Gesellschaft | 25.05.2010

Wie kann ein Staat pleite gehen?

Lange Zeit schienen die Euroländer ein sicherer Hafen für Anleger zu sein. Die jüngste Krise in Griechenland zeigt aber, wie fragil die Anhäufung von hohen Staatsschulden sein kann, wenn die Geldgeber das Vertrauen in die Zahlungsfähigkeit eines Landes verlieren. Doch wie genau läuft eine solche Krise ab?
Sind die griechischen Finanzen wirklich so löchrig? Ein Grossteil der Krise spielt sich in den Köpfen der Beteiligten ab.
Bild: Heiko Gorski/wikimedia

Ein Staat kann im Grunde genommen genau so gut bankrott gehen wie eine Privatperson oder ein Unternehmen. Das passiert, wenn er Löhne, sonstige Ausgaben oder seine Schulden am Kreditmarkt nicht mehr fristgerecht bezahlen kann.

Damit dies nicht geschieht, muss ein Staat langfristig darauf achten, durch Steuern wieder zu Einnahmen zu kommen, sodass sein Budget ausgeglichen ist. Kurzfristig ist dies nur schwer möglich und auch äusserst unpopulär. Keine demokratische Regierung will seine Bürger mit einer Sondersteuer belasten, da sonst ihre Wiederwahl stark gefährdet ist. Stattdessen kann ein Staat auch auf dem Geldmarkt einen Kredit aufnehmen, eine Staatsobligation. Er verpflichtet sich, dem Gläubiger das Geld nach einer festgelegten Frist mit einem Zins wieder zurückzuerstatten.

Verhängnisvolle Zinsspirale

Die Höhe des Zinssatzes hängt unter anderem davon ab, ob das Ausfallrisiko der Obligation gross ist. Hohes Risiko, grosse Gewinnmöglichkeit. Hier beginnt der eigentliche Teufelskreis: Wenn eine kritische Masse an Anlegern glaubt, der Staat könne für die Rückzahlung der Obligation nicht mehr garantieren, dann steigt der Zinssatz, den dieser als Risikoprämie zahlen muss. Durch die hohen Zinszahlungen, auch Schuldendienst genannt, fällt es dem Staat umso schwerer, sein Budget auszugleichen. Gleichzeitig verstärken sich die Sorgen der möglichen Kreditgeber, ob der Staat auf die Dauer zahlungsfähig bleibt, da er kein “billiges Geld” mehr bekommt. Die Folge: Sie verlangen einen noch höheren Zins.

In Griechenland ist, aufgrund eines grossen Haushaltsdefizits, genau dies passiert. Für eine Anleihe mit zehn Jahren Laufzeit musste das Land mehr als 10% Zins zahlen, verglichen mit Deutschland, das rund 3% gewähren muss. Weil die Griechen in der Währungsunion des Euro dabei sind, haben sie auch keine nationale Zentralbank mehr.  Diese könnte zur Lösung des Problems beitragen, indem sie neues Geld druckt und damit die Schulden des Staates aufkauft. Das viele neue Geld führt mittelfristig zu einer Geldentwertung oder Inflation, für denselben Geldbetrag kann man sich weniger Güter kaufen. Gleichzeitig führt die Inflation auch dazu, dass die Schulden real weniger wert sind und einfacher beglichen werden können.

Hilfe von aussen

Griechenland konnte seine Finanzprobleme daher nicht mehr selbst in den Griff kriegen. Der “Rettungsschirm” von 720 Milliarden Euro, den die anderen EU-Staaten, der Internationale Währungsfonds (IWF) und die europäische Zentralbank (EZB) aufgespannt haben, soll diese Zinsspirale durchbrechen und die Zinsraten wieder auf ein bezahlbares Mass senken. Im Notfall würde ein Euro-Staat in Geldnöten mit diesem Geld direkt unterstützt, um den Bankrott abzuwenden. Die EZB beteiligt sich an der Rettungsaktion, indem sie selbst griechische Staatsanleihen kauft, von bis zu 150 Milliarden Euro war die Rede.

Eine Frage des Glaubwürdigkeit

All diese Massnahmen dienen in erster Linie dazu, das Vertrauen der Anleger in die Zahlungsfähigkeit Griechenlands zu stärken, sodass der Zinssatz von allein wieder sinkt. Die EU hofft nun, nur schon durch die Ankündigung des gewaltigen Hilfspaket die Gefahr abzuwenden, dass sie das Paket wirklich abschicken müssen. Gleichzeitig ist unbestritten, dass Griechenland seine Schulden verkleinern muss, um längerfristig das Vertrauen der Kreditgeber wieder zu gewinnen. Dasselbe gilt, wenn auch in kleinerem Masse, für andere Länder der Eurozone wie Portugal oder Spanien. Doch selbst grosse Volkswirtschaften wie Grossbritannien und die USA haben durch die Bekämpfung der Finanzkrise riesige Defizite zusammengetragen, die sie nun wieder abbauen müssen.

Viele Fragen bleiben offen und strittig. Beispielsweise ist unklar, wie die Staaten das fehlende Geld wieder hineinholen sollen und wer für die Krise letztlich verantwortlich ist. Auch die Rollen, welche der IWF und die EZB gespielt haben und noch immer spielen, werden von verschiedenen Seiten kritisiert. Und warum muss sich ein Staat überhaupt verschulden? Mehr dazu gibt es in den nächsten Wochen.