Kultur | 21.06.2010

Irrgarten der Kunst

Wenn Zehntausende von Menschen in teils exzentrischer Kleidung und mit extravaganten Brillen nach Basel strömen, dann weiss man: Die Art Basel ist wieder da. Letzten Sonntag ging die viertägige Kunstmesse zu Ende und hat der Kunstwelt abermals neue Dimensionen eröffnet.
Latifa Echakhchs "Art Unlimited" könnte das Motto der riesigen Ausstellung sein. Frauenrunde: Figur von Nicky de Saint Phalle; Film "Solo" von Christian Marclay; und ein Bild von David Nolan. Fotos: Valentina Schweizer

Man ahnt es bereits wenn man in Basel aus dem Zug steigt: eine Messe wie die Art benötigt einen gewaltigen Aufwand an Organisation. Zahlreiche Schilder und Wegweiser sowie Staff-Personal in gelben Anzügen sorgen dafür, dass man auch ja in das richtige Tram steigt. «Tram 1 oder 2 bis Messeplatz! Bitte aufrücken!«, rufen die gelben Männchen. Doch den Überblick zu behalten ist schwer: Nachdem man sich endlich durch die grosse Empfangshalle und die Billetkontrolle geschleust hat, wartet ein Irrgarten aus lauter kleinen Wegen. So mancher Besucher blättert wild in den Informationsbroschüren oder schaut etwas verloren auf die Wegweiser. Doch glücklicherweise lässt sich niemand hetzen, die Stimmung ist sehr entspannt. Man geniesst das Bummeln zwischen den einzelnen Galerien und nicht zuletzt das Sehen und Gesehenwerden.

 

Experte für zeitgenössische Kunst

Die ursprünglich von einer Gruppe lokaler Galeristen gegründete Art Basel fand zum ersten Mal im Jahre 1970 statt und hat mittlerweile mehr als internationalen Standard erreicht. Die Kunstmesse präsentiert jede Form künstlerischen Ausdrucks, wie Malerei, Zeichnung, Editionen, Skulpturen, Installationen, Fotografie, Performance und Videokunst. Neben Meisterwerken in Museumsqualität, deren Wert in die Millionen geht, werden auch preisgünstige Werke junger Künstlerinnen und Künstler angeboten.

 

Wegen der alljährlichen Art darf man Basel ohne schlechtes Gewissen als eine der Kulturhauptstädte der Schweiz bezeichnen Rund 60’000 Menschen strömen jährlich aus aller Welt in die Stadt und besetzen die Hotels in Basel und Umgebung. Die Art ist Treffpunkt der internationalen Kunstwelt, hier versammeln sich Künstler, Sammler, Galeristen, Museumsleiter, Kuratoren und Kunstbegeisterte, (unter ihnen dieses Jahr auch der Schweizer Schauspieler Gilles Tschudi), um die über 300 Galerien aus 37 Ländern mit Werken von über 2’500 Künstlerinnen und Künstlern des 20. und 21. Jahrhunderts zu betrachten.

 

Berühmte Bruchstücke

Folgt man dem «klassischen Weg« durch die Ausstellung, so erblickt man zuerst eine Galerie zu Ehren Ernst Beyelers, der letzten Donnerstag im Alter von 88 Jahren verstorben ist. Beyeler baute eine der weltweit bedeutendsten Kunstsammlungen auf und war Mitbegründer der Art Basel. Ausserdem kannte er viele der Künstler, deren Werke er betreute, persönlich, darunter Alberto Giacometti und Pablo Picasso. Das Beyeler Museum gilt bis heute als ein Wahrzeichen Basels und zieht immer noch viele Besucher an.

 

Einige Ecken weiter trifft man auch gleich auf zwei kleine Giacometti-Figuren und auch Pablo Picassos «Tête de femme« steht gleich daneben. Wiederum einige Parallelgässchen weiter erblickt man einen Rothko und einige Werke Mirós. Auch Konstrukte des Baslers Jean Tinguely sind vorhanden, der es versteht, aus Blech und anderem alten Schrott Kunst zu machen. Doch all diese Berühmtheiten bilden nur einen Bruchstück der gesamten Ausstellung. Es lohnt sich, Augenmerk auf die etwas weniger berühmten Künstler zu werfen. Da wäre beispielsweise David Nolan, der sich Hinterteile von Frauen auf allen Vieren zum Markenzeichen gemacht hat und abwechslungsweise horizontal oder vertikal eine Vagina auf das Gesäss pflanzt, oder in offenbar besonders guter Stimmung, auf die eine Pobacke.

 

Porno auf Kunstebene

Besonderen Anklang findet auch der Sektor «Art Statements«, ein beliebter Ort für Entdeckungen von jungen Künstlerinnen und Künstler, der in diesem Jahr 26 Projekte einzelner Künstler von jungen Galerien aus der ganzen Welt erstmals präsentiert. Da hier jeweils nur ein Werk pro Künstler ausgestellt wird, bildet diese Abteilung einen angenehmen und gerngesehenen Gegenpol zu den «Art Galleries«, die teilweise etwas anstrengend und ermüdend fürs Auge sind. Auch sehr beliebt ist die «Art Unlimited«, bei welcher vor allem innovative, anspruchsvolle Arbeiten zu sehen sind – von grossformatigen Skulpturen und Installationen bis zu Videoprojektionen und Wandgemälden. Eine interessante Neuentdeckung ist Christian Marclay, der 1955 in San Rafael, USA geboren wurde und heute in New York und London arbeitet. Beim seinem Kunstwerk an der Art handelt es sich um einen 17-minütigen Kurzfilm («Solo«), in welchem eine junge Frau sich mit einer elektrischen Gitarre vergnügt. Der dunkle Filmraum lockte etliche männliche wie auch weibliche Messebesucher an. Man kann hierbei von einem gelungenen Porno auf Kunstebene sprechen.

 

Ob Kunstporno oder Grössen wie Nicky de San Phalle und Giacometti: die diesjährige Art Basel hatte wiederum allen etwas zu bieten. So konnten sich auch die Kinder in der «Art Kids« mit Papierschöpfen oder auf einer Hüpfburg vergnügen. Die Kunstmesse war ein voller Erfolg, von Krise nichts zu spüren. 41 Jahre haben die Art Basel professionell gemacht.