Kultur | 03.05.2010

Sympathischer „Lafericheib“

Text von Christian Wyler | Bilder von zvg
Der Autor und Kolumnist Pedro Lenz legt mit "Der Goalie bin ig" seinen ersten Roman vor. Und bereichert damit die Berndeutsche Mundartliteratur um ein Werk auf hohem Niveau, jenseits von Landidylle und Lokalpatriotismus.
Pedro Lenz' "Dr Goalie bin ig" ist ein ernster Roman, und ein verschmitzer zugleich.
Bild: zvg

„I verzöue nid zum Plousch, i verzöue zum nochecho. Weni nid chönnt verzöue, de würdi das himutruurige Läbe sowieso nid tschegge.“

 

Mit diesen Worten erklärt Goalie seinen Zwang zum Geschichtenerzählen. Goalie, das ist der Protagonist im neuen Roman „Der Goalie bin ig« des Berner Schriftstellers Pedro Lenz. Goalies Geschichte ist die eines ewigen Verlierers aus der Berner Provinz, der sich nach einem Gefängnisaufenthalt mehr schlecht als recht durchs Leben schlägt. Halt geben dem Protagonisten einzig Erzählungen, die er mit seinem Umfeld oder auch nur mit dem Leser teilt. Die Geschichten aus Goalies Jugend und von seinem Strafprozess zeichnen zusammen nach und nach ein Bild von Goalie als sympathischen „Lafericheib“, der mit sich und der Welt, in der er lebt, irgendwie nicht klarkommt.

 

Grosses Können in kleinen Geschichten

In diesen kleinen Erzähleinheiten kommt das ganze stilistische Können des Autors ans Licht: Kein Satz zu viel, keiner zuwenig, um die Stimmung der Szene zu vermitteln oder Personen zu charakterisieren. Auch die Sprache selbst trägt viel zur Atmosphäre bei: „Der Goalie bin ig“ ist auf Berndeutsch verfasst. Nicht in einem reinen Stadtberner-Berndeutsch, wie es Sprachpuristen erwarten würden, sondern in einem lebendigen Dialekt, mit Einflüssen aus anderen Regionen, wie er tatsächlich auch gesprochen wird – der Leserlichkeit halber immerhin mit Punkten und Kommata versehen.

 

Lenz‘ Sprache zeichnet sich durch eine wunderbare Rhythmik aus, welche den Romanfiguren Leben einhaucht. Eine Sprache, die so natürlich klingt, dass der Aufwand für den Leser verborgen bleibt, welcher nötig ist, um so zu schreiben, dass man wirklich glaubt, jemanden in Dialekt sprechen zu hören. Mit der literarischen Qualität, welche „Der Goalie bin ig“ auszeichnet, gelingt dem Autor ein weiterer Schritt, um Mundartliteratur jenseits von heimatlichen Erzählungen aus ländlichen Regionen zu etablieren.

 

Wenn „lustiges“ Berndeutsch nicht zum Lachen ist

Trotzdem scheint bei der Leserschaft Literatur auf Berndeutsch immer noch in eine reine Unterhaltungsecke ohne Anspruch eingeteilt zu werden, was sich an Lesungen von Pedro Lenz zeigt. Egal, ob witzige oder eher ernste, traurige Passagen vorgelesen werden, die Reaktion der Zuhörer bleibt dieselbe: Lautes Gelächter bei als komisch empfundenen Dialektausdrücken. Selbst wenn es im Roman gerade um eine Szene geht, die beschreibt, wie ein Mann seine Frau verprügelt. Darüber würde man nie und nimmer lachen, wäre der Text auf Schriftdeutsch verfasst und die Zuhörer auf „ernste“ Literatur eingestellt, statt in erster Linie auf leichtverdauliche Unterhaltung.

 

Ob die neue Bezeichnung „Spoken Script“, wie die Herausgeber der Reihe die Dialekttexte nennen, daran etwas wird ändern können, bleibt abzuwarten. „Spoken Script“ ist aber mehr als nur eine modische Bezeichnung für Dialektliteratur. Es ist auch ein Hinweis auf die Gestaltung der Sprache, eine eigentlich mündliche Ausdrucksweise, welche genau so niedergeschrieben wird, wie sie gesprochen werden sollte. Wie gut dies in „Der Goalie bin ig“ umgesetzt wurde, zeigt sich, wenn der Text laut vorgelesen wird: Dieser Text ist nicht nur zum Lesen gedacht, sondern auch zum Zuhören.

Schwieriger Zugang für Nicht-Berner

Dialekttexte eröffnen aber nicht nur neue Ausdrucksformen, sondern schliessen gleichzeitig viele Leser aus: Während man in der Deutschschweiz östlich von Bern schon einige Mühe mit der Lektüre bekunden wird, bleibt der Text für viele im deutschen Sprachraum wie auch für Leser aus der lateinischen Schweiz verschlossen. Das wie „Der Goalie bin ig“ in der Reihe Edition Spoken Script veröffentlichte Buch „Mittelland“ des ebenfalls Berndeutsch schreibenden Autors Guy Krneta umgeht dieses Problem, indem zu den Texten jeweils auch eine schriftdeutsche Übersetzung mitgeliefert wird.

 

Pedro Lenz scheint hier bei seinem Konzept zu bleiben, welches auch von seinen früheren Veröffentlichungen bekannt ist: die Beschränkung aufs Kleine. Kleinen Leute statt grossen Helden, kleinen Ortschaften statt Metropolen, folgt nun ein Roman, der von kurzen Erzählungen lebt. Und durch die Sprache also auch eine kleinere Leserschaft erreicht. Vielleicht hält er es ja einfach wie sein Protagonist Goalie, der sich vor dem Richter für seine kurzen Anekdoten anstelle einer grossen Geschichte entschuldigt: „I gseh immer nume di chliine Gschichte. Für die grossi, zämehängendi Gschicht, mit Logik und Spannigsbogen und auem was derzue ghört, do fäuht mir gloub eifach d Begabig. Aber vilecht interessierts mi eifach zwenig, wöu mi di chliine Gschichte meh interessiere.“

 

Solange diese kleinen Geschichten in der Qualität erzählt werden, wie Pedro Lenz es tut, ist dagegen nichts einzuwenden.