Politik | 21.06.2010

Der Wunsch nach einem neuen Kapitalismus

Oft werden Jugendliche gezwungenermassen schon früh zu Arbeitnehmern und erfahren die Nachteile des kapitalistischen Systems am eigenen Leibe. Alternativen wären da. Man braucht sie nur umzusetzen.
Der Griff zum Telefon - und alles nur fürs Geld. Quelle: pixelio.de/rwetzold

Ich habe vor einiger Zeit bei einem Marktforschungsinstitut gearbeitet. Genau gesagt, ich habe täglich zehn Leute zu einer unmöglichen Zeit angerufen, und sie nach ihren geheimsten Geheimnissen gefragt. Haben Sie Angst vor der Schweinegrippe? Fühlen Sie sich spät abends an öffentlichen Plätzen belästigt? Und warum?

 

Selbsterfahrung

Ich definiere mich nicht unbedingt als einer, der fürs Geld alles machen würde. Aber zu jener Zeit ging es meinem Portemonnaie nicht gut. Dieser temporäre Job neben der Ausbildung – ich hatte übrigens zu jener Zeit 17-Stundentage als 17-jähriger – zeigte mir auf, wie mächtig das Geld ist. Es lässt den Menschen die körperlichen Wünsche ignorieren. Der Schlaf war kurz und das Bier nicht in der Hand. Freunde hatte ich auch kaum, ich musste arbeiten. Ich brauchte Geld, um mir die Kanti zu finanzieren.

 

Widerspruch im System

Wir würden in einer sozialen Marktwirtschaft leben, heisst es. Einer sozialen Marktwirtschaft, in der man darauf schaut, dass jedermann genug zum Leben hat. Ich hatte auch genug zum Leben, hungern musste ich nie. Aber während ich für meinen Callcenterjob kaum mehr als 800 Franken erhielt, dürfen sich andere über den gleichen Lohn freuen, bloss mit eins, zwei oder gar drei Nullen mehr. Mir ging es zu jener Zeit trotzdem vergleichsweise gut. Weil wir alle wissen, wie viel schlechter es unseren Artgenossen in so genannten Drittweltländern geht. Und noch mehr ist uns bewusst, wie gut es unserer Umwelt geht und wie gerne wir sie verbessern wollen. Geld wird aus und mit allem gemacht. Mit dreckigem Strom und Millionen von Litern Erdöl im Golf von Mexiko, mit ausbeuterischer Arbeitsart der Weltkonzerne.

 

Da stimmt was nicht

Nebst mir sah auch der designierte Generaldirektor der SRG Roger de Weck, dass mit unserer sozialen Marktwirtschaft was nicht stimmt. Sie funktioniert nicht, wird von Ultrakapitalisten beherrscht. Die Marktwirtschaft selbst beherrscht den Staat, und damit uns Menschen.

In seinem neusten Buch “Nach der Krise” erklärt de Weck uns die Welt. In einer verständlich geschriebenen Analyse versucht er, uns den jetzigen Kapitalismus zu erklären und zeigt auf, was falsch ist. Sein Buch ist ein Essay, das für die Politik der heutigen Tage leitend sein kann. Er versucht zu beeinflussen, wie Karl Marx mit seinem Manifest einst das Denken und Handeln der damaligen Volksvertreter veränderte. De Weck beendet sein Essay mit einer möglichen Alternative zur sozialen Marktwirtschaft, die er mit konkreten Beispielen zur heutigen Wirtschafts- und Bankenkrise erläutert. Seine Antwort auf den Wunsch nach einem neuen Kapitalismus ist treffend, leider zu wenig beachtet.