Gesellschaft | 18.05.2010

Schutzlos im Netz

Alle sind online. Alle telefonieren, chatten, laden Daten hoch und runter, rasen durch den Cyberspace. Die wenigsten denken sich Böses dabei. Doch die Privatsphäre ist durchbrochen, ehe man sich's versieht. Menschenrechte bleiben auf der Strecke. Eine Einführung ins Thema des diesjährigen Menschenrechtsforums Luzern mit Co-Leiter Thomas Kirchschläger.
Thomas Kirchschläger, Co-Leiter des Menschenrechtsforums, bei seinem Eröffnungsreferat.
Bild: Michael Dolensek Die entscheidende Frage: Wie gehen wir mit der Digitalisierung des Alltags um. Bei der Eröffnung des Forums im Verkehrshaus Luzern waren rund 800 Besucherinnen und Besucher anwesend.

Es ist früher Morgen. Das Telefon klingelt. Die besorgte Mitarbeiterin am anderen Ende der Leitung macht einem klar, dass man verschlafen hat. Halb so schlimm, das wird der Chef schon nicht gemerkt haben. Aber was wäre, wenn das Gespräch abgehört wurde?

 

Mit diesem Fallbeispiel bot Thomas Kirchschläger, Co-Leiter des siebten internationalen Menschenrechtsforum in Luzern, eine Einführung in das diesjährige Thema: Menschenrechte und die Digitalisierung des Alltags. Doch inwiefern tangiert die fortschreitende Digitalisierung die Menschenrechte? Laut Thomas Kirchschläger findet mit der Entwicklung der technischen Möglichkeiten oftmals eine Verblendung der Nutzer statt. Diese realisieren nicht, wie sie nach und nach ihr Recht auf den Schutz der Privatsphäre abgeben. Ferienfotos werden auf die virtuelle Plattform Facebook geladen. Partybilder, deren Entstehung man nur noch vage in Erinnerung hat, erscheinen auf Ausgehportalen. Oder man wird ungewollt Hauptakteur von voyeuristischen Youtube-Videos. Mit diversen Beispielen führt Kirchschläger vor Augen, wie wir in alltäglichen Situationen Subjekt von digitalen Daten werden, ohne dies zu ahnen oder dem entgegenwirken zu können.

 

Reale Gefahr durch virtuelle Information

Man stelle sich folgendes fiktives Szenario vor: Während eines Ferienaufenthalts verfasst man auf Facebook die Statusanzeige: „Super hier in Kapstadt“. Ein Schurke stolpert über die virtuelle Information, überprüft mittels Google Street View und Google Earth die Einstiegsmöglichkeiten in die Wohnung des Betroffenen. Eine kurze Google-Recherche informiert über die Arbeitszeiten der Nachbarn und schon kann der Einbruch von statten gehen.

 

Co-Leiter Kirchschläger warnt vor der leichtfertigen Nutzung und Verbreitung digitaler Informationen. Er persönlich schätzt den Einsatz des eidgenössischen Datenschutzbeauftragten Hanspeter Thür, der eine Klage gegen Google Street View lancierte. Kirchschläger verlangt keine konkreten Verbote. Seiner Meinung nach bedarf es aber breit gefächerter Menschenrechtsbildung. Schon die Thematisierung der Möglichkeiten, Chancen und Gefahren an sich zeige viel Wirkung.

 

Doch reicht das wirklich aus? Reicht es, die Gefahren der Digitalisierung des Alltags zu thematisieren, um utopischen Zukunftsszenarien von Allmachtskonzernen und Kontrollstaaten vorzubeugen? Sicherlich werden im Verlauf des diesjährigen Menschenrechtsforums in Luzern kritische Fragen gestellt. Tink.ch bleibt dran und hört hin.