Kultur | 03.05.2010

Planet Fumetto

Text von Céline Graf
Grrrr! Boom! Puff! Wenn man in Luzern auf intergalaktische Superhelden und verspielte Fantasiewesen trifft, vor kargen Steinwüsten und im nächsten Moment in schummrigen Jugendherbergen steht, ist man auf dem Comixfestival-Planeten Fumetto gelandet. Mit dabei die vier "Bewohner" Jack Kirby, Souther Salazar, Emmanuel Guibert und Brecht Evens.
Captain America, Hulk, Fantastic Four: Die Superheldenfamilie des "Comicvaters" Jack Kirby ist riesig. Souther Salazar zeichnet und bastelt wolkig-farbige Wunderwelten. Fotos: Flavia Flückiger

„Ich wurde zum Wanderer — auf der Suche nach Marvels“  

Jack Kirbys Universum

Diese Anmerkung kritzelte Jack Kirby an den Rand einer seiner Comicerzählungen, die im Orient spielt. Fliegende Teppiche, Dinosaurier, Donnergötter, Raumschiffe: Weit weg in ferne Welten und Zeiten entführt der amerikanische Künstler in seinen Comics. Jack Kirby (1917-1994) hat mit seinen Fantasy- und Romanceschöpfungen das Comicgenre des 20. Jahrhunderts geprägt wie kein anderer. 150 originale Arbeiten des „King of Comics“ zeigt Fumetto in einer Sonderausstellung. Briefe und Familienfotos geben nur einen flüchtigen Einblick in Kirbys Leben. Hauptthemen sind vielmehr sein Schaffen bei den grossen Verlagshäusern Marvel und DC Comics von den 1940ern bis in die 70er, und schliesslich Kirbys eigene Werke aus den 80ern.  

Zahlreiche Anmerkungen und Kritzeleien an den Bildrändern geben Aufschluss über die Arbeit in einem grossen Comicbetrieb. Bleistiftskizzen anfertigen, texten, kleben, Touche auftragen, colorieren: bis ein Heft gedruckt werden konnte, wirkten zahlreiche Leute mit. Die ausgestellten Comicseiten reihen sich an den Wänden aneinander und ergeben zusammen vollständige Panels. So versinkt man unmerklich in den Abenteuern von Hulk, Silver Surfer, Superman, und anderen Fantasyfiguren, die aus Kirbys Zeit bei Marvel und DC hervorgegangen sind. Manche Reihen wurden so populär, dass angefressene Leser Kirby Detailfragen stellten, wie: „Woraus besteht Reeds Anzug?“, worauf dieser antwortete, der Anzug des Fantastic Four-Mitglieds bestehe aus „instabilen Molekülen“.  

Souther Salazars schöne neue Welt  

Auf den ersten Blick verlassen, wirken die Kolosse auf den Bildern des Amerikaners Souther Salazars. Erst bei näherem Hinschauen entdeckt man kleine Vögel und Strichmännchen, die nebst riesigen Schildkröten, Insekten und Fabelwesen die Wunderwelten bevölkern, welche in warmen Farben gemalt sind. Gerne würde man die Flüsse befahren, die sich zwischen saftigen Hügeln durchschlängeln und die Burgen erklimmen, die auf den Hügeln stehen. Die Landschaften wirken so idyllisch, dass man erwartet, im nächsten Moment fliege Nils Holgersson auf Gänsen vorbei, oder die Mummins tauchten zwischen den Bäumen auf. Salazar, der auch schon Kinderbücher veröffentlicht hat, spielt mit dieser Vordergründigkeit.

Immer wieder lässt er in seinen Collagen Millimeterpapier und Zeitungsschnipsel aufblitzen. Das Bastelexperiment mit alltäglichen Materialen setzt er in dreidimensionalen Figuren fort. Aus Garn, Bierdeckeln, Eierkarton, Nägeln, Leimdosen oder Ton formt Salazar Krönchen, Blumenwiesen oder eine Zauberorgel, aus der Heissluftballon-Glühbirnen inmitten von Wattewolken empor steigen. Und man fragt sich: Hat da einer Spass am Basteln oder will er ein Märchen erzählen? Und wenn ja, welches?  

Didier Lefèvres Reise  

Alles andere als in einer Fantasiewelt spielt die Trilogie „Der Fotograf“ von Emmanuel Guibert. Es ist die Geschichte des Fotografen Didier Lefèvre, der die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ auf einem humanitären Einsatz nach Pakistan und Afghanistan mit der Kamera begleitete. Lefèvres Bilder von den Menschen, die er auf seiner Reise antraf, von der Zerstörung und von menschenleeren Steinwüsten bleiben haften.  

Emmanuel Guibert setzte die Erzählungen seines Freundes Lefèvre in Zeichnungen um. Aus Zeichnungen, Texten und Fotos konstruierte Guibert drei Comicbände über Lefèvres Erlebnisse im Afghanistan-Krieg, die nun im Original und in gedruckter Form am Fumetto zu sehen sind. „Der Fotograf“ dokumentiert ein Land und dessen Menschen im Krieg, die Arbeit der Ärzte, aber auch die persönlichen Abenteuer und Grenzerlebnisse, die der inzwischen verstorbene Fotograf durchlebte. Die Schwarzweissaufnahmen und die von Hergés Ligne claire inspirierten Comiczeichnungen ergeben zusammen eine einzigartige Form der Reportage. Am Fumetto ist die sorgfältige Dokumentation angereichert mit Karten, Hintergrundtexten, Film- und Tondokumenten.  

Brecht Evens Daumenkino  

Schummriges Licht im Raum, wo die Arbeiten des Belgiers Brecht Evens unter dem Titel „Hier und Jetzt“ gezeigt werden. Nicht zufällig befindet sich der Ausstellungsraum in einer Jugendherberge, „Bitte Nachruhe einhalten“-Schild an der Eingangstür und „24h open“-Rezeption inklusive. Die schummrige Atmosphäre spiegelt jene der Aquarelle Evens‘ wieder. Auf seinem Blog schreibt der Flame: „Dieses Jahr, indem ich den Kunstdirektor [des Fumetto Festivals] belästigt und emotional erpresst habe, darf ich eine Ausstellung machen.“ Ob er da wohl etwas übertreibt? Hat der erst 23-Jährige doch 2009 mit dem Comicroman „Ergens war je niet will“ („Nachtschwärmer“) einen beachtlichen Start auf dem internationalen Parkett hingelegt. In seinem Comic geht es um Robbie, Gert und Noemi, die ausser ihrem jungen Alter nicht viel gemeinsam haben. Robbie ist beliebt, impulsiv und verbringt den grössten Teil seiner Zeit auf Partys, während Gert und Noemi schüchtern sind und im Schatten von Leuten wie Robbie stehen.  

Brecht Evens erweist sich als scharfsinniger Beobachter seiner Zeit. Er zeichnet die Menschen, wie sie sich bewegen in Gegenwart anderer, in verschiedenen Räumen und Situationen. So stehen Fahrgäste in der U-Bahn dicht gedrängt – sobald sie aber aussteigen, verteilen sich die Leute möglichst weit voneinander in der Wartehalle. Oder Besucher befinden sich im Treppenhaus auf dem Weg zu einer Homeparty – Wein und Knabbereien erwarten sie oben wohlgeordnet auf dem Stubentisch. Besonders das Nachtleben junger Leute studiert Evens so detailliert, dass die einzelnen Zeichnungen ein Daumenkino ergeben würden: Zwei Freundinnen auf der Tanzfläche kichern, sind sozusagen Verbündete. Dann nähert sich der einen Freundin ein Tanzpartner – und plötzlich steht die andere Freundin alleine da.  

Evens feine Malereien kommen ohne Konturen aus und doch strahlen sie in kräftigen, leicht verschwommenen Farben, gerade so, wie man sich an eine durchzechte Partynacht erinnert: emotional und flüchtig. Der junge Flame zeichnet die junge Generation, wie er sie sieht: Im ständigen Versuch, im Hier und Jetzt zu leben. Die jungen Menschen werden zu Partygängern – auf der Suche nach der unmittelbaren Gegenwart.