Gesellschaft | 21.06.2010

Impressionen aus Palästina

Die WM hat begonnen, ich sitze in einem Café und meine Augen folgen dem Ball, der auf der Leinwand hin und her rollt auf der Suche nach Antrieb. Füsse geben eine neue Richtung. Die Leinwand ist an einer gut acht Meter hohen Mauer befestigt, die sich achtlos ihren Weg durch den Ort bahnt, geschmückt mit Graffiti. Nur wenige Schritte von mir ein Wachturm, darin erahnbar die Schemen von Soldaten in Montur. Bethlehem.
Fussball mit Graffiti im Hintergrund. Einfach geradeaus zwischen Gittern und Mauern. Die Tink.ch-Reporterin beteiligte sich an einer Demonstration.

Es ist bereits mehr als ein Monat vergangen, seit ich hergekommen bin und „falastiin hurra hurra!“ (Palästina frei frei!) echot in meinem Herzen. Hügel und Täler umgeben mich, Steine und Olivenbäume und biblische wunderbare Landschaft. Wären da nicht die riesenhaften israelischen Siedlungen, die sich auf den Hügeln breitmachen, Festungen gleich, umhagt, ummauert mit Soldaten am Eingang. Manchmal haben wir zwei Wochen lang kein Wasser, die Tanks auf den Dächern retten uns. Doch manchmal geht auch da das Wasser aus. Draussen ist es heiss, eine kühlende Dusche kann man sich nicht leisten. Das Meer liegt unerreichbar auf der anderen Seite der Mauer in Israel.

 

Viele wollen nach Jerusalem

Ein paar Tage zuvor, Freitag. Mit einigen Freunden mache ich mich auf zum Checkpoint, die heisse Luft steht zwischen den Häusern, flimmert. Der Mauer entlang suchen wir uns unseren Weg, verwaiste Strassen enden abrupt. Das Betreten des langen überdachten Gangs löst ein Gefühl der Beklemmung aus. Kein Himmel sichtbar, Gitter und Mauern, nicht umdrehen, weitergehen, den Blick auf den Rücken vor mir geheftet, starr. Ein erstes Mal durch eine Gitterdrehtür, Pass zeigen, und wir haben das Niemandsland erreicht. Ein weiteres Drehtor, das Gelände gleicht einem Flughafenterminal. Die Schlange der Wartenden ist lang. Freitag, viele wollen nach Jerusalem, um zu beten.

 

Obwohl die Leute alle eine Genehmigung oder einen israelischen Pass haben, dauert es. Eine russische Reisegruppe drängt sich vor alle anderen Wartenden. Von oben blickt der Lauf einer M-16 berechnend auf uns herab. Unruhe erfasst die Menge, als die Touristen beginnen, Schranken zu überklettern. Zwei Soldaten erscheinen, beginnen, Araber zurückzudrängen. Wir warten. Die Menschenmasse wächst an, ebenso die Spannung. Soldaten rufen Unverständliches. Zu unserer Linken haben sich weitere Westler eingefunden.

 

Privilegierte Touristen

Nachdem wir sie darüber aufklären, dass eine Touristengruppe dreist vor allen anderen durchgelassen worden ist, glänzen ihre Augen. Amerikaner haben Vortritt? Wo? Und fünf Minuten später sind sie durch. Wir warten weiter, Soldaten winken uns: „Geht, geht, Ausländer vor!“ Wir sagen, wir würden warten. Die Aggression in der Stimme der Soldaten steigt. „Kommt her!“ Wir bewegen uns nicht. „Geht durch!“ Ich spüre die Abscheu vor dieser Privilegiertheit in mir aufsteigen. Gitter, Pass zeigen, Tasche durchleuchten, Metalldetektor. Pass. Erneut. Dann endlich wieder freier Himmel.

 

Es sind fast zwei Stunden vergangen. Menschen besteigen den Bus nach Jerusalem. Die amerikanischen Touristen sind schon lange weg. Wir machen uns auf zur Demonstration in Sheik Jarra, Ostjerusalem, um gegen die unzähligen Ungerechtigkeiten im Heiligen Land zu kämpfen.