Kultur | 07.06.2010

Die gefährlichste Strasse der Welt

Text von Corina Fuhrer
«Camino de la Muerte": Strasse des Todes nennen die Einheimischen die Yunga-Strasse von La Paz nach Coroico. Der Weg hat bis heute Tausende von Menschenleben verschlungen. Gleichzeitig ziehen die Landschaft und der erwartete Adrenalinkick einer gewagten Radabfahrt Touristen aus aller Welt an - darunter auch eine Tink.ch-Reporterin.
In engen Kurven schlängelt sich die Yunga-Strasse die Anden hinab. Fotos: Tobias Pulver Bis zur Eröffnung einer neuen Strasse Ende 2006 forderte die alte Strasse jährlich 200 bis 300 Todesopfer. Am Fusse der Abfahrt liegt ein Tierpark, der Besuchern offensteht.

Wir befinden uns im Hochland der Anden Boliviens auf 4700 Meter über Meer. „La cumbre“ (der Gipfel) ist der Ausgangsort unserer rasanten Abfahrt durch eisige Kälte, graue Nebelschwaden, sprudelnde Bäche und schliesslich tropische Hitze. Auf 64 Kilometern erleben wir praktisch alle Klimazonen Südamerikas – und das auf dem Fahrrad.

 

Lagunen, Lamas und Leuchtwesten

Bevor die Tour losgeht, instruiert uns unser Guide Darron gründlich über die vor uns liegende Strecke. Die Yunga-Strasse wurde 1995 von der Interamerikanischen Entwicklungsbank zur „gefährlichsten Strasse der Welt“ ernannt – entsprechend herrschen hier Sicherheitsvorkehrungen: Unsere Ausrüstung reicht vom Helm über Handschuhe bis zum robusten Überkleid. Die abgewetzten Stellen auf der Schutzkleidung machen jedoch nicht gerade Mut. Also bitten wir Pachamama (Mutter Erde) um eine sichere Talfahrt: Jeder der Teilnehmer gibt einen Tropfen Alkohol auf das Vorderrad, auf die Erde, und zum Schluss hält er das Fläschchen an die Lippen. Trinken kann man dieses hochprozentige Teufelszeug unmöglich. Wir, eine Gruppe von zehn Sportbegeisterten, geben in unseren staatlich vorgeschriebenen Leuchtwesten, und umgeben von Lamas und stahlblauen Lagunen, ein abstraktes Bild ab. Homofon schwören wir, die imposante Strasse zu respektieren. Ein Sturz, infolge eines übermütigen Fahrstils, kann auf dieser schmalen Strasse tödlich enden.

 

Ein ungewöhnlicher Spass

Im oberen Teil ist die Strasse geteert. Ein sanfter Einstieg, speziell um sich mit dem ungewohnt stark gefederten Mountainbike vertraut zu machen. Jetzt, während der Trockenzeit, werden alle Personen, unabhängig von Erfahrung oder körperlicher Verfassung, von den Organisationen zur Teilnahme ermutigt. Grössere Risiken birgt dagegen die Regenzeit. Von Dezember bis März werden oftmals gar keine Touren durchgeführt. Eine halbe Stunde später treffen wir auf die eigentliche Herausforderung: Der steinige Weg vor uns schlängelt sich unauffällig durch die dichte Vegetation und wir sehen durch den dichten Nebel kaum zehn Meter weit. Positiver Nebeneffekt: Der furchterregende Abhang bleibt uns so, zumindest vorerst, auch verborgen.

 

Augen auf die Strasse richten, dem Gefährt vertrauen, lautet die Devise, und vor allem: Spass haben. Und so wird die vierstündige Fahrt zu einem Erlebnis der besonderen Art. Je mehr wir an Höhenmetern verlieren, desto klarer wird die Sicht und urplötzlich schlägt auch die Temperatur um. Soeben waren wir noch in dicke Schals und Thermounterwäsche eingepackt. Jetzt gehts in T-shirt und Shorts weiter die „Strasse des Todes“ hinab.

 

Strasse forderte jährlich Opfer

Die Strasse, auf der wir uns befinden, wurde während des Chacokriegs (1932 bis 1935) von paraguayanischen Häftlingen erbaut. Sie führt duch die Yungas, eine Talregion, welche den Übergang zwischen dem Hochland der Anden und dem tropischen Tiefland rund um den Amazonas bildet. Während des Krieges kostete der Bau der Strasse vielen Arbeitern das Leben. Heute verschlingt der Weg immer noch unersättlich Einhemische wie auch Touristen. Die unzähligen Kreuze am Strassenrand, an denen wir vorbeifahren, erinnern ständing daran. Bis zur Eröffnung der neuen Strasse Ende 2006 forderte die alte Strasse jährlich 200 bis 300 Todesopfer. Im Jahr 1983 ereignete sich in einer Haarnadelkurve des „Camino de la Muerte“ der schlimmste Verkehrsunfall in der Geschichte Boliviens. Ein Bus geriet auf dem rauhen, unebenen Boden ins Schleudern und stürzte mitsamt seinen 100 Insassen in den tiefen Abgrund.

 

Da die geteerte, neue Strasse zwar sicherer, aber länger ist, benutzen die alte Verbindung immer noch Transporter. Um die instabile Talseite weniger zu belasten gilt Linksverkehr. Bergauf können beladene LKWs so an der Bergseite fahren, was bergab für uns Velofahrer die unmittelbare Nähe zum Abgrund bedeutet.

 

Friedlicher Tierpark auf 1500 m.ü.M.

Da heutzutage jedoch nur noch sehr wenig Verkehr herrscht, kommen wir alle verschwitzt und müde, aber glücklich und ohne nennenswerte Zwischenfälle unten auf circa 1500 Metern über Meer an. Im Touristenprogramm inbegriffen ist nicht nur die Abfahrt, sondern auch der Besuch eines „Animal Refuges“. Hier finden misshandelte oder auf dem Schwarzmarkt aufgegriffene Tiere ein neues Zuhause. Im kleinen, friedlichen Park warten eine kühle Dusche und warmes Essen auf uns. Äffchen springen einen an und überall sitzen farbige Papageie. Die Institution lebt von Spenden und freiwilligen Mitarbeitern aus aller Welt (siehe Link).

 

Bald treten wir aber auch schon die Heimfahrt nach La Paz an. Im Minibus gehts den selben Weg wieder zurück zum Gipfel. Und erst jetzt, als wir uns nicht mehr aufs Fahren konzentrieren müssen, sehen wir durch das Autofenster, wie sehr es abseits der Strasse den Hang hinuntergeht. Es ist ein unglaublicher Abgrund.

 

 

Die Autorin


Corina Fuhrer (19) aus Bern berichtet auf Tink.ch von ihrer Reise durch Südamerika.

Links

  • Tipp fürs Zwischenjahr: „Etwas mit Tieren im Ausland“ machen? Im Animal Refuge kannst du als Volontär/in mitanpacken.