Gesellschaft | 21.06.2010

Eine Ode an den Prüfungsstress

Viele leiden unter ihm. Ist er jedoch vorüber, lernt man wieder zu schätzen, was man eigentlich hat: Der Prüfungsstress.
Bücher wälzen: Tage- und Nächtelang.
Bild: pixelio.de / Elisabeth Patzal

Lieber Prüfungsstress

 

Normalerweise weckst du mich. Schweissgebadet und mit einem Mal hellwach liege ich im Bett, und lasse mich um 2 Uhr nachts vom unbändigen Bedürfnis packen, die Probeprüfung vielleicht doch noch ein weiteres Mal durchzulösen. Zwei Kaffees und eineinhalb Stunden später befinde ich mich wieder in der Horizontalen, mit der vagen Gewissheit, gegen dessen, was mir droht, einigermassen gewappnet zu sein (nur um dasselbe Schauspiel in der nächsten Nacht zu wiederholen). Normalerweise lässt du mich nicht aus dem Blick. Gemeinerweise lümmelst du gerade noch im halblebendigen Winkel herum, sodas ich dich immer im Auge habe und nicht ignorieren kann, so wie diese dunklen Flecken vom zu-lange-in-die-Sonne-starren – sie lassen sich nicht fixieren, aber sind eindeutig da.

 

Der Mangel

Lieber Prüfungsstress, wo bleibst du dieses Mal? Habe ich dich die letzten Male etwa nicht ausgiebig mit Verachtung beglückt, dass du mich im Angesicht der nahenden Prüfungen schmähen musst? Wo bleibt das Zittern der Fingerknöchel und Handgelenke? Wo bleibt das frenetisch intensive Büffeln? Wo bleibt die Attitüde „nur unter Druck entstehen Diamanten“? Wieso gleitet mir die Prüfungszeit mental durch die Gehirnlappen? Wieso öde ich unter Sonnenschein gemütlich unter Bäumen, kontempliere ein Ginkgotattoo und lasse meine Schulterblätter locker durch die Gegend schwingen? Wieso alles, nur keine Spur von Ängstlichkeit?

 

Freundschaft furs Unileben

Doch eigentlich lässt du mich ja doch nicht im Stich, alter Freund. Nein. Wer sonst veranlasst mich zum Erwerb koffeinhaltiger Glukosesirups mit dem Stier vornedrauf? Welche Freude du mir bereitest, Genosse, wenn du mir in dunklen Stunden beistehst, wenn ich meine Skripte und Papiere wälze. Mit welch unbändigem Genuss ich mich in die Wissenslücken zwänge, um sie beidseits zuzukitten, dir zu Liebe, dir sei Dank. Ohne dich wäre das Unileben nur die halbe Erfahrung. Wie sehr ich mich dann nach der Zukunft sehne, wenn die Examina lange verstrichen sind und ich mit metaphorisch erweisstem Haar liebevoll über die zugeklappten Bücher streiche. Und meinen Mojito schlürfe. Oder acht davon. Ich sage dir: Ohne dich würden mich diese nur halb so betrunken machen.

 

Herzlichst

Eine deiner vielen Anhänger