Gesellschaft | 20.06.2010

Er wanderte aus, um Pornostar zu werden

Text von Ennio Cadau
In jungen Jahren wanderte er vom Bündnerland nach Berlin aus - weil er sich eingeengt fühlte. Unter dem Namen Ruben Fux startete er eine Karriere als Pornodarsteller in Filmen für Homosexuelle.
Sieht sich als Revolutionär der sexuellen Freiheit: Pornodarsteller Ruben Fux. Fotos: PD "Im Kindesalter habe ich entdeckt, dass ein ausgeprägter Exhibitionismus in mir steckt."

Ruben Fux ist Pornostar – weil seiner Ansicht nach die religiösen Zwänge der Gesellschaft durchbrochen werden müssen. Aber vor allem spielt er mit, weil es ihm unheimlich viel Spass macht. Aufgewachsen ist er in der Idylle des Bündnerlands. Die ruhigen Berge waren auf Dauer nichts für ihn. Über Zürich kam er in die geschichtsträchtige Metropole Berlin und begann eine steile Karriere – als Darsteller in Pornofilmen für Homosexuelle.

 

In weniger als einem Jahr hat der Erotik-Darsteller diverse Filme abgedreht und ein eigenes Webprojekt gestartet. Tink.ch hat sich mit Ruben über Sex, Porno und die und seinen ungewöhnlichen Werdegang unterhalten.

 

Ruben, war die Pornoindustrie ein Karriereziel?

Ruben Fux: Es war kein Ziel, mehr eine Fantasie, ein Wunsch. Alles ging relativ schnell. Tim Kruger, ein anderer Darsteller aus Berlin, ist ein verdammt sexy Kerl und ich wollte einfach mit ihm in die Kiste. Er bot mir an, das ganze vor der Kamera zu machen. Ich fand, das sei doch der optimale Zeitpunkt für meinen persönlichen Test-Dreh. Eins führte dann zum anderen.

 

Was ist der Reiz an einer Karriere im Pornofilm-Geschäft?

Anfänglich konnte ich das nie richtig erklären. Es gibt doch so einige Wünsche, gerade im sexuellen Bereich, die man sich nicht wirklich erklären kann. Irgendwann auf der Bühne wurde mir bewusst, dass seit dem Kindesalter ein ausgeprägter Exhibitionismus in mir steckt. Noch heute, während ich auf der Bühne oder vor der Kamera stehe, frage ich mich oft grinsend: „Warum tue ich das?“ – aber das fragt man sich öfters im Leben. Ich habe ein gutes Gefühl dabei – dafür benötige ich keine Definition.

 

Ist Pornodarsteller dein Hauptberuf?

Nein, ich würde nie meinen Lebensunterhalt mit meiner Sexualität verdienen wollen. Auch Pornostars haben Tage und Wochen, an denen sie einfach keinen Bock auf Sex haben. Mich dann zu zwingen, wäre eine Bedrohung für meine persönliche Sexualität.

 

Geschützter Geschlechtsverkehr, ein heikles Thema, ist aber im Business sehr wichtig, oder?

In Zeiten einer Überschwemmung verschiedenster Geschlechtskrankheiten ist Safer Sex genau so wichtig wie das Tragen eines Helmes beim Motorradfahren. Es ist ein Schutz.

 

Vor allem gegen HIV/AIDS?

Natürlich. HIV/AIDS ist ein sehr wichtiges Thema und leider immer noch Tabu. Trotz den vielen Fakten. Ausserdem werden HIV-Positive oftmals diskriminiert. Die momentane Situation gibt mir schon ein wenig zu denken. Nicht nur hier bei uns. AIDS löscht gesamte Völkerstämme aus, aber die Menschen in den Dritt-Welt-Ländern haben oft keine Möglichkeit, an die überteuerten Medikamente zu kommen. Ausserdem werden alternative Therapien nicht wirklich beachtet oder ins Lächerliche gezogen, dabei müsste doch jede Chance genutzt werden.

 

Der ehemalige Schwimmer wird ernst, wenn es um eine der Tragödien unserer Zeit geht. Wer sich in der homosexuellen Szene bewegt und sexuell aktiv ist, weiss, dass Vorsicht und Schutz Gebot Nummer eins sind. Schon zu viele Menschen sind seit dem Aufkommen des Virus unnötig gestorben. Das heisst nicht, dass Ruben sich den Spass an seiner Arbeit davon nehmen lässt.

 

Wie fühlte sich das erste Mal vor der Kamera an?

Genial! Irgendwann, als ich mitten drin war, wurde mir bewusst, dass tausende von Menschen mich beim Geschlechtsverkehr sehen werden. Das versetzte mich in einen totalen Rausch.

 

Was unterscheidet Sex vor der Kamera von Sex im Privatleben?

Sex vor der Kamera ist eine Performance. Ein Schauspiel für ein Publikum. Privat ist privat – da geht es um mich und um meinen Sexualpartner. Sex vor der Kamera ist ein Beruf wie jeder andere – es macht Spass, ist aber auch harte mentale und körperliche Arbeit.

 

Wie bereitest du dich optimal auf einen Drehtag vor?

Alles muss am Drehtag sitzen und in Form sein. Das heisst: Fitnessstudio, viel schlaf – man benötigt ja schliesslich viel Energie. Dann noch Haare schneiden und Schamhaare trimmen – meist verpackt in einen entspannenden Wellnessabend.

 

Was war bisher die beste Erfahrung für dich?

Definitiv das Porno-Film-Festival in Athen. Wir waren für drei Shows gebucht – vor total gemischtem Publikum. Männer, Frauen, Schwule, Lesben und Heteros. Die Besucher waren aus dem Häuschen und extrem dankbar für unsere Auftritte. Ich hab mich fast wie ein sexueller Botschafter gefühlt, der Teil einer Revolution um sexuelle Freiheit und Akzeptanz ist. Gerade im konservativen Griechenland ist sie dringend nötig.

 

Zudem war das Zusammensein mit den anderen Performern – alle ausser mir und meine drei Co-Stars waren weiblich – sehr entspannend. Man war eben im Kreis unter sich, alle machten die ähnlichen Erfahrungen. Das ganze Wochenende war emotional so geladen, dass ich vor Glück heulte, als ich wieder nach Berlin zurückflog.

 

Wo wir gerade bei Berlin sind, wie kommt ein Junge aus dem Bündnerland nach Berlin?

Als 17-Jähriger kannte ich mich selbst kaum, ich führte ein depressiv-schiefes Leben. Mit dem Outing begann die erste kleine Revolution gegen alles, was mein Glück behinderte. Erst dann habe ich angefangen, ehrlich zu mir selbst zu sein. Nach Berlin kam ich über Zürich. Als Teenie war Zürich schon immer Synonym für Flucht. Eine Flucht in die anonyme Grossstadt – ich konnte mich entwickeln ohne jemandem dafür Rechenschaft ablegen zu müssen. Irgendwann entdeckte ich dann Berlin – in meinen Urlauben dort gab es immer Schlüsselerlebnisse – meist waren diese natürlich sexueller Natur und liessen bis zum letzten Abend auf sich warten. Berlin gab mir Freiheit und das Gefühl, im Leben einen Schritt weiter zu sein.

 

Wie unterscheidet sich Berlin von Zürich?

In Berlin gelten einfach andere, nicht weltliche Gesetze. Die Verschlossenheit in Zürich machte mich unglücklich und das Ersaufen im Geld stahl mir meine Kreativität. In Berlin tickt die Uhr anders – die Menschen wissen, dass die Person zählt und nicht die Fassade.

 

Wie wichtig ist denn deiner Meinung nach Sex für die Gesellschaft?

Die Kirche hat die Sexualität zum Göttlichen gemacht – dem Menschen seinen tiefsten, animalischen Trieb geraubt. Sexualität ist sehr wichtig, genau so wie der offene und ehrliche Umgang damit. Beim Sex entsteht eine einzigartige Energie, die pur ist. Sie kann Welten eröffnen.

 

Braucht die Welt denn auch Pornografie?

Pornografie war und ist wichtig. Als Inspiration und vor allem für die sexuelle Revolution. Während ich mich beim Geschlechtsverkehr zeige, entwickeln bei „Bauer sucht Frau“ zwei Menschen vor der Kamera – von Filmemacher beeinflusst – eine Beziehung. Die Frage ist nun: Was ist intimer? Porno zeigt nur einen sexuellen Akt – nicht mein Privatleben. Für mich ist Pornografie, ich wiederhole mich, eine nackte, sexuelle Revolution.

 

Wie sieht das dein Umfeld?

Meinen Eltern muss ich das natürlich nicht unter die Nase binden – allerdings haben sie selber eine Kiste voller Erwachsenenfilme. Sie würden aber nicht verstehen, wieso ich vor der Kamera stehe. Meine Freunde finden es toll und interessant. Den Grund dafür begreift nur ein Bruchteil. Aber das ist in Ordnung so.

 

Wer ist nun Ruben Fux, wirklich?

Ruben ist ein „Alter Ego“. Meine zweite Persönlichkeit, die versucht, die moralischen Fesseln unserer Gesellschaft zu durchbrechen. Ruben gibt sich ganz den animalischen Trieben hin. Mir ist es wichtig den Menschen aufzuzeigen, dass das Ausleben der Sexualität ein Grundbedürfnis ist, wie Essen und Schlafen. Ein Bedürfnis, welches man nicht unterbinden sollte.

 

Was bringt deine Zukunft, was steht für Ruben Fux an?

Vor kurzem habe ich mit einem Freund „Urban Fuckers“ gegründet. Ich werd mich, zumindest pornotechnisch, auf dieses Projekt konzentrieren. Wir können alles, was wir wollen und wie wir wollen, produzieren. Authentischer Porno anstelle von Drehbüchern und festgelegten Stellungswechseln. Auf gespielte und gelangweilte Sexstories hab ich nach acht Monaten Porno schon gar keine Lust mehr.

 

Zuletzt, was möchtest du unbedingt noch in deinem Leben tun?

Mit Freunden und Tieren leben, irgendwo in einem Häuschen vor einem See auf dem Land. Dann in Frieden sterben. Aber bis dahin: Viva la Revolucion!

 

 


Wer noch mehr über Ruben Fux und seine Arbeit in Berlin erfahren will – und schon über 18 Jahre alt ist – kann seinen Blog besuchen: www.rubenfux.com