Gesellschaft | 17.05.2010

Biogarten im Hochhausdschungel

Text von Céline Graf | Bilder von Céline Graf
Bio ist in: In einem Garten im Westen von Bern kultivieren Frauen und Kinder Kräuter, Gemüse und Blumen ohne chemischen Dünger oder Schneckenkorn. Dafür mit viel Geduld.
Friederike Kronbach-Haas und Mokaddes Töre leiten das Gartenprojekt, das aus einer Kochgruppe entstanden ist.
Bild: Céline Graf

Die Hochhäuser von Bern West ragen in den grau verhangenen Himmel. Am Waldrand glänzen eine Handvoll Obstbäume nass vom Regen; ihr Blütenduft durchdringt die feuchte, schwere Luft. Es hat aufgehört zu nieseln. Fast unwirklich leuchtet das dunkelgrüne Weizenfeld, das sich neben einem Wald erstreckt. Nichts ausser Vogelgezwitscher ist zu hören an diesem Sonntag. Oder doch: Ein Harken, ein Scharren, Stimmen dringen aus dem kleinen Garten am Fusse des Feldes.  

„Familiengarten Haus der Religionen“ steht auf einem laminierten Schild am Gartentor. Zwei Frauen säen gerade Karottensamen in eines der schmalen Beete der ungefähr 80 Quadratmeter grossen Parzelle. Am Wegrand steht ein Kompost. Ein paar Schnecken schauen den Frauen bei der Arbeit zu. „Wir streuen kein Schneckenkorn, sondern sammeln die Schnecken ein und setzen sie im Feld aus“, sagt die eine Frau, die einen bunten Strickpullover trägt und um ihre kurzen Haare ein blaues Tuch. Friederike Kronbach-Haas vom „Haus der Religionen“ in Bern leitet den Gemeinschaftsgarten in Bern Brünnen.

Beim Gärtnern Deutsch üben – und Gelassenheit

Seit einem Jahr gibt es dieses interkulturelle Gartenprojekt (siehe Link), das aus der Kochgruppe des „Haus der Religionen“ entstanden ist. Die Idee: Frauen aus verschiedenen Kulturen durch die Arbeit im Garten zusammenbringen. Grösstenteils sind es Immigrantinnen, die beim Gärtnern ihre Deutschkenntnisse praktizieren können. Sie lernen auch, welches Gewächs wann Saison hat in der Schweiz. Denn in den Heimatländern der Teilnehmerinnen, in Äthiopien, Sri Lanka, Indien, Indonesien, im Irak, in der Türkei hat das Gemüse andere Saisonzyklen als in der Schweiz. „Umgekehrt wissen zum Beispiel die Tamilinnen besser Bescheid als die Schweizerinnen, wie man Peperoni anpflanzt“, sagt Kronbach-Haas. Peperoni, Zwiebeln, Kräuter, Knoblauch, Erdbeeren, Lauch, Spinat: Ein Teil des geernteten Gemüses landet auf den Tellern im Restaurant des „Haus der Religionen“. Das aus der Garten- und Küchenarbeit erwirtschaftete Geld fliesst in soziale Aktivitäten mit der Gartengruppe. Für Infrastruktur, Saatgut und Werkzeuge kommt eine Stiftung auf.

In Mokkades Töres Beet gedeihen Zwiebeln, Lauch und Salat. Die Gurken sind indessen den Schnecken zum Opfer gefallen. „In der Natur kann man nur zusammenleben, wenn jeder eine Chance hat“, erklärt Friederike Kronbach-Haas. Geht man hier nicht allzu nachsichtig um mit den Schnecken? Kronbach-Haas findet das nicht, „ausserdem“, fällt ihr ein, „sammeln die Kinder liebend gerne Schnecken“. Die Kinder, damit meint Kronbach-Haas Kinder von Frauen aus dem „Haus der Religionen“ und Kinder aus Kindertagesstätten aus dem Quartier, die ab und an im Garten spielen und mithelfen kommen. Erst gestern hätten sie zusammen Kartoffeln gesät, sagt Kronbach-Haas und lacht herzlich, wie so oft, wenn sie vom gemeinsamen Gärtnern spricht: „Die Gelassenheit, die die Gartenarbeit mit sich bringt, tut allen gut.“

Mein-Gärtchen-ist-mein-Gärtchen

Während die Zusammenarbeit mit den Kitas funktioniert, will der Kontakt zu Nachbarn und Quartierbewohnern noch nicht so recht klappen. Kaum jemand aus den umliegenden Quartieren Brünnen, Gäbelbach oder Holenacker würde ihren Einladungen zu offenen Veranstaltungen im Garten folgen, bedauert Kronbach-Haas. Auch diesen Satz schliesst sie mit einem Lachen, das allerdings zögerlicher ausfällt. Sie stelle eine gewisse Zurückhaltung fest, sagt sie, die „Mein-Gärtchen-ist-dein-Gärtchen“-Philosophie mancher Kulturen sei hier manchmal eher „ein Schritt in andere Gärten hinein“: „Dass man in der Schweiz zuerst fragt, bevor man Werkzeug benutzt, das jemandem gehört, oder dass man anruft, bevor man vorbeikommt, das habe auch ich als Deutsche zuerst lernen müssen.“

In den nächsten Tagen wird das Gartenprojekt auf Parzellen im Brünnenpark ausgeweitet, der Anfang Mai eröffnet wurde. Dort, so Friederike Kronbach-Haas, habe dann jede Frau auch „ihr eigenes Gärtchen“, um Gemüse für sich und ihre Familie anzupflanzen. Gemeinsam werde man aber weiterhin Tee, Kräuter und Blumen kultivieren. Dann klopft sie sich an den Jeans die Erde von den Händen. Als sie schon fast am Gartentor ist, kommentiert sie noch lachend das Vogelgezwitscher, das ungebrochen aus Richtung der Obstbäume zu vernehmen ist: „Hoffentlich fressen die für uns ein paar Schnecken“.

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