Kultur | 25.05.2010

Bandmitglied aus Mangel an Sex?

Text von Audrey Djouady | Bilder von Audrey Djouady
Auch wenn sie kaum in den Hitparaden auftauchen: Junge Schweizer Bands gibt es zuhauf. Es bleibt die Frage, weshalb sich so viele junge Männer in ein Metier stürzen, dass ihnen höchstwahrscheinlioch niemals Geld einbringen wird.
Unsere Autorin bringt Licht ins Dunkel: Weshalb gibt es so viele junge Schweizer Bands?
Bild: Audrey Djouady

Seit Jahren beschäftigt die Damenwelt eine Frage, ein bisher ungelöstes Mysterium: Wieso sind junge Männer zwischen zwölf und 25 Jahren so oft in einer Band? Wie wirkt sich dieses Phänomen auf den Gitarrenkonsum aus? Wo kaufen die ihre ganzen Skinnyjeans und gibt es überhaupt genügend Bandräume?

Naheliegend wäre wohl die Erklärung, dass kaum eine Profession so gut ankommt bei den Frauen wie die des Musikers. Der einsame, verlorene Poet, der durch seine Gitarre ausdrückt, was er sonst nicht sagen kann. Das und eine Prise Strubelhaare und ein leicht verschlafener Blick bringen die weibliche Unterwäsche zum Fliegen.

Faule Frauenhelden

Doch die Wurzeln müssen tiefer liegen. Denn auch Ärzte und Architekten liegen im “Heisser Typ”-Ranking ganz weit oben. Zugegebenermassen verlangt mindestens eines dieser Metiers ein höheres Mass an Intellekt und Hartnäckigkeit. Zwischenzeitliches Fazit: Musiker sind eher zur Faulheit tendierende Frauenhelden. Ausnahmen bestätigen hierbei selbstverständlich die Regel.

Doch um zum Thema zurückzukommen: Wo kommen die ganzen Jungmusiker her? Und wo proben sie? Während meinen eingehenden Recherchen deckte ich ein weiteres Geheimnis auf: das Geheimnis des Bandraum-Sharings. Auf diese Weise sparen die Bands nicht nur Platz, sie sind ausserdem in der Lage (wie das Beispiel einer bekannten Baslerband und einer nicht so bekannten Baslerband zeigt), die Gegenspieler zu sabotieren. Im Fall A (Baslerband 1 vs. Baslerband 2) lief das folgendermassen ab: Nachdem die Baslerband 2, welche ihren Bandraumkollegen Baslerband 1 den Erfolg nicht gönnen, fertig geprobt hatten, liessen sie klangheimlich das Drumkit der Baslerband 1 verschwinden. Ein anderes Mal wurde geschickt der Verstärker umgeschaltet, so dass Baslerband 1 beinahe einen Hörsturz erlebt hätte.

Der Kampf gegen die eigene Schüchternheit

Wir sehen also, dass das breite Angebot an Schweizerjungmusikern auch Neid und Missgunst untereinander fördert. Strapaziert sich die Situation weiter? Gibt es bald einen Zentralschweiz- Westschweiz-Kampf? (Verweis auf die Situation in Amerika: Eastcoast vs. Westcoast-Beef).

Doch hinter diesem Sachverhalt steckt womöglich ein tiefpsychologischer Grund: Versuchen Jungs, die einer Band beitreten, ihre Schüchternheit und Introvertiertheit zu überspielen? Bekämpfen sozusagen Feuer mit Feuer und verordnen sich selbst einer Schocktherapie, indem sie sich auf die Bühne stellen? Sind die rampengeilen Gitarrenhengste eigentlich nur verschüchterte Buben?

Das “viele Jungs haben eine Band”- Syndrom lässt sich selbstverständlich auch auf DJs übertragen, denn auch von diesen gibt es inzwischen so viele wie Sand am Meer. Dieses Rätsel mag viele Schlüssel haben: unbefriedigtes Sexleben, ein Defizit an Selbstbewusstsein oder der Selbstinszenierungsdrang. Vielleicht gibt es aber eine treibende Kraft: Die Liebe zur Musik.

Oder wie es die US-amerikanische Band Reel Big Fish einst sang: “Don’t start a band because you won’t get paid or won’t get laid.”