Gesellschaft | 19.04.2010

Von Uniformen und fluglosen Stewardessen

Text von Anonym
Nach einer Zugfahrt, die eineinhalb Nächte und einen Tag dauert, sowie um eine Versicherung und ein halbes Huhn reicher beginnt das Abenteuer Belarus.
Nach einer turbulenten Nacht wird die Reise bei Frühlingswetter fortgesetzt. Fotos: zVg Hier am Bahnhof Basel hat das Abenteuer Belarus begonnen. Mit gelben Wagenhebern... ...wird der Zug in die Höhe gehievt.

Das Abenteuer beginnt in Basel, abends um sechs Uhr. Nein, eigentlich schon etwas früher, denn erst muss ich ja noch meinen Zug und meinen Waggon finden. Wobei letzteres nicht sonderlich schwer ist, denn der Zug besteht nur aus deren vier. Die zwei vorderen fahren nach Kopenhagen, der dritte fährt nach Moskau und der hinterste, schönste und blauste von allen ist meiner. Der fährt nach Minsk. Die Zugbegleiterinnen begrüssen mich mit ex-sowjetischer Freundlichkeit – und das auf Russisch, was meine Abschiedstruppe schon mal beeindruckt.

 

Nach einer rumpligen, aber doch erholsamen Nacht geniesse ich eine wunderbare Reise bei Frühlingswetter. Ich bin immer noch allein im Abteil, und manchmal hab ich das Gefühl, ich sei allein im ganzen Waggon. Nur das fröhliche, von Sowjetkomödien entlockte Lachen einer Belarussin im Abteil neben mir und vereinzeltes Gegröle einiger deutschen Jungs zeugen von weiterem Leben in diesem Waggon. Doch die Jungs steigen in Warschau aus, und alles ist wieder friedlich.

 

An der Grenze

Durch das verschneite Polen fahren wir an die belarussische Grenze. An der Grenze wird mein Pass von der einen Uniform kontrolliert, dann von der andern. Schliesslich will eine Pelzmütze in meinen Koffer schauen und zuletzt kommt die Versicherungsvertreterin. Ja, eine Versicherungsvertreterin. Sie sieht aus wie eine Stewardess einer Fluggesellschaft mit eher klassischer bis fast altmodischer Uniform. Aber an der Versicherungsvertretermappe und am fehlenden Flugzeug kann man sie ohne weiteres als Versicherungsvertreterin erkennen. Schnell und bestimmt erklärt sie mir, warum ich unbedingt eine Versicherung brauche, doch ich verstehe kein Wort. Da ich aber auf dem Budget für “Jugend in Aktion” gesehen habe, dass ein gewisser Betrag für die Versicherung Belgostrax vorgesehen ist, und weil auf ihrem Vertreterköfferchen ein Schildchen mit ebendiesem Wort prangt, glaube ich ihr und kaufe eine Versicherung. Man gönnt sich ja sonst nix. Später stellt sich übrigens heraus, dass ich tatsächlich so ein Ding brauche. Denn ohne belarussische Krankenversicherung keine Registration und ohne Registration Busse.

 

Das Huhn reist mit

Nachdem mir sämtliche offiziellen Besuche abgestattet worden sind, darf ich den Waggon wechseln.

In meinem neuen Zuhause für die nächsten sechs Stunden werde ich sofort von fliegenden Händlern und Händlerinnen hofiert, von denen eine so geschickt ist, dass ich ihr aus lauter guter Laune sogar ein halbes Huhn abkaufe. Beeindruckt schauen das Huhn und ich zu, wie der Zugwagen neben uns von riesigen gelben Wagenhebern in die Höhe gehievt wird. Dann gehen in ehemals orange aber inzwischen ausgebleichten Leuchtwesten gekleidete Männer mit Vorschlaghämmern und anderem, kleinerem Werkzeug auf die Räder los, und dann werden wir in die Höhe gehoben. In Brest ist die Grenze zwischen Ost und West, zwischen Normalspur (1435 mm) und Spurweite 1524 mm. 89 mm – und alles wird anders. Zumindest für die Räder an der Eisenbahn.

 

Das wirkliche Abenteuer beginnt erst

Eine Nacht, ein Tag und eine halbe Nacht nachdem mein Abenteuer in Basel angefangen hat, steige ich in Minsk aus. Nikolaj vom SCI Belarus holt mich und meine gefühlten 300 Kilo Gepäck glücklicherweise direkt vom Zug ab und bringt mich in die Wohnung, in der ich für die nächsten sechs Monate leben werde. Ich bin glücklich, wieder Boden unter den Füssen zu haben, der nicht ständig ruckelt – auch wenn ich meine Zugfahrt sehr genossen habe. Nur habe ich jetzt irgendwie das Gefühl, das wirkliche Abenteuer habe noch gar nicht begonnen.

 

 

Infos zur Autorin


Die Autorin lebt und arbeitet für sechs Monate in Minsk, Belarus. Sie arbeitet als Langzeitfreiwillige im EVS (European Volunteer Service) bei einer regierungsunabhängigen Organisation für blinde Jugendliche. Dieses Projekt konnte ermöglicht werden durch die Zusammenarbeit des SCI Schweiz und der New Group SCI Belarus und dank der Finanzierung durch Jugend in Aktion.

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