Kultur | 12.04.2010

„Wir sind unserer Zeit voraus – das nervt“

Text von Audrey Djouadi
These New Puritans ist eine Band mit besonderen Begabungen: So wissen sie zum Beispiel, wie man das Geräusch eines zerplatzenden Kopfes imitieren kann - zu hören auf ihrem neuen Album.
George Barnett (links): "Eigentlich find ich es sogar ziemlich cool, dass wir so futuristisch sind."

Euer neues Album „Hidden“ hört sich anders an als das erste. Wie hat sich eure Musik verändert?

George Barnett: Es ist viel besser. Wir hatten mehr Ideen und es ist mehr das, was wir eigentlich sind. „Hidden“ ist so, wie unser Debütalbum hätte sein sollen.

Wollt ihr euren Sound noch weiterentwickeln?

Eigentlich ändert sich das jeden Monat. Wir suchen ständig neue Ideen. Wie beim Song „Fire-Power“, wo es eine Stelle gibt, an der es klingt, als ob ein Kopf zerschmettert würde.

Wie habt ihr das angestellt?

Wir haben eine Wassermelone genommen und Crackers daraufgetan. Und das Ganze haben wir dann mit einem Hammer zerschlagen. Das machen sie beim Film auch so. Wir wollten das zweite Album wie einen Filmsoundtrack gestalten.Wir haben auch andere Techniken genutzt, zum Beispiel um Pistolenschüsse nachzuahmen. Es klingt echt realistisch, wenn man Nägel gegen das Mikrophon wirft. You know, like schiuuu. (simuliert einen Pistolenschuss).

Und wie seid ihr darauf gekommen?

Ich weiss nicht, wir haben einfach darüber gelesen und weil man so viel in einem Studio machen kann, wollten wir’s einfach einmal ausprobieren.

Liest du viel?

Ja, zum Beispiel Michel Houellebecq (Anm.d.Red: frz. Schriftsteller). Das ist mein Lieblingsautor, er ist einfach sehr gut.

Hast du auch „On The Road“ von Kerouac gelesen? (Anm.d.Red. On The Road gilt is heute als eines der wichtigsten Bücher der Beatnickzeit und inspirierte Unmengen von Musikern eine Band zu gründen)

Nein. Ich finde irgendwie, dass wenn viele Leute etwas tun, wird es viel unpersönlicher. Wenn alle was anfassen, ist’s irgendwie nicht mehr persönlich.

Heisst das, dass du prinzipiell gegen alles bist, was viele Menschen gut finden?

Es ist nicht so, als ob ich das bewusst so mache. Es ist einfach meine Persönlichkeit. Vielleicht les‘ ich’s ja eines Tages, aber bis jetzt hab ich’s noch nicht gelesen. Vielleicht hör ich mir irgendwann auch andere Musik an.

Oscar Wilde hat mal gesagt, dass jeder grossartige Künstler entweder seiner Zeit vorrausgeht oder ihr hinterherhinkt. Stimmst du dem zu?

Ja, absolut. Ich denke, wir sind unserer Zeit sehr voraus. Das nervt ein bisschen.

Warum nervt das?

Weisst du, wir wollten nie in den Charts sein oder so. Nein, eigentlich nervt es nicht. Eigentlich find ich’s sogar ziemlich cool, dass wir so futuristisch sind!

Ihr habt 2007 für die Dior Homme Show einen Soundtrack gemacht, inwiefern hängen Musik und Mode zusammen?

Also, ich weiss nicht genau wie das zusammenhängt. Aber für mich persönlich sind sich die zwei Sachen ziemlich ähnlich, ich weiss nicht wie das für Jack (Jack Barnett, der Zwillingsbruder von George) ist, aber ich bin in beides involviert.

Und zwar?

Ich geh ab und zu gerne mal an eine Schau. Und die Sache mit Dior kam zu einem guten Zeitpunkt. Es war sehr prägend. Es war sogar prägender als in Southend-On-Sea auzuwachsen. Es war etwas komplett anderes als das, was diese anderen Shitbands so machen. Wir haben da irgendwie verstanden, dass Ideen realisierbar sind, we can make things happen. So ein 15-minütiger Song, das hat uns extrem gefordert. Es war einfach wirklich gut!

Du bist ja in Southend-On-Sea in England aufgewachsen. Würdest du sagen, es sei ein Vorteil, eine britische Band zu sein, oder eher ein Nachteil?

Es kommen ja Tausende von Bands aus England und da steckt man schnell mal alle in die Indie-Schublade. Ja, so viele von denen klingen so ähnlich. Dieser Sixties Retro Stil. Ich hör nicht viel Musik, ich weiss nicht wirklich, was grad abgeht. Extrem viele Bands nehmen einfach irgendwie vier Alben, die sie mögen, und mischen das Ganze dann zusammen. Etwas neu! (Anm.d.Red.: dt. Krautrockband), etwas aus den Sechzigern, irgendeine Gitarrenband und was weiss ich. Es macht in meinen Augen keinen Sinn, etwas zu machen das schon mal da war.

Aber ist das nicht sehr anstrengend, immer etwas zu finden, dass noch nie da war?

Nein, warum sollte jemand immer das Gleiche machen wollen£?

Und woher nimmst du die Inspiration?

Von ganz bestimmten Sachen, wie zum Beispiel einem gewissen Drumsound.

Wie ist das eigentlich mit Jack? Er ist ja dein Zwillingsbruder, beeinflusst das die Musik?

Ja, und es ist wirklich sehr gut. Als wir mit TNP angefangen haben, wussten wir nicht wirklich, in welche Richtung wir damit schlagen wollten. Das Album hätte auch ein Sammelsurium von zwölf verschiedenen Dingen sein können. Aber dadurch, dass man so ein nahes Familienmitglied dabei hat, passt es irgendwie zusammen. Man muss nicht höflich sein.

Seid ihr euch auch mal uneinig?

Das kommt nicht oft vor, wir streiten nie.

Ich seh schon, ihr seid nette Jungs.

Ja, ich liebe auch meine Grossmutter über alles. Sie ist die wichtigste Person in meinem Leben.


Was macht eure Beziehung so speziell?

Ich weiss nicht, sie sieht ein bisschen aus wie ich. Aber nicht auf eine maskuline Art. Es ist einfach sehr beruhigend, sie zu haben.

Hört sie auch eure Musik?

Ich hab ihr die Cd’s gegeben, ich hoffe sie hat sie sich auch angehört.


Das hat sie bestimmt! Danke für das Interview.

Ich danke dir, es war wirklich toll. Ich konnte über meine Grossmutter reden.

Mit George Barnett sprach Audrey Djouadi am M4–Music–Festival

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