Sport | 26.04.2010

Vom Riesenvorsprung zum Kopf-an-Kopf-Rennen

Nach einem Blitzstart lagen die Berner Young Boys lange Zeit vorne im Kampf um den Meistertitel. Kurz vor Schluss konnte der FC Basel jedoch aufschliessen, der Ausgang der Meisterschaft ist wieder offen. Ein kurzer Rückblick und einige Gründe, warum es die Berner trotzdem schaffen werden.
Seit dem 4:1 Sieg gegen Xamax Neuchâtel führt YB die Tabelle mit drei Punkten an. Vier Spiele stehen noch an. Im
Bild: Seydou Doumbia. Foto: Thomas Hodel

“YB gewinnt beim FC Basel!”: Mancher YB-Fan würde sich eine solche Schlagzeile wünschen nach beendeter Meisterschaft. Und dann etwa: “Ein Tor von Christian Schneuwly entschied das Spiel in der Nachspielzeit (91.). Frei hatte den FC Basel bereits kurz nach dem Anpfiff in Führung gebracht (7.), Doumbia gelang der Ausgleich per Hechtkopfball (74.).”

Guter Start, harzige Rückrunde

“Das kommt mir bekannt vor”, wird sich jetzt mancher YB-Fan denken – die Zeilen sind auf der Internetseite des BSC YB nachzulesen. Es handelt sich um eine Kurzversion des Berichtes über das Basel-Spiel vom vergangenen Herbst. Die Berner gewannen damals auswärts im “Joggeli” zwar knapp, aber verdient. Es war jene Phase der Meisterschaft, in der YB eine Liga höher spielte als die restlichen Schweizer Vereine. Die Young Boys starteten ausgezeichnet in die Meisterschaft und als YB in der Tabelle dreizehn Punkte Vorsprung erspielte, glaubten nicht mehr nur die YB-Fans an den Meistertitel.

Erstaunlicherweise fiel YB der Start in die Rückrunde jedoch schwer. Die Basler demütigten die Young Boys zu Hause im St. Jakobspark gleich mit vier zu null. Und in der Rückrunde kamen jene verhängnisvollen Partien gegen Xamax Neuchâtel und den Grasshoppers Club Zürich, welche beide verloren gingen.

Der Vorsprung vor dem Spiel in Sion betrug noch drei Punkte, was bedeutete, dass Basel wieder aus eigener Kraft Meister werden konnte. Die erhoffte Reaktion blieb jedoch aus. Zwar starteten die Berner ausgezeichnet in die Partie und besassen in den ersten Minuten einige hochkarätige Chancen. Sion war jedoch effizienter und schoss die Tore. Das Verdikt von vier zu eins mag etwas hart erscheinen, aber wie eine alte Fussballerregel besagt: Wer die Tore vorne nicht macht, kassiert sie hinten. Hätten die Berner ihre Tore zu Beginn erzielt, wäre das Spiel vielleicht anders ausgegangen. Hätte. Wäre. Den Konjunktiv bemühen Verlierer.

Zum Sieg braucht es Tore

Klar ist: Der Plan von YB-Trainer Vladimir Petkovic, die Meisterschaft früh zu entscheiden, ist in weite Ferne gerückt und Thorsten Fink, der Trainer des FC Basel sieht nun alle psychologischen Vorteile auf der Seite der Basler. Petkovic hingegen breitet seine schützende Hand aus und redet die Leistung seiner Mannschaft vor den Fernsehkameras schön: “Wir haben gut gespielt, aber Sion hat die Tore gemacht.”

Nur: Ohne Tore gewinnt man keine Meisterschaft. Nach den Spielen hört man vor dem Stadion Aussagen, wie: “Wenn wir es dieses Jahr nicht schaffen, dann nie mehr.” Diese Anspielung auf die prominenten Abgänge von Gilles Yapi (zu Basel) und Seydou Doumbia (zu Moskau) sind durchaus Ernst zu nehmen. Die Young Boys haben momentan eine teure Mannschaft mit einigen hochkarätigen Einzelspielern, die im Sommer zu anderen Vereinen wechseln werden. Auch sie konnten ihr Potential zuletzt nicht ausschöpfen. Yapi wurde von Petkovic auf die Ersatzbank verbannt – angeblich aufgrund mangelnder Fitness, Doumbia vermochte ebenfalls nicht zu überzeugen.

Die Behauptung, die Young Boys würden nicht eher Meister, als dass der FC Aarau absteige, droht Wirklichkeit zu werden, die Analogie ist frappant. Die “Unabsteigbaren vom Brügglifeld”, wie sich die Aarauer gerne nennen, spielen seit 1981 ununterbrochen in der Nationalliga A, rangierten praktisch die ganze Saison über klar auf dem Abstiegsplatz, liegen jedoch fünf Runden vor Schluss nur noch einen Punkt hinter der AC Bellinzona. Den Bernern fehlt der letzte Siegeswille, der Wille, auch die weniger schönen, “dreckigen” Tore zu markieren. Im Berner Fussballlokal “Mr. Pickwick” fachsimpeln die Fans, dass der BSC YB das schwierigere Restprogramm zu absolvieren habe als der FC Basel.

Endlich ein Meistertitel nach 24 Jahren?

Und trotzdem: Seit 24 Jahren wartet Fussball-Bern auf einen Meistertitel. In dieser Zeit hat der BSC YB alle Höhen und Tiefen des Sports durchlebt. Die Berner stiegen ab, die Zuschauerzahlen sanken um die Jahrtausendwende auf einige Hundert pro Spiel, der Verein war nahe am Konkurs.

Diese Zeiten sind vorbei, die Berner mischen seit einigen Jahren wieder ganz vorne mit im Schweizer Fussballzirkus. YB ist wieder Publikumsmagnet und reif für den Meistertitel. Sie verfügen mit dem pfeilschnellen und dribbelstarken Ivorer Seydou Doumbia über einen Ausnahmefussballer, wie ihn die Schweiz nur selten zu Gesicht bekommt. Im Mittelfeld verteilt Gilles Yapi die Bälle immer noch in Gelbschwarz und im Tor steht ein Marco Wölfli in der Form seines Lebens. Ausserdem haben die Berner Anfang Saison gezeigt, dass sie in der Schweiz keinen Gegner fürchten müssen. Das YB-Motto kann also nur lauten: Jetzt erst recht!