Gesellschaft | 17.05.2010

„Wieso kaputt machen?“

Text von Ruzica Lazic
Die Schrebergärten sind ein Mikrokosmos in Zürich, der vielleicht schon bald dem neuen Hallenstadion weichen muss. Viele Hobbygärtner pflegen ihre Parzelle und geben sie nicht kampflos her.
"Wieso kaputt machen": Schrebergarten-Besitzerin Carmen Fondos hat wenig Verständnis. Fotos: Johannes Dietschi Die Länderflaggen bieten Orientierung im Schrebergarten-Labyrinth. Die Gärtner ergänzen ihr kleines Reich mit netten Gadgets. Wer weiss, wie lange sie noch stehen: Diese Schrebergärten haben eine wacklige Existenz. Vielleicht setzen hier bald die Stadionbauer zum Spatenstich an.

Der Bau des Hallenstadions wird rege diskutiert und soll bald ausgeführt werden. Aber wer denkt an die Schrebergärtner, welche am geplanten Standort ihre Parzellen aufgeben müssen? Wie stehen grünen Däumlinge des Schreberquartiers „Vulkan“ zum Baurojekt der Stadt Zürich? Tink.ch besuchte die Achse des Grünen in Altstetten – eine Idylle zwischen Autobahn und Zugverkehr.

Nationen vereint

Das Wetter ist gerade alles andere als eitel Sonnenschein. Doch unsere Vermutung, dass sich die alteingessenen Schrebergärtner gerade deshalb in ihr grünes Domizil begeben, sollte sich bewahrheiten. Wenn man nicht oft hier ist, realisiert man gar nicht, wie gross die grüne Lunge der Stadt Zürich ist; man kann sich regelrecht verirren zwischen all den schmalen gekiesten Pfaden und Weglein. Orientierung bieten lediglich die Fahnen verschiedenster Nationen, welche in jeder zweiten Parzelle hervorragen und die eigene Enklave markieren. Panini-Bidli-Sammler hätten ihre Freude daran.

So sehr sich die Schrebergärtner hinsichtlich ihrer Nationalität unterscheiden, so sehr verbindet sie eines: Die Liebe zu ihrem eigenen Fleckchen Erde, zum Gärtnern. Und seit neustem: Der Groll gegen die Projektleiter des Hallenstadions.

Kämpferische Selbstversorger

„Es ist schade um die Natur“, findet Martha Hostettler, welche seit 1985 auf ihren gemieteten 250 Quadratmetern gärtnert. „Wo sollen denn die Eidechsen hin, wenn  das Hallenstadion steht?“ Den Bau eines weiteren Stadions kann die passionierte Gärtnerin im wetterfesten Fleecepullover nicht nachvollziehen. Man hätte doch schon genügend Stadien, Hallenbäder und dergleichen in der unmittelbaren Umgebung. Sie weiss zwar nicht, in welcher Phase sich das Projekt Stadion derzeit befindet, geht aber davon aus, dass es sich nicht durchsetzen wird. „Ich würde sonst auch an einer Demonstration teilnehmen“, sagt sie resolut. Bei ihrem Nachbarn, einen Gemeinderat, hat sie auch schon angeklopft – das Schicksal der Schrebergärtner ist ihr ein Anliegen. Nicht nur der Natur wegen: mit ihrem Garten kann sie den Bedarf nach Gemüse in der Familie fast komplett selbst versorgen.

Gleicher Schauplatz, andere Ecke: Carmen Fondos schaut zu ihren spanischen Bohnen. Sowohl weisse als auch farbige habe sie, erklärt sie uns. Die würden sich super für Paella eignen. Die fröhliche kleine Frau besitzt ihr Stück Land auch schon seit mindestens zwei Jahrzehnten; früher war dies noch vom Bauern verpächtetes Land, dessen Kühe in der Nähe weideten. Auch sie zeigt sich verständnislos: „Wieso wollen die Garten kaputtmachen?“ fragt sie in ihrer weichen spanischen Aussprache. Früher wären die umliegenden Fussballfelder auch eine Bedrohung gewesen für die Schrebergärtner, doch durch eine Petition hatten sie auch damals einen Kompromiss gefunden. Die selbst angepflanzten Zwiebeln, Gurken, Zucchetti, Knoblis und Kartoffeln sind für die Pensionärin ihr ein und alles. An schönen Sommerabenden laden sie und ihr Mann Freunde in die Pergola ein. Früher hätten hier auch ihre Kinder gespielt, doch heute seien sie nicht mehr so oft hier, erklärt sie uns. „Im Sommer müsste man meinen Garten sehen, wenn die Kirschen und Feigen reif sind!“ freut sie sich.

Die Schrebergärten beim Letzigrund werden sicher noch eine Weile bestehen bleiben. Die Gärtner hoffen, ihre Parzellen nie aufgeben zu müssen. Wie es aber tatsächlich steht, weiss leider niemand so genau.