Kultur | 28.06.2010

„Die Arbeit am Text hat mehrere Jahre gedauert“

Text von Melanie Pfändler | Bilder von PD
Die in Wetzikon geborene Autorin Dorothee Elmiger trat am Samstag mit ihrem Manuskript im Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis an - und gewann dabei einen Preis.
Erobert die Literaturwelt von Berlin aus: Dorothee Elmiger.
Bild: PD

Daumen hoch, Daumen runter. Die Tage der deutschsprachigen Literatur finden zwar im österreichischen Klagenfurt statt, erinnern aber an das antike Rom. Vierzehn literarische Gladiatoren stellen sich der gnadenlosen Kritik der Jury. Eine halbe Stunde lang lesen die Autoren den Fernsehzuschauern und dem Publikum im Saal aus ihrem unveröffentlichten Manuskript vor und werden danach mit der öffentlichen Jurydiskussion konfrontiert. Ziel: der Ingeborg-Bachmann-Preis, eine der bedeutendsten Auszeichnungen im Circus maximus der deutschen Literatur.

 

Zurzeit in Berlin

Eine der nominierten Autorinnen ist Dorothee Elmiger. 1985 in Wetzikon geboren, wuchs Elmiger in Appenzell auf und lebt derzeit in Berlin, wo sie Politikwissenschaft studiert. Davor studierte sie am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. 2009 war sie Stipendiatin des Klagenfurter Literaturkurses, womit sie den Rummel um den Bachmannpreis bereits einmal aus nächster Nähe miterleben durfte.

 

Ihr Debütroman „Einladung an die Waghalsigen“ spielt in einer postapokalyptischen Landschaft. In den unterirdischen Kohlereserven ist vor vielen Jahren ein Feuer ausgebrochen, das immer noch weiterglüht; die Erdoberfläche ist verwüstet. Die Schwestern Margarete und Fritzi brechen zu einer Reise auf, um ihre Herkunft und möglicherweise eine neue Zukunft zu finden. Der zugleich verschachtelte und spartanische Text brachte Elmiger am Samstag viel Lob ein:  Er sei „poetisch“, „originell“ und „unglaublich clever gemacht“. Nur der Schweizer Schriftsteller und Übersetzer Alain Claude Sulzer gab sich ratlos: Er sei froh, dass man ihm den Text jetzt erklärt habe, meinte er zum Abschluss der kommentierenden Runde. Bis kurz vor Ende standen die Chancen für Elmiger gut; nach einer Stichwahl ging der Preis jedoch an den Deutschen Peter Wawerzinek. Elmiger gewann den mit 10’000 Euro dotierten Kelag-Preis.

 

Dorothee Elmiger, um in Klagenfurt anzutreten, muss man von einem Jurymitglied nominiert werden. Wie ist das bei Ihnen abgelaufen?

Der Juror und Kulturjournalist Paul Jandl hat mich vorgeschlagen. Ich habe einen Textauszug zusammengestellt, den der Verlag an ihn geschickt hat. So funktioniert das in der Regel. Ich habe im Zug von Berlin nach Basel von meiner Teilnahme erfahren – Herr Jandl hat auf meiner Combox eine Nachricht hinterlassen. Dann, irgendwo vor Frankfurt, war der Akku meines Telefons leer, und ich war mit der Nachricht also erst einmal allein. Das war sehr schön, ich habe mich natürlich gefreut, war aber auch unsicher: Was bedeutet das jetzt?

 

Welches Verhältnis haben Sie selbst zu Ihrem Text?

Die Arbeit an dem Text hat mehrere Jahre gedauert, gerade ist das Buch nun in den Druck gegangen. Ich bin gespannt, wie sich das Verhältnis zu dem Text ändern wird, wenn er plötzlich festgeschrieben als Buch vor mir liegt.

 

Nach dem Klagenfurter Literaturkurs haben Sie sich im „Appenzeller Volksfreund“ kritisch über den Bachmann-Preis geäussert: Der Wettbewerb „dümple in flachen Gewässern vor sich hin“, und „nur konventionell erzählte, dem Realismus verpflichtete Literatur scheint überhaupt als Literatur gelten zu dürfen“. Wie stehen Sie heute zu diesen Aussagen?

Ich stehe dem Wettbewerb noch immer  kritisch gegenüber; ich habe lange überlegt, ob ich teilnehmen will. Ich glaube, es ist wichtig, sich zu fragen, was es heisst, einen Literaturwettbewerb zu veranstalten: Lassen sich Texte auf diese Art und Weise vergleichen? Und was hat die Kritik im Sinn? Kritik wird ja vor einem bestimmten Hintergrund geübt oder auf ein bestimmtes Ziel hin: Welcher Hintergrund, welches Ziel ist das? Ich denke aber, dass es vielleicht gut ist, diesen Verhältnissen offensiv zu begegnen: Sonst ändert sich ja sowieso nichts.

 

„Einladung an die Waghalsigen“ erscheint im August bei DuMont.

 


Dieser Artikel ist parallel im Tages Anzeiger erschienen.

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