Kultur | 11.05.2010

Joseph und der Cantichor

Text von Petar Marjanovic | Bilder von Reto Neurauter.
Wie kann man biblische Geschichten mit modernem Rock'n'Roll, Sexdarstellungen und Gänsehaut kombinieren? Der Chor der Kantonsschule Sargans bietet in seinem diesjährigen Chorprojekt die Antwort, die kompromisslos perfekt aufgeführt wurde.
Der Pharao behält den Überblick, trotz Hungersnot.
Bild: Reto Neurauter.

Zugegeben, der Titel des diesjährigen Cantichor-Projekts der Kantonsschule Sargans ist nicht gerade besonders kreativ.  Der Cantichor, dessen Name vom italienischen cantare für singen abgeleitet wird, führt jedes Jahr unter Leitung des Musiklehrers Harri Bläsi ein Konzert durch. Das diesjährige Projekt hat den langen Titel “Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat” und ist ein Musical, welches 1968 vom britischen Komponisten Andrew Lloyd Webber verfasst wurde.

Träume, Untreue und Spielereien
Das Musical erzählt die biblische Geschichte von Jakob, wie er seinem Lieblingssohn Joseph ein farbiges Kleid schenkt und dadurch seine anderen elf Söhne erzürnt. Der Zorn der Brüder steigt soweit an, dass sie Mordpläne gegen Joseph schmieden, ihn jedoch nur an einen Sklaventreiber nach Ägypten verkaufen. Webber zeigt in seiner Darstellung, wie gut er biblische Ernsthaftigkeit einem breiten Publikum in witziger, aber auch dramatischer Art und Weise darbieten kann: In Ägypten angekommen wird Joseph der Sklave des reichen Potiphars, und erlaubt sich bald ein Akt der freien Liebe mit dessen Frau, worauf er ins Gefängnis gebracht wird.

Joseph weiss sich aber dort zu helfen: Mit seiner Fantasie interpretiert er die Träume seiner Mitgefangenen und erhält bald darauf den Auftrag, den Traum des Pharaos zu deuten. Joseph deutet den Traum so, dass Ägypten schon bald in eine Hungersnot fallen wird. Nur sein planwirtschaftliches Handeln könnte Ägypten von einer solchen Krise bewahren. Pharao, dessen Aussehen und Gesangsart an Rock’n’Roll-Sänger Presley erinnert, macht ihn zum Wirtschaftsminister. Josephs Deutung offenbart sich als richtig, so dass ganz Ägypten von seinem ökonomischen Geschick erfährt. So auch seine elf Brüder: Sie profitieren nicht von den Vorräten, sondern hungern und vermissen sogar ihren Bruder Joseph, den sie einst hassten. In ihrer Not beschliessen die elf Brüder nach Ägypten zu gehen, um bei Joseph – den sie auf dem ersten Blick nicht wieder erkennen – nach Essen zu bitten. Bevor er sich aber ihnen zeigt, erlaubt er sich ein Spiel mit seinen Brüdern.

Kompromisslos perfekte Darstellung
Während knapp sieben Monaten übten rund 130 Sängerinnen und Sänger sowie Mitglieder des Orchesters Noten, Text und Tanz zu über 20 Liedern. Mengia Albertin, selbst Schülerin an der Kantonsschule, spielte die Erzählerin im Stück. Ihre reife und klare Stimme konnte dem Publikum Gänsehaut-Feeling garantieren, die elf Männer konnten einerseits mit Rauigkeit den Zorn gegen Joseph ausdrücken, einige Szenen später jedoch mit rührenden Tönen ihren Trauergesten Unterstützung bieten. Joseph wurde vom Liechtensteiner Wolfgang Nipp gespielt, der trotz Steissbeinverletzung während der Aufführung professionell improvisieren konnte.

Harri Bläsi überzeugte mit seinem Amateurchor auf allen Ebenen. Das Publikum dankte ihm, den Sängerinnen und Sängern sowie dem Orchester mit mehrminütiger Standing Ovation.