Kultur | 04.05.2010

Wenn die Traumfrau mit dem Vater

Beim Eintritt in das Studio mag der Eine oder Andere von den schon anwesenden Schauspielern überrascht sein. Doch schon von Beginn an ist man fasziniert von diesem Schauspiel, welches sich anschliessend bietet. Wer Freude hat an einem Stück, in dem es um den Kampf um die Traumfrau geht, ist diese Inszenierung sehr empfohlen.
Eine Frau, zwei Männer, Vater und Sohn: Das kann nicht gut kommen. Im
Bild: v.l.n.r. Gerhard (Matthias Albold), Hanna (Andrea Haller) und Holger (Dominik Kaschke) Foto: Tine Edel

Das Stück “Holger, Hanna und der ganze kranke Rest” von Jan Demuth beschreibt eine aussergewöhnliche Situation, in welcher der Vater, genannt Gerhard (Matthias Albold), eine Beziehung mit der Traumfrau seines Sohnes Holger (Dominik Kaschke) eingeht. Aus Sicht von diesem und seiner Mutter Verena (Annette Wunsch) ist dies natürlich ein unzumutbarer Zustand. Während Verena nach Bali verreist, um auf diese Weise mit der Sachlage klarzukommen, hat sich Holger in den Kopf gesetzt, seine Hanna (Andrea Haller) zurück zu erobern. Was allerdings bei weitem nicht so leicht ist, wie man es sich in seinen Träumen erwünscht. Was allerdings auch nicht weiter verwunderlich ist, wenn man bedenkt, in welche Fettnäpfchen ein 16-Jähriger treten kann.

Das Theater im Kopf
Das ganze Theater wird auf einer schlichten Bühne gespielt (Inszenierung: Thilo Voggenreiter). Das ganze Bühnenbild (Elisabeth Pedross) ist weiss wattiert, wodurch es leicht surreal wirkt. Allerdings lassen Spezialeffekte, wie projizierte Trickfilme oder auch die Musikeinspielungen, die erklingen, sobald sich Holger seine Kopfhörer aufsetzt, das Stück sehr authentisch erscheinen. Durch diese vielen Effekte wirkt das Ganze noch näher am Publikum und dadurch nimmt man auch näher am Geschehen teil. Nicht zuletzt wird dies unterstützt, indem das Studio im Verhältnis zu grösseren Sälen einen kleineren Raum einnimmt und dadurch der Zuschauer näher an der Bühne sitzt.

Während des Stücks wird ausserdem ein kleiner Verweis auf Sigmund Freud gemacht. Seinen Therapeuten nennt Holger “Doc” – “oder soll ich Sie besser Doktor Freud nennen?”. Deshalb schliesst diese eine Aussage nicht aus, dass das Bühnenbild auch auf das Unterbewusstsein aufmerksam machen will. Eine von Sigmund Freuds berühmten, provokanten Theorien ist, dass nicht das von uns gesteuerte Bewusstsein unser eigenes Denken und Handeln prägt, sondern das Unterbewusstsein.

Psychiater für eine Stunde

Holger spricht während des ganzen Stücks zu seinem Doc. Diese Rolle wird passiv vom Publikum getragen. Ihm versucht er zu erklären, warum seine Eltern ihn hier zur Familientherapie geschickt haben, und weshalb sie unrecht haben. Innerhalb seiner Erzählung werden die entsprechenden Szenen jeweils auch gleich dargestellt.

Insgesamt eine perfekte Vorstellung für all diejenigen, die ein Jugendbuch nicht nur lesen, sondern auch gerne in den Genuss eines Schauspiels kommen wollen. Für rund 70 Minuten vergisst man den Alltag und fiebert mit Holger mit. Durch die sehr authentische Inszenierung lässt sich dieses Stück durchaus einem Kinobesuch vorziehen. Der Inhalt dieses Werkes könnte zwar leicht in einen Kinohit eingepasst werden. Doch diese Inszenierung zeigt, dass in diesem Fall das Theater der Leinwand vorgezogen werden sollte.

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