Kultur | 13.04.2010

Notizen einer verrauchten Clubtour

Text von Samanta Siegfried | Bilder von www.bscene.ch
Das Bscene-Festival bietet viel Musik für wenig Geld. Ein Rundgang durch das zweitägige Clubfestival bot interessante Blickfänge und Gespräche - auch mit Künstlern.
Tanzen und Rocken bis zum Morgengrauen: Jedes Jahr am Basler Bscene-Festival.
Bild: www.bscene.ch

Der folgende Bericht zeigt Momentaufnahmen des Basler Clubvestivals Bscene. Er führt durch die verrauchten Clubs, zu den Musikern, den liebenden, singenden und den feiernden Menschen:

21.30 Uhr. Location: Parterre.

Als Auftakt der Singersongwriter Giacun Schmid. Er bietet einen angenehmen Einstieg. Die Zuschauer werden sanft in die noch bevorstehend lange Nacht hineingetragen. Er wirkt etwas nervös, “shaky”, wie er sich selber nennt. Seine warme Stimme berührt. Seine Texte sind nachdenklich. Über Liebe, über Fragen, die das Leben aufwirft. Das Publikum rückt zusammen. Es wird warm, man ist aufgeheizt – vorbereitet, für das, was noch kommen mag.

Giacun-˜s Abschiedslied ist ein Cover. Er wechselt gekonnt von seinem Dialekt Baseldeutsch ins Berndeutsche und singt “Kater” von Büne Huber: “Mängs, wo vo wytem gross usgseht u goudig gläntz mit Schiin, isch vo nöchem agluet, nume trüeb u chly”. Er sei ein Realist, verrät er mir später. Und sein Vater ein Berner. Ziemlich naheliegend also, dass seine Wahl auf diesen Song fiel.

Giacun Schmid ist ein umtriebiger Musiker: Alben, auf denen er spielt, gibt es etwa sechs, ein Album jedoch, von ihm als Solokünstler, noch keines. Geplant ist eines, für kommenden Herbst. Er freue sich sehr – wir uns auch.

Währenddessen es im Parterre mit der Stimme von Andrea Wellard weitergeht, informiert eine Twitterleinwand über die aktuelle Lage: “Das Sudhaus sowie der Alte Zoll sind voll. Keiner wird mehr reingelassen.” Und weiter: “Draussen regnet es in Strömen.”

23.00 Uhr. Location: Rossstall.

Ich fange Tom Swift ab, er wird in einer Stunde die Plattentaufe seines Albums “OrganicGrooves” feiern. Ob er nervös sei? Er winkt ab und lässt sich lässig auf einen Stuhl fallen. Der Halb-Brite ist ein Musiker mit Erfahrung. Zum Beispiel begleitete er den Zürcher Phenomden an den Tasten. Jetzt will er es als Solokünstler versuchen. Was denn nun das Spezielle an seiner Musik sei? “Die Beat Box, die Chöre und eine Talkbox sollen die Musik organisch unterlegen, sodass sie natürlich bleibt und nicht zu elektronisch wird.” Er liebe es, mit seinen Geräten zu spielen, die Stimme mit der Technik zu kombinieren, zu basteln, zu mischen.

Er schaut auf die Uhr und springt auf. Die Zeit schreitet voran – nun sei er doch etwas nervös.

Tom Swift tritt auf die Bühne, bekleidet mit einem weissen Kittel. Seine blonden Locken und die Brille machen das Bild eines nerdigen Tüftlers perfekt. Ein Daniel Düsentrieb, der mit Musik bastelt. Das erste Lied ist noch in Englisch gesungen, dann wagt er es in Schweizerdeutsch. Ein Wagnis deshalb, weil er selbst denkt, wir Schweizer hätten in dieser Hinsicht einen Komplex. Es sei schwierig, mit schweizerdeutscher Musik richtig gut zu sein. Zu kitschig klinge die Heimatsprache für unsere Ohren. Doch das Publikum feiert und singt mit. Seine Lieder sind nicht kitschig, sondern viel mehr politisch.

In der zweiten Hälfte kommt die Band The Scrucialist zu ihm auf die Bühne. Genau wie auf seiner neuen Platte, wo er zur Hälfte alleine, zur anderen mit der Band auftritt. Das wichtigste Ziel dieses Abends hat Tom Swift auf alle Fälle erreicht: Er brachte mit seinem Reggae und den Funk-Beats das Publikum zum Tanzen, Schwitzen und Singen.

01.00 Uhr. Location: Reithalle.

Die Halle ist gut gefüllt – nicht ohne Grund. Einige mögen sogar hauptsächlich wegen ihnen gekommen sein: Warten auf Mañana. Die Basler Band, welche bereits international Erfolge feierte. Den Durchbruch schafften sie mit dem Song “Miss Evening”, der von EA Sports für das Videogame FIFA Football 2005 ausgewählt wurde. Damit wurden sie über Nacht berühmt und sogleich auch nominiert für den amerikanischen Independent Music Award 2007. Das sei in erster Linie ein “geiles Gefühl” gewesen, sagt Jan Krattiger, Gitarrist der Band. Das Tor zu vielen Möglichkeiten.

Mit einer mystischen Show starten die fünf ihren Auftritt und bereits die ersten Takte gehen unter die Haut. Ihre Musik erinnert an Radiohead oder Air. Die Stimme von Sänger Manuel Bürkli hat die gute Mischung aus Kraft und Emotionen. Das Publikum kann sich beim Zuhören in entfernte Welten beamen, tanzend die Beats geniessen und dabei die Augen schliessen.

In dieser Band steckt ohne Zweifel viel Talent, und auch wenn sie noch nicht von ihrer Musik leben können, so braucht es dafür bestimmt nicht mehr viel. Für alle, die ein Gespür für zukünftige Stars haben, ist ihr Debütalbum “Interruptions”  jedenfalls ein Muss und es lohnt sich, die Band im Auge zu behalten.

Die Konzerte sind vorbei, die Nacht aber noch lange nicht. Nun stellt sich jeder die Frage: Wie weiter? Entscheiden muss man sich zwischen OldSchool in der Kupple, ElektroTechno im Nordstern, IndieElektro in der Kaserne oder AstroRokElektro in der NtLounge. Mein Weg führt durch den Regen in letzteres.

03.00 Uhr. Location: NtLounge.

Es ist offensichtlich, dass auch dieser Club bereits eine lange Nacht hinter sich hat. Der Boden klebt, bepflastert mit Zigarettenstummeln, die Luft stickig, die Toiletten ein Graus. Aber die DJs Electric Zombies machen Stimmung, die Musik lässt jeden noch einmal wach werden, um auch die letzte Etappe zu geniessen. Auf Facebook macht die DJ-Crew folgenden Eintrag: “Our motive is the all-embracing universal love of gettin lost in sound. Come get lost with us.” Das machen wir und das tut gut. Jeder tanzt und jeder tanzt ungeniert mit jedem. Noch einmal wird richtig gefeiert, geliebt und gesungen, bevor die Jungs kurz vor fünf verstummen.

Letzte Meldung der Twitterleinwand: “So Chinder, göt ändlech mau hei.” Wer diesen Rat nicht befolgen will, kann noch ins Funambolo des NtAreals, wo drum-˜n-˜bass durch die Wände dröhnt. Den anderen ist zu einem erholsamen Schlaf geraten, denn das war erst die erste Nacht des Bscene-Festivals.

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