Kultur | 25.05.2010

Verschwinden im tosenden Dunkel

Ein Liebespaar blickt auf ihre gescheiterte Beziehung zurück. Ihre Erinnerungen könnten unterschiedlicher nicht sein. Das Theaterensemble "schützwolff" versucht dem Publikum diese Subjektivität des Gedächtnisses musikalisch-theatralisch näherzubringen - zu sehen vergangene Woche am Theaterfestival Auawirleben in Bern.
So nah und in den Gedanken doch so fern: Expartner (Julia Schmidt und Graham F. Valentine).
Bild: Klaus Affolter Videoprojektionen, Musik und Licht verstärken die Emotionen im Tojo Theater. Max Philipp Schmid

Eine Frau ist wütend: Sie hält es nicht mehr aus, zusehen zu müssen, wie sich ihr Partner gehen lässt. Er sei dick geworden, blafft sie ihn an. Der Bart stehe Zeuge für seinen seelischen Verfall. Er sei nur noch Marionette, unfähig, sich selbst zu entfalten und seinem eigenen Leben den Stempel aufzudrücken. Der Mann lässt den Wortschwall unbeeindruckt über sich ergehen. Lächelnd winkt er sie zu sich rüber, lädt sie versöhnend auf seinen Schoss ein. Bis sie schliesslich seiner Bitte folgt. Für ihn stellt die Frau in diesem Moment ein Anker dar; für sie ist es jedoch nur eine weitere Niederlage, ein Nachgeben vor der Schwäche ihres Partners.

Wenn Gemeinsames trennt

Zwei Menschen rufen sich ihre vergangene Liebesbeziehung ins Gedächtnis. So unterschiedlich die beiden Personen sind, so sehr unterscheiden sich ihre Erinnerungen an das gemeinsam Erlebte. Diese Ausgangslage versuchte das Theaterensemble “schützwolff” – bestehend aus dem Bieler Martin Schütz und Markus Wolff aus Deutschland – mit stilistischen, dramaturgischen und musikalischen Mitteln auf die Bühne zu bringen. Ihr Stück “Memory Lost – eine Explosionszeichnung”, inszeniert von Graham F. Valentine und Julia Schmidt und musikalisch untermalt von Martin Schütz und Beni Weber, verlangte den Besuchern des Theaterfestivals Auawirleben in Bern einiges ab, um den Gedankenwelten der Protagonisten zu folgen.

Chronologisch durcheinandergewirbelt prasseln die Erinnerungsfragmente auf das Publikum nieder. Nicht immer ist klar ersichtlich, wessen Erinnerungen gerade dargestellt werden. Videoprojektionen auf Plastikleinwänden, welche die Bühne zieren, verstärken die Emotionen und werden von den Darstellern in ihr Handeln eingebunden. Auch die Musik spielt eine wichtige Rolle: Der Mann verfällt immer dem Singen, als Ausdruck seiner liederlichen Sehnsüchte und Hoffnungen. Sphärische Celloklänge untermalen die Momente der Ruhe und der Einsamkeit, elektronische Beats und wilde Perkussion zeichnen akustisch Leidenschaft und Destruktion. Zerstörerisch findet auch das Stück sein Ende: In einem tosenden, lauten Finale verschwinden die Darsteller im Dunkeln. Obwohl die Vergangenheit die Expartner verbindet, trennen sie ihre unterschiedlichen Erinnerungen voneinander.

Eine Frage der Perspektive

“Memory Lost” versucht mehrere Themenbereiche szenisch darzustellen: Einerseits die Beziehungsebene, indem es aufzeigt, welche Kräfte wirken, wenn zwei Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Charakteren und Problemen aufeinandertreffen, und wie unverstanden man sich trotz der Nähe fühlen kann. “Was weisst du schon?”, “Wer bist du?”: Solche Fragen stellt sich das Paar immer wieder, ohne eine Antwort darauf zu geben. Mehr Raum nimmt der Erinnerungs-Aspekt ein. Das menschliche Gedächtnis funktioniert nicht in geordneten Bahnen. Es pickt sich Elemente der Vergangenheit heraus. Nicht die zeitliche Reihenfolge, nur ihre Bedeutung zählt für den Betrachter. Auf diese Weise entsteht eine eigene Realität im Kopf. Schliesslich befasst sich “Memory Lost” mit Fragen der individuellen Perspektive. Denn Erinnern ist relativ, Erinnern ist subjektiv. Dem Zuschauer wird vor Augen geführt, dass gemeinsam Erlebtes nicht gezwungenermassen von den Beteiligten auch gleich erlebt und gewertet wird. “Thank you for the memory”, “Danke für die Erinnerung”, bedankt sich der Mann am Ende des Stücks bei seiner ehemaligen Gefährtin. Ein Dank, den die Frau nicht erwidern kann.  

Für wenig routinierte Besucher des zeitgenössische Theaterschaffens ist “Memory Lost” eher schwere Kost. Es wird viel Wert auf die metaphorische Darstellung von Inhalten gelegt. Wenig gesprochener Text (nicht selten in englischer Sprache), teils lang andauernde Stimmungsbilder und gewagte Musik machen die Materie schwer zugänglich. Doch animieren diese Elemente auch zum Nachdenken und Interpretieren. Die Leistung der beiden Schauspieler, insbesondere des gebürtigen Schotten Valentine, überzeugt. Ihm gelingt es, durch Bewegungen und unverständliches Brabbeln Einblicke zu geben in die seelischen Abgründe seines Charakters.    

Nächste Aufführungen


Wer selber einen Blick auf die verlorenen Erinnerungen von "schützwolff" werfen möchte, muss sich noch in Geduld üben: Die nächsten Aufführungen sind erst für Anfang 2011 im Theater Chur vorgesehen.

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