Gesellschaft | 14.06.2010

Kindergarten der Superlative

Text von David Naef | Bilder von Jasmin Marfurt
Berns Stadtpräsident Alexander Tschäppät besingt Politiker der SVP als "Motherfuckers", Christoph Blocher vergleicht "Ja-Sager" mit Nazis, während SP-Grossrat Roland Näf auf Facebook der Gruppe "Kann der hässlichste Hund der Welt mehr Fans haben als Christoph Blocher?" beitritt. Ist die Politik zum Kindergarten mutiert?
Manche Politiker können sich manchmal einfach nicht benehmen.
Bild: Jasmin Marfurt

Als „Motherfuckers“ hat der Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät im YB-Sieges-Rausch seine verehrten Politikerkollegen und Ex-Bundesräte Schmid und Blocher aus dem Lager der SVP besungen. Eine Antwort liess nicht lange auf sich warten. Blocher schoss, trotz anfänglicher Zurückhaltung, zurück und betitelte den Berner Stapi als Primitivling. Die Juso wiederum versuchte aus der Situation Profit zu schlagen und lancierte T-Shirts mit dem Schriftzug „Motherfucker“.

 

Schlechtes Benehmen

Diese Beispiele zeigen: Kindereien halten in der Schweizer Politik Einzug. Sieht man sich auf sozialen Plattformen im Netz um, stösst man auf Gruppen, die irgendeinen Politiker beleidigen. Wirft man beispielsweise einen Blick auf das Facebook-Profil des Berner SP-Grossrats Roland Näf, trifft man auf den Link zur Gruppe „Kann der hässlichste Hund der Welt mehr Fans haben als Christoph Blocher?“, der Näf beigetreten ist.

 

Doch nicht nur Politikern im Inland fällt es schwer, sich an gewisse Regeln des Anstands zu halten. Auch im Ausland stossen Vergleiche und Provokationen von Politikern auf Unverständnis: Der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück kritisierte die Schweiz im Oktober vor zwei Jahren aufgrund des Bankgeheimnisses mit unvertretbaren Ausdrücken. Zuerst drohte er mit der „Peitsche“, danach betitelte er die Schweizer als Indianer, die sich von der Kavallerie einschüchtern liessen. Ein weiteres Beispiel und aktueller Fall in Kalifornien: Im Studio eines Fernsehsenders liess Carly Fiorina, republikanische Kandidatin für den kalifornischen Senatssitz, eine Bemerkung zur Frisur ihrer Gegenkandidatin fallen. Vor laufender Kamera. Weshalb können sich manche Politiker schlicht und einfach nicht benehmen?

 

Werkzeug Medien

Wer in der Politik etwas erreichen will, braucht Aufmerksamkeit. Zwei Wege führen dazu: Der eine verschafft sich Publicity durch seriöse und harte Arbeit. Der andere proviziert mit Aussagen, sein Werkzeug sind dabei die Medien. In jüngster Zeit ist die zweite Möglichkeit immer beliebter geworden. Kaum ein Wort eines Promis oder Politikers bleibt vor den Medien geheim. Ein Grund mehr, weshalb sogenannte Ausrutscher öfter an die Oberfläche gelangen. Durch das Internet verbreiten sich zudem Versprecher innerhalb weniger Minuten. Die Informationsflut ist nicht zu stoppen. Denn was das Internet weiss, wissen auch Radiostationen, Fernsehsender, Printmedien – und somit die ganze Bevölkerung.

 

In der Politik sein heisst Vorbild sein

Was würde wohl ein Politiker antworten, wenn man ihn nach seinen Aufgaben befragt? Wikipedia definiert die Aufgabe des Politikers folgendermassen: „Politiker haben das Ziel, durch ihr kreatives Denken Probleme der Gesellschaft zu lösen und durch ihr Handeln Einfluss auf wichtige politische Entscheidungen zu nehmen. Hierzu können sie zum einen ihre durch politische Ämter gesicherten Rechte nutzen oder durch Meinungsäusserung Einfluss nehmen.“

 

Scheinbar haben einige Politiker noch nicht realisiert, dass sie durch ihr Handeln Einfluss auf die Gesellschaft nehmen, also als Vorbild agieren. In letzter Zeit verhalten sich aber gewisse Politiker so, als würden sie sich nicht in der Politk befinden, sondern in einem Kindergarten der Superlative.