Gesellschaft | 17.05.2010

Dschungelfeeling in der Stadt

Eine Führung durch die Stadtgärtnerei lohnt sich: Den Besuchern wird viel nützliches Wissen zur Flora und Fauna vermittelt. Bei Sommerregen entpuppen sich die Gewächshäuser als valable Alternative zur Masoalahalle.
Heimat für Pflanzen: In der Stadtgärtnerei wachsen mehr als 250'000 Pflanzen, Blumen und Setzlinge. Fotos: Alicia Portenier Die Robusten wachsen Freiluft, die Zarten im Treibhaus. Bereit um die Stadt zu verschönern.

Zum elften Mal organisieren dieses Jahr „Grün Stadt Zürich“ und „Migros-Kulturprozent“ die Veranstaltungsreihe Nahreisen. Passend zum internationalen Jahr der Biodiversität liegt der Fokus der diesjährigen „Reisen“; auf der Vielfalt der Natur. Am 4. Mai konnten Interessierte einen Blick hinter die Kulissen der Stadtgärtnerei Zürich werfen.

Trotz stundenlang anhaltendem Nieselwetter hatte sich um 18 Uhr eine Gruppe Neugieriger vor der Stadtgärtnerei versammelt. Einer der Organisatoren betonte, das Tropenhaus des Betriebes sei einer der wenigen Orte der Stadt, in dem man an regnerischen Tagen wie diesem etwas Dschungelfeeling geniessen könne. Und mit dem Tropenhaus im Hinterkopf, war das Frösteln während des Rundgangs durch den Sandgarten und die Blumenproduktion tatsächlich zu ertragen.

Schmuck gegen die Betonwüste

Schon während des 19. Jahrhunderts waren die öffentlichen Grünflächen ein wichtiger Bestandteil von Zürich und wuchsen immer mehr an, bis professionelle Betreuung unumgänglich wurde. Somit wurde 1858 der erste Gärtner von der Stadt eingestellt. Noch heute schmücken jahrein jahraus die Blumenrabatte am Bürkliplatz, an der Bahnhofstrasse und an unzähligen anderen Orten unsere Strassen. Auch die Parks und übrigen Grünanlagen wären nicht aus Zürich wegzudenken. Doch woher kommen diese Pflanzen überhaupt? Es ist die Stadtgärtnerei in Albisrieden, die sich darum kümmert.

Jährlich werden hier gegen 250-˜000 Pflanzen gezüchtet. Für diesen Sommer ist die Farbkombination rot-gelb geplant. Mitte Mai werden die Blumen eingesetzt und benötigen danach viel Sonne. Hoffen wir also, dass der Böögg sein Versprechen hält. Die Produktion für öffentliche Anlagen ist nur eine von vielen Aufgaben, denen man sich hier widmet. Wichtig ist auch das Projekt, das unter dem Namen „Produktion für Bildung“ besteht. Gärtner/innen und Florist/innen werden hier ausgebildet. Wichtig ist der Gärtnerei, neue Produktionsmethoden zu lehren, aber auch alte Arbeitsweisen weiterzugeben, die ansonsten schnell vergessen gehen könnten und Vorteile aufweisen. Meistens sind diese sehr zeitintensiv, dafür energiesparend. Auch ausserhalb des Betriebs, in der ganzen Stadt mit ihren rund 6000 Familien- und Freizeitgärten, besteht ein Weiterbildungsbedürfnis. Deshalb finden regelmässig Workshops und Pflanzenberatungen statt.

Zucht für die Masoalahalle

Hinter der vielfältigen Produktion und dem breiten Ausbildungsangebot stecken nicht nur harte Arbeit und sorgfältige Überlegungen, sondern vor allem viel Leidenschaft. Rudolf Wattinger, der Leiter des Betriebs, ist ein grosser Pflanzenliebhaber. Wie er betont, existiere im Tropen- und Palmenhaus keine botanische Logik, es sei viel eher ein Sammelsurium von all dem, was den Mitarbeitern und Besuchern Freude bereite. Somit wird auch überrascht, wer sich unter der Stadtgärtnerei eine Anhäufung langweiliger Rabattblümchen vorstellt. Die meisten Gewächse, die man hier antrifft, sind um einiges exotischer. Eine riesige Sammlung madagassischer Pflanzen kann man bestaunen. Hier werden wie für Stadtparks auch für die Masoalahalle Pflanzen gezüchtet. Sogar die drei Affenbrotbäume, die wegen Renovationsarbeiten aus dem Hauptgebäude der ETH verbannt wurden, haben hier ein neues Zuhause gefunden. Sie bieten keinen prächtigen Anblick, aber für Pflanzenliebhaber wäre es eine Sünde, solche Seltenheiten ihrem Schicksal zu überlassen. Nun werden sie hier wieder aufgepäppelt.

Momentan steht die Stadtgärtnerei an einem wichtigen Wendepunkt. Es besteht Sanierungsbedarf. Wattinger betont, es sei unglaublich komplex, das historische Erbe der teilweise noch aus dem 19. Jahrhundert stammenden Bauten zu bewahren und zugleich zeitgemässe Produktion und energetische Verbesserung zu erreichen. Nun werden zusammen mit der Denkmalpflege Zukunftspläne geschmiedet.

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