Lebensende der Kadaver geführt haben, entsprechen Dürrenmatts gesellschaftskritischer Absicht, auch wenn das Tanzstück eine eher lose Interpretation von Dürrenmatts „Mitmacher“ ist. Obwohl kein einziges Wort, das auf der Bühne gesprochen wird, vom Originalstück kommt, ist der Zynismus des Autors die erkennbare Basis für Andrea Bolls (Leitung und Choreographie) Interpretation.

 

Das Unmögliche wird greifbar

Die Tänzer, die ihre Rollen ausgezeichnet übernehmen, beeindrucken mit der Fähigkeit, das Unmögliche, also die Reanimation von Kadavern, so greifbar scheinen zu lassen. Vor allem erstaunend ist die reizvolle Stimme von Yannick Badier, der im Laufe des Stücks zwei Lieder singt. Die Bühne (Anna Luisa Beeli, Nina Langosch) wirkt mit der gelben Wand, der Metalltüre zum Kühlraum und einer Metallrutschbahn steril und ein bisschen surreal, was hervorragend zum Stück passt. Die kalte Beleuchtung der Bühne unterstreicht auch die sterile Wirkung, die man oft mit dem Makaberen und mit dem Tod assoziiert.

 

Eine Tragikomödie?

Etwas schwierig ist es aber, das Komische in der Tragikomödie zu entdecken, weil trotz der Unmöglichkeit von tanzenden Leichen die dunklen Geschichten von Dies- und Jenseits fast zu realistisch dargestellt werden. Die lockere, ungehemmte Art, in der gesprochen und gesungen wird, hellt das Stück nicht auf, sondern unterstützt das Unheimliche. Die Geschichte wirkt auch etwas konfus und ist nicht einfach zu verfolgen, weil jeweils viele Ereignisse auf der Bühne gleichzeitig ablaufen. Dennoch verleiht dies ein Gefühl des Chaos, das die Vorstellung eines gewaltsamen Todes umso realistischer macht.

Obwohl ernsthafte Themen zum Teil fast schon missbraucht werden, weil sie in einen wenig gelungenen komischen Kontext gesetzt werden, zeigt Bolls Tanzstück die morbide Faszination des Todes für die Menschen auf eine interessante Weise; doch ob die Aussagen von Bolls „Mitmacher“ mit dem Theaterstück von Dürrenmatt übereinstimmen, ist bestreitbar. Die Inszenierung besitzt zwar Dürrenmatts offenen, gesellschaftskritischen Unterton, doch die Zusammenhänge von Inszenierung und Vorlage sind etwas schwieriger zu entdecken.