Kultur | 14.06.2010

Aberglaube der Gesellschaft

Mit dreizehn Jahren lief ein Nomadenmädchen barfuss durch die Wüste. Heute läuft sie als internationales Topmodel über den Catwalk. Das klingt wie ein Märchen, ist aber die reale Geschichte von Waris Dirie. In ihrem neusten Buch macht sie auf die Mädchenbeschneidung aufmerksam.
Weibliche Beschneidung wird in über 20 afrikanischen Ländern, in Südostasien und im Nahen Osten praktiziert.
Bild: kulturstruktur.net Waris Dirie, hier in Djibouti, ist Sonderbotschafterin der UNO, Bestsellerautorin und Model. warisdirie.wordpress.com

Waris Dirie war ein Nomadenmädchen und lebte mit ihrer Familie in Somalia. Als sie dreizehn Jahre alt war, flüchtete sie von zu Hause, weil ihr Vater sie verheiraten wollte. Mithilfe ihres Onkels, einem somalischer Botschafter, konnte sie nach London fliehen. Englisch konnte sie kaum. Um zu überleben arbeitete Dirie in einem Mc Donalds. Bis ein Fotograf sie entdeckte.

 

Vom Nomadenkind zur UNO-Sonderbotschafterin

So begann Waris Diries Karriere als internationales Topmodel. Sie nutzt ihre Bekanntheit als Chance, als UNO-Sonderbotschafterin für ihr Anliegen zu kämpfen: Die Mädchenbeschneidung (FGM, siehen unten) zu stoppen. Denn FGM hat nichts mit Tradition, Kultur oder Religion zu tun, auch im Koran steht nichts darüber. Es ist nur ein Aberglaube der Gesellschaft. “Wüstenblume”, Waris Diries erster autobiografischer Roman, machte die Autorin weltberühmt und die Bevölkerung zugleich aufmerksam auf das Problem der FGM. Im Roman erzählt Dirie von ihrem Leben als Nomadenkind und sie schreibt über FGM. “Wüstenblume” wurde letztes Jahr verfilmt. Danach hat Dirie hat weitere autobiografische Romane geschrieben, wie “Nomadentochter”, “Schmerzenkinder” und “Brief an meine Mutter”. Ihr neustes Buch “Schwarze Frau, weisses Land” ist kürzlich erschienen.

 

Leben zwischen zwei Welten

“Schwarze Frau, weisses Land” dreht sich wiederum um das Thema der Mädchenbeschneidung, aber nicht nur: Waris Dirie schreibt über ihr eigenes Leben heute. Darüber, wie sich danach sehnt, sesshaft zu werden. “Ich wollte so gerne zurück nach Afrika!”, schreibt sie. Denn in der westlichen Welt fühle sie sich nicht heimisch, obwohl oder gerade weil sie in Europa ziemlich berühmt und wohlhabend ist. In ihrem Buch beschreibt Dirie, wie das Leben zwischen zwei Welten sein kann, was sehr beeindruckend ist. So zum Beispiel erzählt sie in vielen Kapiteln, dass die afrikanische Mentalität wohl anders ist als die westliche. In Afrika könne man die Menschen mit Geld bestechen, wenn man etwas will. Aber in der westlichen Welt sei dies schlicht nicht möglich. Als Waris Dirie wieder einmal nach Afrika reiste, sah sie, dass viele Frauen dort immer noch Opfer der Mädchenbeschneidung sind. In Somalia sind laut Unicef 98 Prozent der Frauen beschnitten. Dirie sah auch, dass es in ihrer Heimat an Bildung fehlt. Sie sagt in “Schwarze Frau, weisses Land”, dass nirgendwo auf der Welt die Bildungsrate so niedrig ist wie in Afrika. Dirie will deshalb die Allgemeinbildung der Kinder und Frauen fördern. Sie hat beschlossen, nach Somalia zurückzukehren, um den Frauen zu helfen, finanziell unabhängig und selbstständig zu werden. Um dies zu erreichen, müsste, stellt Dirie fest, man zuerst die Frauenrechte in Afrika stärken. Die Frauen in Afrika brauchten sexuelle Aufklärung und sie sollten über Aids und ungewollte Schwangerschaften informiert sein.

Waris Dirie fordert für die Zukunft Afrikas: “Sexuelle Aufklärung ist entscheidend, damit die Frauen mehr Rechte und mehr Unabhängigkeit erlangen können.”

 

 

Mädchenbeschneidung


Female genital mutilation (FGM) wird heute noch in vielen Ländern Afrikas, in Gegenden des Nahen Ostens und in Südostasien als traditionelle Praktik betrachtet. Gemäss Unicef-Weltbericht 2008 werden jährlich etwa drei Millionen Mädchen beschnitten. Meistens wird die Klitoris vor dem Erreichen der Pubertät teilweise oder ganz entfernt. Danach wird das Geschlechtsteil zugenäht. Der Eingriff wird ohne medizinische Begründung durchgeführt. FGM soll nach kulturellem Glauben ein Zeichen für das “Frau Werden” sein. Ein Mädchen, das nicht beschnitten ist, wird als “unreine Frau” angeschaut oder sogar mit Prostituierten gleichgestellt. In vielen Gesellschaften Afrikas dürfen Frauen vor der Ehe keinen Geschlechtsverkehr haben.