Kultur | 02.05.2010

Die Reizbarkeit der pinken Diva

Text von Vanessa Joyce Taningco | Bilder von PD
Die amerikanischen Musiker Brokencyde und Jeffree Star lockten die eigenartigsten Kreaturen ins Abart. Dabei wurde wieder einmal deutlich, was ein ausgestreckter Mittelfinger für Konsequenzen nach sich zieht.
Mit diesem Wesen ist nicht gut Kirschen Essen: Jeffree Star.
Bild: PD

Jeffree Star hat sich einen berüchtigten Namen als männliche Diva gemacht. Nicht zu Unrecht wird er deswegen auch „Bitch Queen“ genannt. Kaum stand die sonderbare Gestalt vor einer Woche auf der Abart-Bühne, gab es Grund, sein hübsch bepinseltes Gesicht in eine zornige Grimasse zu verziehen: Ein betrunkenes Teenie-Girl zeigte Jeffree den Mittelfinger. Das liess dieser nicht so einfach auf seinem pinken Schopf sitzen und stöckelte gefährlich zum nichtsahnenden Mädchen hin, um sich mit ihm zu unterhalten. Das Mikrofon stets am Mundrand haltend, damit das Publikum ja alles mitbekam. „So, you little punk, why are flipping me off?“ Seufzte er bittersüss ins Mikrofon. Darauf drehte er sich zu den Security Männern und kreischte hysterisch: „Get this stupid bitch out of my face or there’s no show. Didn’t you people hear me? Get her out of the show or I’ll go to prison for killing this ugly slut! Yeah, that’s right; nobody flips me off, bitch!“ Das Publikum quittierte das Drama mit einer Mischung aus Beifall und Fassungslosigkeit, während das Abart Team verdutzt reinguckte und absprach, ob sie das arme Mädchen wirklich rausschmeissen sollten. Sie wurde dann tatsächlich rausgeführt. Mit Jeffree Star, der in ein size zero Kleid passt und in einem violetten glitzerpailletten Bolero besser aussieht als jede beliebige Frau, darf man sich schliesslich wirklich nicht anlegen.

Ein Star auf hohen Absätzen

Nach dem heiteren Auftritt begann Jeffree Star seine Show. Schnell vergessen war der erquickte Anfall vor einigen Augenblicken. Mit einer Leichtigkeit, die viele Frauen vor Neid erblassen lässt, lief der androgyne Mann mit seinen 12 Zentimeter hohen Pumps über die Bühne und bot eine phänomenale Performance, inklusiv Stöhngeräuschen zwischen den Liedtexten. Dabei wechselte er immer wieder von süsser Zuckerwattenstimme ins tiefe Screamo-Gegröhle. Das eher junge Publikum, grösstenteils bestehend aus Emokindern, war begeistert und hüpfte zu „Beauty Killer“ völlig losgelöst mit. „If I can’t be beautiful, I’d rather just die“ ist eine der Zeilen des Songs. Seine dicke Augenschminke betrachtend, machte er dieser Aussage alle Ehre. Eigenwillig war nicht nur die Show und Jeffree selbst, sondern auch die Instrumentenwahl: Die Band spielte mit E-Drums und einem Umhängekeyboard.

Brokencyde profitierten vom Alkoholpegel

Auf den anreizenden und „übermässig pinken“ Gig von Jeffree Star folgte der Co-Headliner des Abends. Brokencyde wurde mit wildem Gekreische vom teilweise stark beschwippsten und bekifften Publikum empfangen. Nach Ende des ersten Liedes hatte die Band die Menge fest im Griff und war verblüfft, wie gut sie beim Zürcher Publikum ankamen. Sie machten dies alle zwei Lieder bemerkbar und bedankten sich ganz herzlich. Die Emokiddies rasteten zur Musik regelrecht aus und der ganze Musikklub verwandelte sich in einen riesigen Moshpit. Dies durfte ich wortwörtlich zu spüren kriegen und bekam dabei eins übergescheuert, da ich mitten im Publikum stand. Nichtsdestotrotz war ich ebenso mitgerissen von der etwas ungewöhnlichen Musik. Die vier jungen Männer aus New Mexico überzeugten mit ihrem jungenhaften amerikanischen Charme und liessen mit ihrem „crunkcore“ die Luft brennen. Vor der letzten Zugabe war ich jedoch aus dem Abart geflüchtet, die Chance im Chaos des Moshpits unterzugehen, war mir bei meinen 1.57m zu gross.

Wer am Konzert dabei sein durfte, wurde mit purer Unterhaltung erheitert, die Amis wissens halt immer noch am besten: There’s no business like show business.