Gesellschaft | 31.05.2010

Mit einem Bein im Grab

Kinder stellen täglich viele Fragen. Keineswegs verliert sich dies im Laufe der Jahre. Mit zunehmendem Alter gewinnen diese Fragen bloss an Tiefe.
Wohin solls denn gehen? Jung und voller Fragen.
Bild: pixelio.de / Jutta Rotter

Neulich bei einem Glas Weiswein in der lauen Abendsonne, entfachte eine besondere Aussage eine brennende Frage: Findet der Mensch sich mit seinem Leben ab? Toleriert er den Fakt, dass die besten seiner Jahre vorüber sind und man nur noch auf den Tod wartet? Kann es sein, dass man das Feuer, das einst in der Brust loderte, ignoriert? Diese ganzen Denkanstösse wurden durch eben jene Aussage in Gang gesetzt. Verständnishalber rezitiere ich die glorreichen Worte meines Gesprächspartners: „Ich erwarte vom Leben gar nicht mehr, dass es spannend ist.“ Krawumm. Und das von einer einst wundervollen Person, die seine Ideale eisern vertrat und nicht einfach alles so nahm wie es hingestellt wurde, sondern stets hinterfragte.

Glücklich aber langweilig

Kann es sein, dass ein wochenendlicher Ausflug in das Einkaufszentrum das Nonplusultra ist? Will man wirklich eine Viertelstunde über die Signifikanz von preisreduzierten Pouletschenkeln reden? Aufstehen-arbeiten-fernsehen-schlafen. Oh, da gibt es noch Silvester, da kann man sich dann ordentlich die Kante geben. Man muss immer wieder feststellen: Eben jene, deren Leben so vollkommen routiniert und langweilig scheint, sind auch glücklich. Meist sogar glücklicher als Revolutionäre und Lebenskünstler aller Art. Glücklicher als Abenteurer oder Piraten. Hat also Albert Camus, der in seinem Werk „Der Mythos des Sisyphos“ genau das beschreibt, recht? Braucht der Mensch eine sich wiederholende Aufgabe, um glücklich zu sein?

Was also tun, um die ultimative Glückseligkeit zu erlangen? Sich in den Alltagstrott integrieren? Mit dem Strom schwimmen? Oder trotzdem gegen den Strom? Was erreicht man damit, ausser Erschöpfung? Und wenn man dann schliesslich an der Erschöpfung zu Grunde geht, so treibt man doch mit dem Strom. Die Richtung eines toten Fisches unterscheidet sich nicht von jener eines lebendigen Fisches. Ein Schwimmer im Fluss hinterlässt keine Spuren, hinterlassen wir also eine?

Herman Hesse sagte einst „Wir verlangen, das Leben müsse einen Sinn haben – aber es hat nur ganz genau so viel Sinn, als wir selber ihm zu geben imstande sind.“

Es liegt an einem selbst

Folglich liegt es in unserer Hand, es gibt kein Richtig oder Falsch. Sehen wir in unserem Leben nicht mehr als ein ewiger Kreislauf aus aufstehen-arbeiten-fernsehen-schlafen, so ist da auch nicht mehr. Und so braucht es auch nicht mehr. Plagen wir Unserein jedoch mit Fragen über Fragen, so kann es auf zwei Arten enden: Entweder wir kapitulieren und finden uns mit dem Leben ab oder wir erleben die waghalsigsten Abenteuer, die eindrücklichsten Impressionen und die tiefstmöglichen Gefühle.

Dies zu erreichen ist aber höchstwahrscheinlich wahnsinnig schwer, ermüdend und es macht vielleicht einsam. Wahrscheinlich muss man die goldene Mitte finden, Energie schöpfen aus den kleinen Dingen. Wie zum Beispiel an einer Wolke, die aussieht wie Aladin auf dem fliegendem Teppich, oder an den Klängen einer Spieluhr. Oder an einem vorbeifahrenden Zug, der sich im Wasser spiegelt. Es gibt tausend schöne Dinge in der Welt zu entdecken, das mit dem Suchen nach den wirklich grossen Fragen des Lebens hat schliesslich noch Zeit.