Sport | 25.05.2010

Die Berner ärgern sich blau und rot

Text von Matthias Strasser | Bilder von Thomas Hodel
Nach der Berner Niederlage in der Meisterschaft ist die Enttäuschung gross. Langsam sind die YB-Fans allerdings geübt im Umgang mit Niederlagen. Eine Analyse der Fehler, die gemacht wurden, der Probleme mit denen die Mannschaft zu kämpfen hatte und der Zukunft, mit der sie liebäugeln darf.
Am Ende blieb für Seydou Doumbia und seine Mannschaft nur die grosse Enttäuschung. Im Endspiel gegen Basel vermochten einzig die YB-Fans zu überzeugen.
Bild: Thomas Hodel

Katzenjammer in Bern. Während 31 von 36 Runden führten die Berner Young Boys die Tabelle an. Und dann das: Nach der total misslungenen Finalissima (0:2 gegen den FC Basel) beenden die Berner Young Boys die Saison zum dritten Mal in Folge „nur“ auf dem zweiten Platz. Bereits zum zweiten Mal haben sie die Meisterschaft im letzten und entscheidenden Spiel verloren oder „veryoungboyst“, wie die „Berner Zeitung“ schreibt. Ebenfalls bereits zum zweiten Mal an Basel. Grund genug, damit viele YB-Fans eher schwarz als gelb sehen. Vor dem Stadion singen sie nun: „Nie Schweizer Meister! Wir werden nie Schweizer Meister!“.

 

Grosse Enttäuschung

Es ist eine besondere Form von Masochismus, welchen die YB-Fans Jahr für Jahr, Spiel für Spiel praktizieren. Und dennoch: Abhalten lassen sie sich vom Matchbesuch nicht. So oft schon war YB in den letzten Jahren kurz davor einen Titel zu gewinnen. Ebenso oft hat es die Chance verspielt. Mehr als die OBI Cup Trophäe hat YB im Palmares der letzten Jahre nicht vorzuweisen. Allerdings gewinnt man in Bern den Eindruck, als würde man sich Jahr für Jahr ein bisschen weniger ärgern. Beängstigend die Ruhe, mit welcher die Fans in der Woche nach dem Spiel das Erlebte schildern. Der Schal mit der Aufschrift „Irgendeinisch fingt ds Glück eim“ macht deutlich, dass die Berner seit 26 Jahren auf den Gewinn der Meisterschaft warten. Viele glauben tatsächlich daran, dass es irgendwann klappen muss. Stellt sich bloss die Frage: Wann?

 

Grosse Fragezeichen

Die Verantwortlichen des BSC YB suchen derweil nach den Gründen für das enttäuschende Abschneiden. CEO Stefan Niedermeier gab in einem Interview mit dem „Bund“ zu bedenken, dass der Abwärtstrend in der Formkurve bereits im November mit der Knieverletzung von Marco Schneuwly seinen Anfang nahm. Dies sei der „erste Riss im vorher so schönen Bild“ gewesen. Danach folgten der Reihe nach das Aus im Cup gegen Lausanne, der unschöne Abgang von Abwehrchef Saif Ghezal und die Diskussionen um die Wechsel von Yapi und Doumbia. Ausserdem haben die Berner in der Rückrunde mit vielen verletzungsbedingten Ausfällen leben müssen. YB hat also, obgleich der FC Basel das letzte Spiel absolut diskussionslos gewinnen konnte, den Titel nicht nur im letzten Spiel verloren.

 

Ein weiterer Grund für das abermalige Scheitern YB’s ist im Kalender der Liga zu suchen. Die Liga versucht zwar mit den sogenannten Finalissimas „Spannung bis zum Schluss“ zu garantieren. Ex-YB-Stürmer Thomas Häberli gab aber zu Bedenken, dass „die Meisterschaft damit auf ein einziges Cupspiel reduziert“ werde. Also auch zu einem Spiel um die besseren Nerven. Nervenstärke kann man auch als sportlichen Faktor sehen, allerdings ist es das Konzept der Meisterschaft, dass am Ende jene Mannschaft gewinnt, die über 36 Runden besser war. Das muss nicht zwingend jene sein, die das letzte Spiel gewinnt.

 

Grosse Umstellungen

Bleibt die Frage, wie es weitergeht. Als Zweitplatzierter ist YB berechtigt, an den Qualifikationsspielen zur Uefa Champions League der nächsten Saison teilzunehmen. Mögliche Gegner sind Ajax Asterdam und Fenerbahce Istanbul. Gewinnt YB diese Spiele, wird es vermutlich Mannschaften wie Werder Bremen oder dem FC Sevilla gegenüberstehen.

 

Um gegen solche Gegner bestehen zu können, muss YB vor allem die Leistungsdichte im Team weiterpflegen. Ohne den einen oder anderen Transfer wird dies nicht möglich sein. Fest steht, dass Doumbias Nachfolger in grosse Fussstapfen treten. Einer dieser Nachfolger ist Senad Lulic. Der vom GC Zürich kommende Offensivspieler gilt als vielseitig einsetzbar und ist deshalb auch YB-Trainer Vladimir Petkovics Wunschkandidat. Weiter hat sich der BSC YB die Dienste von Ammar Jemal gesichert. Der 23-jährige tunesische Nationalspieler soll ebenso wie der Ex-Internationale Christoph Spycher in der Defensive für den notwendigen Rückhalt und die Routine sorgen. Ferner bemüht sich YB um die Dienste von St. Gallens Moreno Costanzo.

 

Gemäss Petkovic fehlte YB eine Leaderfigur, ein agressives Element auf dem Platz. Ausserem habe es der Mannschaft an „Überzeugung gefehlt“. Dieses Problem will man nun mit dem Sportpsychologen Jörg Wetzel – er hat bereits die Spieler des SC Bern mental fit getrimmt – verstärkt angehen. Ihm zufolge stecke bei den Bernern vor allem noch im mentalen Bereich viel Potential. Die spielerische Klasse, die Kondition und die taktischen Fähigkeiten besitzt YB zweifellos. Womit die Berner zu kämpfen haben, ist das Verliererimage.

 

Die prominenten Abgänge werden grosse Lücken in die Mannschaft reissen, weshalb die nächste Saison bestimmt nicht einfacher als die letzte wird. Was jedoch bisher vom neuen Kader bekannt ist, macht einen vielversprechenden Eindruck. Trainingsstart ist der zehnte Juni. Die YB-Spieler reisen zum Trainingslager in die Nähe von Rimini, um sich auf die neue Saison vorzubereiten. Und im August beginnt die Meisterschaft. Dann heisst es: Auf ein Neues. Oder wie die YB-Fans sagen würden: „Irgendeinisch fingt ds Glück eim!“