Gesellschaft | 10.05.2010

Der Klimagipfel von Cochabamba

Text von Corina Fuhrer | Bilder von Tobias Pulver
Vom 19. bis 22. April 2010 fand in Cochabamba, Bolivien, die erste internationale Konferenz über den Klimawandel statt, die fürs Volk offen zugänglich war. Eine gute Idee, jedoch mit weit weniger Echo aus aller Welt als erhofft.
Ein an der Konferenz erarbeitetes Kernziel ist die Halbierung der CO2-Emissionen bis 2050. Strasse in Cochabamba, Bolivien.
Bild: Tobias Pulver

Vor dem Kolosseum in Tiquipaya hat sich bereits eine Menschenschlange gebildet, die sich über mehrere Häuserblocks erstreckt. Hier soll ich mich anstellen? Falls ich mir Zugang zu den Veranstaltungen des internationalen Klimagipfels in Cochabamba verschaffen will, dann ja. Na gut. Drei volle Stunden kostet mich die Warterei schliesslich, um an einen der zwar kostenlosen, aber heissbegehrten Pässe zu kommen. Von jedem einzelnen Besucher werden persönliche Angaben wie Namen, Nationalität und Alter erfasst. Am Ende der Prozedur erhalte ich einen einfachen Papierfetzen mit Strichcode, welcher später bei jedem Einlass erfasst wird.

„Das System verändern“

Tags darauf besuche ich die Eröffnungsfeier, welche im Freien stattfindet. Je näher ich dem Austragungsort komme, desto stärker werde ich vom herannahenden Volk erfasst, und schliesslich inmitten einer bunten Flutwelle aus Nationalflaggen, Menschen und durcheinanderwirbelnden Rufen und Gesängen ins Stadion gespült.

Einmal angekommen und die Orientierung wiedergefunden, setze ich mich etwas abseits in den Schatten und beobachte das wirre Geschehen erstmal aus sicherer Distanz. Die Polizei steht an allen Ecken und Enden, während Umweltaktivsten zur dröhnenden Panflötenmusik das Tanzbein schwingen. Überall hängen offizielle Transparente mit der Aufschrift: „Das System, nicht das Klima verändern“. Viele der extra Angerreisten schützen sich mit Regenschirmen, welche direkt vor Ort lautstark zum Kauf angeboten werden, vor der stechenden Sonne. Über Cochabamba hat sich das Ozonloch bereits so weit ausgebreitet, dass einem – zum Schutz vor der durchdringenden UV-Strahlung – lange Kleidung empfohlen wird. Bei dieser Hitze nicht sehr angenehm, wie auch ich seit meiner Ankunft in Cochabamba vor zwei Wochen unlängst festgestellt habe.


Auftritt Evo Morales

Nun beginnt der offizielle Festakt. Einheimische Musikgruppen treten auf und von allen fünf Kontinenten sind Vertreter präsent, welche eine kurze Ansprache halten. Die Frustration über den Minimalkonsens von Kopenhagen sitzt tief. So wird die UNO-Delegierte vom Publikum unaufhörlich ausgepfiffen. Gleichzeitig vergessen die anwesenden Befürworter der Linken aber, dass auch ihre Regierung verbindliche Zugeständnisse verweigert hat. Dafür machte Boliviens Staatsoberhaupt Evo Morales an der Klimakonferenz vom vergangenen Dezember in Kopenhagen die Industriestaaten für den Klimawandel verantwortlich und forderte deren Begleichung dieser „Schuld“.

Massenweise indigene Zuhörer sind angereist, um später den Worten „ihres“ Präsidenten zu lauschen. Über eine gewaltige Leinwand können wir mitverfolgen, wie Morales in einem teuren Offroader vorgefahren und von mehreren schwer bewaffneten Securitymännern auf die Bühne geleitet wird. Morales tritt ans Mikrofon und beginnt zu sprechen. Er singt eine Lobeshymne auf die „Mutter Erde“, auch „Pachamama“ genannt, deren Ressourcen, und was die indigenen Völker daraus fertigen: Umweltfreundliches Tongeschirr und handgestrickte Ponchos, welche jedem Wetter standhalten. Dann folgt eine Hasstirade auf Plastikbecher, Coca Cola, und den Kapitalismus, welcher der hier vorherrschenden Meinung nach unser Klimadesaster herbeigeführt hat. Zum Schluss landet der Staatschef mit seiner Aussage, von gentransformiertem Huhn werde „Mann“ homosexuell, einen gehörigen Fehltritt. Im ersten Moment hat er die Lacher auf seiner Seite, später aber soll genau dieser eine groteske Satz der Grund für das Fehlen mehrerer ausländischer Präsidenten bei der Abschlussfeier sein.

Eine ernüchternde Bilanz

Der Kongress von Cochamamba dauert insgesamt drei Tage. Im weiteren Verlauf klären Klimaforscher und Experten über die Risiken und Auswirkungen des Klimawandels auf. Solche Informationsveranstaltungen zur Sensibilisierung der Bevölkerung finden parallel zu 17 geschlossenen Arbeitsgruppen statt. Aus diesen resultiert am Ende ein Dokument, welches zwar wiederum gute Ansätze enthält, jedoch keine konkreten Lösungsvorschläge. Laut dem globalisierungskritischen Netzwerk Attac gehören zu den Kernforderungen von Cochabamba „die Reduzierung der Emission der größten Verschmutzerstaaten um 50 Prozent bis zum Jahr 2020, die Einrichtung eines internationalen Klimagerechtigkeitstribunals sowie die Verwirklichung eines globalen Referendums über eine Änderung der Wirtschaftsordnung“.

Die Organisation des Anlasses lässt manchmal sehr zu wünschen übrig. So funktionieren die Übersetzungen ins Englische nur, falls es der Zufall so will, die Informationbroschüren gehen gleich am ersten Tag aus und dass eine bestimmte Veranstaltung nicht zugänglich ist für einfache Teilnehmer wie mich, erfahre ich erst, nachdem ich eine halbe Stunde da hinmarschiert bin.  

Interesse der Medien ist gering

Hauptsächlich soll die erste Konferenz fürs Volk dieses aufklären, mitreden und bei der Lösungssuche mithelfen lassen. Der Anlass dient zudem als Vorbereitung für die Vertragsstaatenkonferenz in Mexiko City Ende November 2010. Und sie soll die kopenhagsche Enttäuschung etwas mildern. Die erhoffte Beachtung internationaler Medien bleibt aber fast völlig aus. Nur der Satz zum Huhnkonsum taucht vereinzelt in den Nachrichten auf. Schade, denn die Idee hinter dem Event, nämlich Aufmerksamkeit auf das leise aber verhängnisvolle Geschehen rund ums Klima zu lenken, hätte Unterstützung verdient. Jedoch stellt sich die Frage, ob die Regierung in einem der ärmsten Länder der Welt das Geld nicht besser für dringendere Zwecke, wie den Kampf gegen die Armut, einsetzten würde.

An der Abschlussfeier im Fussballstadion von Cochabamba tanzen Truppen aus allen Ecken Boliviens. Sie bilden mit ihrem fröhlichen Umzug ein schönes Bild, welches die drei spannenden Tage abschliesst.

Mit Sozialismus gegen den Klimawandel


Wie die Presseagentur sda berichtet, sprach Morales im April bei der Eröffnung des alternativen Klimagipfels von Chochabamba vor 23’000 Teilnehmern aus 130 Ländern, darunter Vertretern sozialer Bewegungen, indigener Völker und bekannte Intellektuelle und Umweltschützer. Man wollte laut Morales gemeinsame Ziele festlegen für den nächsten Weltklimagipfel, der diesen Dezember in Mexiko stattfindet.

Der linksgerichtete Evo Morales ist seit 2005 das erste indigene Staatsoberhaupt von Bolivien. Vergangenen Dezember ist der Führer der sozialistischen bolivianischen Partei Movimiento al Socialismo (MAS) mit überragender Mehrheit wieder ins Amt gewählt worden. MAS ist mit einer Zweidrittel-Mehrheit die stärkste Partei im Parlament. Im Zuge von Morales Politik der Verstaatlichung öffentlicher Versorgungsunternehmen verstaatlichte Morales am 1. Mai weitere Energiekonzerne.


Die Autorin


Corina Fuhrer (19) aus Bern berichtet auf Tink.ch von ihrer Reise durch Südamerika.