Kultur | 17.05.2010

Weltwunder in der „falschen“ Stadt

Vor etwa 700 Jahren vor unserer Zeitrechnung entstanden vermutlich die "Hängenden Gärten von Babylon", die heute von Mythen überwuchert sind. Wie die Babylonier ein Bauwerk zugesprochen bekamen, welches sie gar nie errichtet hatten.
Im vorderen Orient galten Gärten als Statussymbole.
Bild: PD Die Gärten von Babylon lagen wahrscheinlich gar nicht in Babylon, sondern in Ninive in der Nähe von Mossul im Norden des Irak.

Babylon, etwa neun Kilometer südlich von Bagdad im heutigen Irak gelegen, ist mit symbolischer Bedeutung versehen wie nur wenige Orte auf der Welt. Wegen dem Bau des Turmes von Babel soll Gott die Menschen mit Sprachverwirrung gestraft haben, und die Leiden der nach Babylon verschleppten Israeliten hat die Stadt zum Inbegriff des Exils schlechthin werden lassen. Den Ausdruck „Hure Babylon“ verdanken wir ebenfalls der christlichen Überlieferung (auch wenn diese Bezeichnung meist eine Chiffre für Rom war und nicht Babylon selbst meinte). Und hier soll auch eines der Sieben Weltwunder der Antike errichtet worden sein: Die Hängenden Gärten von Babylon.

 

Machtzentrum im vorderen Orient

Seit dem zweiten Jahrtausend vor Christus hatte Babylon mehrmals die Vormachtsstellung im Zweistromland inne. Den letzten Höhepunkt ihrer Macht erreichte die Stadt unter Alexander dem Grossen, welcher sie im vierten Jahrhundert vor Christus zum Sitz seines Reiches machte und sogar Anstrengungen unternahm, den Turm von Babel wieder aufzubauen. Später verlor Babylon an Bedeutung und wurde schliesslich verlassen.

Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Ruinen Babylons freigelegt. Doch trotz aufwendiger Suche konnten keine Überreste gefunden werden, welche den Beschrieben der hängenden Gärten in der Antike entsprochen hätten – das Weltwunder blieb verschollen.

 

Assyrer statt Babylonier

1993 etablierte in der Forschung sich eine neue Sichtweise. Es hat sich gezeigt, dass die antiken Geschichtsschreiber Babylonier und Assyrer gelegentlich verwechselten. Somit galten die Beschreibungen Babylons teilweise gar nicht Babylon, sondern der assyrischen Stadt Ninive. Die Ruinen Ninive liegen in der Nähe von Mossul im Norden des Irak. Aufgrund von Aufzeichnungen, welche der assyrische König Sanherib hinterlassen hat, geht man davon aus, dass er die berühmt gewordene Gartenanlage etwa 700 Jahre vor unserer Zeitrechnung errichten liess.

 

Hängend oder liegend?

Lange nahm man an, dass die Gärten als „hängend“ bezeichnet werden, weil einige Bäume auf Säulen gepflanzt worden seien. Diese Theorie wurde aber mittlerweile verworfen. Eine andere Erklärung lautet, dass Blumen zu Teppichen verwoben wurden und auf Wasser schwammen, welches beim Blick von oben nicht sichtbar war, wodurch der Eindruck entstand, die Blumen würden in der Luft hängen. Wahrscheinlich beruht die Bezeichnung aber auf einer unzureichenden Übersetzung, da sich das griechische Wort „kremastos“, wie die Gärten in den Quellen heissen, auf terrassenartige Konstruktionen bezieht, wie zum Beispiel die Form eines griechischen Theaters. Die „hängenden“ Gärten müsste man sich also eher als Gartenterrassen vorstellen.

 

Paradiesgärten in der Wüste

Gärten hatten eine grosse Bedeutung im vorderen Orient. Man versuchte eine natürliche Umgebung zu simulieren, wie sie im trockenen Klima des heutigen Nordirak nicht anzutreffen ist. Die Gärten waren Statussymbole, und man liess Bäume aus allen Teilen des Reichs heranschaffen, um sie zu schmücken. Die Anlagen sorgten für eine angenehme Kühlung, und für die königliche Jagd wurden Tiere ausgesetzt. Bäume hatten für die Assyrer eine grosse Bedeutung und repräsentierten sogar einen Gott, und man nimmt an, dass auch religiöse Rituale in den Gärten vollzogen wurden. Nicht zuletzt stehen sie im Zusammenhang mit Paradiesvorstellungen.

 

Die Hängenden Gärten von Babylon lagen also wahrscheinlich nicht in Babylon, sondern in Ninive, und waren auch nicht sonderlich „hängend“. Ihnen kam aber eine grosse rituelle und repräsentative Bedeutung zu. Für die Antike waren sie mit ihrer Pracht und den innovativen Bewässerungstechniken derart beeindruckend, dass man sie heute in eine Reihe mit den Pyramiden von Gizeh oder dem Koloss von Rhodos stellt und zu den Sieben Weltwundern zählt.