Gesellschaft | 17.05.2010

Disziplinieren und Herrschen

Wir leben in einer Welt voll von Sisyphussen. An jedem sonnigen Tag mühen sie sich ab. Unkraut raus, Setzlinge rein, Rasen kurz. Doch die Natur zwingt sie immer wieder, neu anzufangen. Jahr für Jahr für Jahr für Jahr. Unsere Hobbygärtner. Was treibt sie an?
Gartenarbeit ist mühsam.
Bild: stock.xchng/sparkules Im Garten würde auch sie verstossen und ausgerupft: Distel im Haferfeld. Gerhard Elsner/wikipedia.de

Eigentlich geht es diesen grünen Kopien ja noch schlechter als dem griechischen Original. Dem musste die Steinschieberei einen tollen Körperbau verliehen haben, der Gärtner kriegt nur einen krummen Rücken. Doch anstatt sich zu fragen, was die ganze Quälerei soll, hält er um so unbarmherziger und unerbittlicher nach jedem Knöterich Ausschau.

Schon der Begriff Gartenarbeit deutet an, dass es hier nicht um lustigen Freizeitplausch geht, sondern um Disziplin, Fleiss und Hartnäckigkeit. Jeden Samstag muss gemäht, gezupft, geschnitten und gewässert werden, was würde sonst der Nachbar sagen. Aber geht es bei dieser Umpflügerei wirklich nur um das ästhetische Wohl des Betrachters?

Grosse Macht in kleinen Gärten
Weit gefehlt. Die geheime Motivation liegt in Wahrheit ganz woanders. Der Garten ist der letzte Hort der Alleinherrscher. Draussen, in der Welt, in der Schweiz und in der Gemeinde, da bestimmen Demokratie, Parlamentarismus und Wischiwaschipolitik. Hier im Garten, da darf man noch Diktator sein! Hier geht alles mit rechten Dingen zu. Denn wer aus der Reihe tanzt, fliegt auf den Kompost. Fein säuberlich wird Unkraut von gutem Kraut getrennt. Der Rasen ist auf 16 Millimeter getrimmt, die Tomatenstöcke werden in Reih und Glied gebracht, den Beeten wird Thymian, Salbei und Schnittlauch zugewiesen. Gegen den grossen Gärtner ist kein Kraut gewachsen. Hier lebt der Chef seine Allmachtsträume aus, ganz ohne Gewerkschaft, ganz ohne Verwaltungsrat. Hier wird der Arbeiter zum König, die Bibliothekarin zur Königin.

Auch Unkraut hat Rechte!
Niemandem scheint aufzufallen, dass auf diese Weise unser Rechtsstaat und unsere Demokratie untergraben, nein, unterjätet werden! Niemand setzt sich ein für die wehrlosen Opfer des Gärtchendenkens. Wo bleiben die Kräuterrechte? Wo bleiben die Kräuterrechtler? Hat ein Gänsefuss denn nicht dasselbe Recht auf ein sonniges Plätzchen wie eine Rose?

Aus dieser Überzeugung bleibe ich den Gärten fern. Auch wenn solche Rabatten ganz hübsch aussehen. Auch wenn mich die Nachbarn dafür bewundern würden. Auch wenn ich dann meinen eigenen bio-öko-grünen, erneuerbaren Salat essen könnte. So muss ich halt untätig vor dem Fernseher sitzen und mir Gerichtsshows ansehen. Immer und immer wieder, wie Sisyphus. Was tut man nicht alles für die Demokratie!